BONN, 28. Oktober. "De Chef kütt." Wer wäre nicht gespannt auf die neue Dame oder den neuen Herrn, nach deren oder dessen Pfeife er tanzen soll in den kommenden Jahren? Beamte und Verwaltungsangestellte der Bonner Ministerien eilten am Mittwoch in die Lobbys, Säle und Turnhallen, um den Stabwechsel an den Ressortspitzen zu beobachten und zu beklatschen.Joschka Fischer legt einen lässigen Start hin im Auswärtigen Amt. Wo sein Vorgänger Klaus Kinkel ein neun Seiten starkes Manuskript vorliest, erzählt der erste grüne Außenminister scheinbar aus dem Stegreif, wie er die deutschen Interessen in aller Welt sieht und wie er sie bewegen wird. "Mönchlein, Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang", zitiert Fischer einen Satz, den ein Mann Martin Luther auf dem Weg zum Wormser Reichstag zugeflüstert haben soll. Den Diplomaten, die im "Weltsaal" des AA bis auf den Flur stehen, wärmt es das Herz. Als er noch sagt: "Wenn was schiefgeht, stehe ich nach außen dafür gerade, und wir regeln das später intern" da ist das Eis getaut. "Aber das klären wir dann auch", ruft Fischer hinterher.Der scheidende Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) überreicht seinem Nachfolger Oskar Lafontaine einen großen Schlüssel. "Natürlich einen schwarzen", mekkert der SPD-Chef, freut sich aber über den netten Empfang. Waigel hat ein Gedicht von Grillparzer herausgesucht: "Der Minister des Äußeren will sich nicht äußern, der Minister des Innern kann sich nicht erinnern, der Minister der Kriege hat keine Siege nur nach der Pfeife des Ministers der Finanzen müssen alle tanzen." Lafontaine kräht ins Gelächter: "Das bin ich."Im Wirtschaftsministerium herrscht Wehmut. Zwar darf man sich jetzt Ministerium "für Wirtschaft und Technologie" nennen. Aber Teile des Hauses werden zu Lafontaines Behörde abkommandiert. Der neue Minister Werner Müller versucht die Verbliebenen zu trösten: "Wir werden die ordnungspolitischen Grundsätze hochhalten auch ohne diese Abteilung." Dann weist Müller darauf hin, daß er parteilos sei: "In der Konsequenz habe ich also auch keinen Parteivorsitzenden." Rauschender Beifall.Norbert Blüm, der christdemokratische Herz-Jesu-Marxist, übergibt das Sozialministerium nach 16 Jahren an seinen Duzfreund Walter Riester von den Sozialdemokraten. Eine Gesellschaft ohne Solidarität sei nicht überlebensfähig, mahnt Blüm vor 1 000 Zuhörern in der Mehrzweckhalle Duisdorf.Die lockeren Reden lassen die Anspannung in den Ministerien nur kurze Zeit vergessen. Manche erwarten ihre Entlassung, andere ihre Versetzung, dritte ihre Beförderung. Zeit für Gefühle, auch bei den Oberen. Waigel mag nicht verwinden, daß sein Staatssekretär Manfred Overhaus sich seit der Wahlnacht plötzlich so gut mit den Sozis versteht und auf seinem Posten bleiben darf. "Der immerwährende Staatssekretär", lästert Waigel.
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