Der Beitrag „Verwirklicht Elon Musk die Zukunftsprognosen von Karl Marx?“ des Sozialwissenschaftlers Maik Hosang in der Berliner Zeitung hat intensive Diskussionen aus gelöst. Unser Autor stellt die Frage: Können Milliardäre, die durch die Konzentration privaten Kapitals eine außerordentliche politische Stellung erlangt haben, zu Wegbereitern einer Gesellschaft werden, in der Kapital, Geld und materielle Knappheit ihre beherrschende Bedeutung verlieren?
Hosang beantwortet diese Frage mit vorsichtigem Optimismus. Er betrachtet Musk nicht nur als Superkapitalisten, sondern als möglichen Träger eines historischen Übergangs. Künstliche Intelligenz, Robotik und automatisierte Produktion könnten nach dieser Auffassung einen materiellen Überfluss hervorbringen, der die bisherige Bindung des menschlichen Lebens an Lohnarbeit und Geld überwindet.
Dieser Gedanke ist nicht abwegig. Er berührt tatsächlich einen der erstaunlichsten und aktuellsten Teile der Marxschen Theorie. Seine Übertragung auf Elon Musk bedarf jedoch erheblicher historischer und gesellschaftstheoretischer Korrekturen.
Hosang beschreibt die Vereinigten Staaten als jene Macht, die seit 1940 ihre gewaltige Industriemaschinerie in Bewegung gesetzt, Panzer und Flugzeuge produziert und junge Männer nach Europa entsandt habe, um die Welt vor der Herrschaft Hitlers zu bewahren.
Historische Richtigstellung
Die industrielle und militärische Leistung der USA war zweifellos bedeutend. Amerikanische Waffenlieferungen, Fahrzeuge, Rohstoffe, Nahrungsmittel und logistische Hilfen stärkten Großbritannien, die Sowjetunion und die anderen Alliierten. Spätestens seit der Landung in der Normandie leisteten amerikanische Soldaten einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Westeuropas.
Ebenso wenig dürfen die Rolle Großbritanniens, der Widerstand in den besetzten Ländern, die Leistungen der französischen, polnischen, jugoslawischen und anderer Streitkräfte sowie der Kampf gegen Japan übergangen werden.
Den entscheidenden Hauptanteil an der militärischen Zerschlagung des nationalsozialistischen Deutschlands trug jedoch die Sowjetunion. Der Krieg wurde im Osten in einer Dimension geführt, die mit den Kämpfen an der Westfront kaum vergleichbar war. Moskau, Stalingrad, Kursk und schließlich die Operation Bagration zerstörten zentrale Kräfte der Wehrmacht. Die Rote Armee befreite große Teile Osteuropas und erreichte Berlin.
Die Sowjetunion bezahlte diesen Sieg mit einem heute kaum noch vorstellbaren Opfer. Die wissenschaftlich überwiegend anerkannte Größenordnung liegt bei etwa 26 bis 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten. Darunter befanden sich ungefähr 8,7 Millionen Militärangehörige; die Mehrheit der Opfer waren Zivilisten, die durch Besatzungsterror, Massenerschießungen, Hunger, Zwangsarbeit, Belagerungen und die systematische Vernichtungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands ums Leben kamen.
Keine nebensächliche Korrektur
Es wäre deshalb ebenso falsch, die westalliierte Unterstützung zu leugnen, wie den Sieg über Hitlerdeutschland hauptsächlich den Vereinigten Staaten zuzuschreiben. Historisch angemessen ist die Feststellung: Das nationalsozialistische Deutschland wurde durch das gemeinsame Handeln der Alliierten besiegt, doch die Sowjetunion und ihre Rote Armee trugen die Hauptlast des europäischen Landkrieges und brachten dafür die mit Abstand größten Opfer.
Diese Korrektur ist für die weitere Argumentation nicht nebensächlich. Sie zeigt, wie leicht eine Fortschrittserzählung, die Amerika zum nahezu alleinigen Hüter von Freiheit und Demokratie erklärt, die historischen Leistungen und Leiden anderer Völker ausblendet. Eine erneuerte marxistische Analyse muss gerade solche einseitigen Geschichtsbilder überwinden.
Im Gespräch mit der Economist-Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes entwirft Elon Musk ein außerordentlich optimistisches Bild der kommenden zehn Jahre. Künstliche Intelligenz werde möglicherweise innerhalb von fünf Jahren die gesamte menschliche Intelligenz übertreffen. In Verbindung mit humanoiden Robotern könne sie eine nahezu unbegrenzte Menge von Gütern und Dienstleistungen produzieren.
Musk sagt ein „Zeitalter erstaunlichen Überflusses“ voraus. Im Jahr 2036 könne Geld weitgehend bedeutungslos geworden sein, weil Roboter mehr Nahrung, Wohnraum, Transportleistungen und Konsumgüter bereitstellten, als Menschen überhaupt verbrauchen könnten. Für die Übergangszeit spricht Musk von einem „Universal High Income“ – nicht nur von einem existenzsichernden Grundeinkommen, sondern von einem allgemein hohen Einkommen. Darin besteht tatsächlich eine überraschende Nähe zu Marx. Sie darf allerdings nicht mit einer inhaltlichen Übereinstimmung verwechselt werden.
Historische Quantensprünge: Realisiert Elon Musk die Visionen des Karl Marx?
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Musk formuliert eine technologische Prognose. Marx entwickelte eine Kritik der gesellschaftlichen Produktions- und Eigentumsverhältnisse. Musk nimmt an, dass die Steigerung der Produktivität den Überfluss gewissermaßen automatisch für alle verfügbar machen werde. Marx fragte dagegen, wem die Produktionsmittel gehören, wer über die erzeugten Produkte verfügt und welche gesellschaftlichen Verhältnisse die technische Entwicklung hervorbringt.
Gerade an der entscheidenden Stelle bleibt Musk im Interview eine Antwort schuldig. Die Interviewerin fragt ihn, ob seine Unternehmen die Roboter verkaufen oder ob sie selbst mit den von ihnen kontrollierten Robotern Güter und Dienstleistungen produzieren würden. Damit stellt sie die Eigentumsfrage. Wenn wenige Konzerne die Roboter, KI-Systeme, Rechenzentren, Energienetze, Satelliten und Daten kontrollieren, entsteht nicht automatisch eine Gesellschaft allgemeinen Überflusses. Es kann ebenso eine bisher unbekannte Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht entstehen.
Technisch mögliche Fülle und gesellschaftlich verfügbarer Wohlstand sind zwei verschiedene Dinge. Schon heute produziert die Welt genügend Nahrungsmittel, um alle Menschen zu ernähren. Dennoch leiden Menschen Hunger, weil Kaufkraft, Eigentum, Infrastruktur und politische Macht ungleich verteilt sind.
Auch leerstehende Wohnungen beseitigen Obdachlosigkeit nicht automatisch. Medikamente erreichen nicht jeden Kranken, nur weil ihre Herstellung technisch möglich ist. Wissen wird trotz digitaler Reproduzierbarkeit durch Patente, Lizenzen und Bezahlschranken begrenzt.
Wem gehören die Maschinen?
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie viel können KI und Roboter produzieren? Sie lautet: Wem gehören die Maschinen, und wer entscheidet über die Verteilung ihrer Produkte?
Wenn die automatisierte Produktion Privateigentum weniger Konzerne bleibt, kann sie den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit verschärfen. Arbeitskräfte verlieren ihre Verhandlungsmacht, während die Eigentümer der automatisierten Systeme über Produktion, Preise, Daten und gesellschaftliche Infrastruktur verfügen. Die Befreiung von Arbeit könnte für die einen freie Lebenszeit bedeuten und für die anderen Arbeitslosigkeit, Einkommensverlust und politische Ohnmacht.
Musk setzt voraus, dass die technischen Produktivkräfte letztlich zu einer wohlhabenden Gesellschaft für alle führen werden. Marx hätte an diesem Punkt erwidert, dass Produktivkräfte stets innerhalb bestimmter Produktionsverhältnisse wirken. Dieselbe Maschine kann Menschen von belastender Arbeit befreien oder ihre Abhängigkeit steigern. Entscheidend ist, wer sie besitzt und zu welchem gesellschaftlichen Zweck sie eingesetzt wird.
In den 1857 und 1858 entstandenen „Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie“ untersuchte Marx eine Entwicklung, die erst im Zeitalter von KI und Robotik ihre volle Anschaulichkeit gewinnt.
Vergesellschaftetes Wissen
Mit der Entwicklung automatisierter Maschinen werde die unmittelbar geleistete menschliche Arbeitszeit immer weniger zur eigentlichen Quelle des Reichtums. Wissenschaft, technisches Wissen, Kooperation und gesellschaftliche Erfahrung gingen in die Produktionssysteme ein. Marx bezeichnete dieses vergesellschaftete Wissen als allgemeine gesellschaftliche Produktivkraft – später häufig mit dem englischen Ausdruck „general intellect“ zusammengefasst.
Damit entstehe ein fundamentaler Widerspruch: Der Kapitalismus bemisst Wert weiterhin an Arbeitszeit, während seine eigenen Maschinen die notwendige Arbeitszeit immer weiter reduzieren.
Die Produktivkraftentwicklung untergräbt folglich den Maßstab, auf dem das kapitalistische System beruht. Der gesellschaftliche Reichtum könnte zunehmend nicht mehr von langer Arbeitszeit, sondern von Wissen, Automatisierung und der freien Entwicklung menschlicher Fähigkeiten abhängen.
Marx schrieb in diesem Zusammenhang über die Bedeutung der verfügbaren Zeit. Freie Zeit sei nicht bloß Untätigkeit, sondern auch Zeit für höhere Tätigkeit. Sie verändere den Menschen selbst und ermögliche ihm, mit entwickelten Fähigkeiten in den gesellschaftlichen Produktionsprozess zurückzukehren.
Erstaunliche Denkfehler: Karl Marx war ein lausiger Philosoph
Karl Marx ein „lausiger Philosoph“? Das kann man keinesfalls so stehen lassen!
Hier liegt die wirkliche Verbindung zwischen Marx und der gegenwärtigen KI-Revolution. Wenn Maschinen einen wachsenden Teil der notwendigen Arbeit übernehmen, könnte die dadurch gewonnene Zeit allen Menschen für Bildung, Kultur, Pflege, Wissenschaft, Kunst, politische Beteiligung und persönliche Entwicklung zur Verfügung stehen.
Doch Marx beschreibt keinen Automatismus. Der Kapitalismus verwendet Produktivitätsgewinne zunächst nicht dazu, allen Menschen freie Zeit zu schenken. Er nutzt sie, um Kosten zu senken, Arbeitskraft einzusparen, Märkte zu beherrschen und Gewinne zu steigern. Für Beschäftigte kann technische Rationalisierung daher gleichzeitig höhere Produktivität, stärkere Kontrolle, Arbeitsplatzverlust und soziale Unsicherheit bedeuten.
Hosangs Essay erweckt den Eindruck, Marx habe erkannt, politische Revolutionen und Klassenkämpfe könnten den Übergang zu einer freien Gesellschaft nicht herbeiführen, weil sie lediglich das Personal bestehender Machtstrukturen austauschten.
Diese Interpretation lässt sich mit Marx’ Gesamtwerk nicht vereinbaren. Marx betrachtete die Geschichte kapitalistischer Gesellschaften gerade als Geschichte gesellschaftlicher und politischer Kämpfe. Er erwartete nicht, dass sich das Kapital durch die Einsicht besonders weitsichtiger Kapitalisten freiwillig selbst abschaffen werde.
Rückabwicklung der Entfremdung
Zwar verstand Marx den Sozialismus nicht als bloßen Wechsel der Regierung. Eine wirkliche Emanzipation musste für ihn die Eigentums-, Produktions- und Lebensverhältnisse verändern. Daraus folgt aber nicht, dass er Klassenauseinandersetzungen oder politische Umwälzungen für überflüssig hielt.
Auch das häufig zitierte Ziel einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“, stammt nicht aus einer Absage an gesellschaftlichen Kampf, sondern aus dem „Kommunistischen Manifest“. Es bezeichnet das Ziel einer Überwindung der alten Klassenverhältnisse.
Ebenso stammt der Grundsatz, wonach in einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft jeder nach seinen Fähigkeiten beitragen und nach seinen Bedürfnissen erhalten solle, aus der „Kritik des Gothaer Programms“. Auch dieser Satz setzt voraus, dass die gesellschaftlichen Produktionsbedingungen nicht länger als fremde Macht über den Produzenten stehen.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob Klassenkampf durch Technik ersetzt wird. Sie lautet, welche neuen gesellschaftlichen Konflikte um Eigentum, Kontrolle und Verteilung aus der technologischen Entwicklung entstehen.
Musk als Widerspruch, nicht als Erlöser
Elon Musk kann als Personifikation eines historischen Widerspruchs verstanden werden. Seine Unternehmen treiben Technologien voran, die menschliche Arbeit in großem Umfang ersetzen und einen außergewöhnlichen materiellen Reichtum ermöglichen könnten. Zugleich beruht seine Macht auf privatem Eigentum, Kapitalmärkten, Patenten, staatlichen Aufträgen und der Konzentration technologischer Infrastruktur.
Musk ist daher nicht die Auflösung des Kapitalverhältnisses, sondern zunächst dessen äußerste Zuspitzung. Hosangs Vorstellung, das Kapital könne sich in der Person des reichsten Kapitalisten gewissermaßen selbst aufheben, ersetzt die Analyse gesellschaftlicher Interessen durch die Hoffnung auf die Einsicht eines außergewöhnlichen Individuums. Damit erhält der Milliardär beinahe eine messianische Rolle.
Doch Musk erklärt nicht, dass er das Eigentum an seinen Unternehmen in gesellschaftliches Eigentum überführen wolle. Er entwickelt kein Modell demokratischer Verfügung über KI, Robotik, Starlink oder die Energieversorgung. Seine Aussage, Geld werde in zehn Jahren keine Rolle mehr spielen, beantwortet nicht die Frage, wie die Menschheit vom gegenwärtigen Privateigentum an den Produktivkräften zu einem allgemeinen Recht auf deren Erzeugnisse gelangen soll.
Formen privater Weltgestaltung
Auch seine politische Macht widerspricht der Vorstellung eines bereits entstehenden Reiches allgemeiner Freiheit. Im Interview konfrontiert ihn Minton Beddoes ausdrücklich damit, dass er mit seinem Vermögen, der Plattform X und Hunderten Millionen Followern auf die europäische Politik einwirke, obwohl er dort weder gewählt sei noch lebe. Genau an diesem Punkt trifft sich die Musk-Debatte mit Angela Merkels Aussage über Bill Gates.
Gates übt nach Merkels Darstellung „qua Geld“ moralischen Druck auf Regierungen aus. Musk verfügt zusätzlich über eine globale Kommunikationsplattform, Satelliteninfrastruktur, Raumfahrtkapazitäten, KI-Systeme und direkten Einfluss auf politische Debatten. Beide Fälle zeigen, dass technologische Innovation und Philanthropie nicht automatisch zur Auflösung privater Macht führen. Sie können deren Reichweite vielmehr außerordentlich vergrößern.
Bill Gates und Elon Musk verkörpern unterschiedliche Varianten desselben Grundproblems. Gates wirkt vor allem über Stiftungen, Gesundheitsprogramme, Forschungsfinanzierung und internationale Organisationen. Seine Macht erscheint als moralisch legitimierte Hilfe.
Musk wirkt über Unternehmen, Infrastruktur, digitale Kommunikation, Raumfahrt, künstliche Intelligenz und öffentliche Intervention. Seine Macht erscheint als technologische Zukunftsgestaltung.
Beide beanspruchen, globale Probleme effizienter bearbeiten zu können als schwerfällige staatliche Institutionen. Beide können auf tatsächliche Leistungen verweisen. Und beide verfügen über politische Einflussmöglichkeiten, die nicht aus demokratischen Wahlen, sondern aus konzentriertem Eigentum hervorgehen.
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Die Frage ist deshalb nicht, ob Gates und Musk persönlich gute oder schlechte Menschen sind. Eine demokratische Gesellschaft darf ihre Zukunft nicht von den Absichten einzelner Milliardäre abhängig machen. Entscheidend ist, ob die von ihnen kontrollierten Ressourcen demokratisch überprüft, gesellschaftlich begrenzt und am Gemeinwohl ausgerichtet werden können.
Möglicherweise ist tatsächlich der Zeitpunkt gekommen, sich erneut und unvoreingenommen mit der marxistischen Weltanschauung zu beschäftigen. Das bedeutet nicht, die politischen Systeme des 20. Jahrhunderts zu idealisieren oder historische Lehrsätze unverändert zu übernehmen.
Es bedeutet, zu Marx’ Fragen zurückzukehren: Wie entstehen wirtschaftlicher Wert und gesellschaftlicher Reichtum? Wem gehören die Produktionsmittel? Wer verfügt über die Ergebnisse gemeinschaftlicher Arbeit? Warum erscheint die von Menschen geschaffene Wirtschaftsordnung ihnen als fremde, unbeherrschbare Macht? Wie verwandelt sich Eigentum in politische Herrschaft? Was geschieht, wenn Maschinen die notwendige Arbeitszeit drastisch verkürzen? Wie kann gewonnene Zeit in Freiheit statt in Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit verwandelt werden? Welche Eigentumsformen entsprechen einer Produktion, die wesentlich auf dem Wissen der gesamten Gesellschaft beruht?
Gerade die „Grundrisse“ bieten für diese Debatte einen erstaunlich modernen Ausgangspunkt. KI ist nicht das Werk eines einzelnen Unternehmers. In ihr verdichten sich Generationen wissenschaftlicher Forschung, öffentlich finanzierte Bildung, mathematisches Wissen, Sprache, kulturelle Überlieferung, weltweit erzeugte Daten und die Arbeit unzähliger Menschen.
Zeitgemäße marxistische Politik
Wenn dieses gesellschaftlich erzeugte Wissen zur wichtigsten Produktivkraft wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, weshalb seine technischen Verkörperungen wenigen privaten Eigentümern gehören sollen. Eine zeitgemäße marxistische Politik müsste deshalb über die bloße Verstaatlichung alter Industrien hinausgehen.
Sie müsste neue Formen gesellschaftlicher Verfügung entwickeln: öffentlich oder genossenschaftlich kontrollierte KI-Infrastrukturen; demokratische Aufsicht über Daten und algorithmische Entscheidungen; Beteiligung der Beschäftigten an Eigentum und Unternehmensentscheidungen; Verkürzung der Arbeitszeit entsprechend dem Produktivitätsfortschritt; ein garantiertes Einkommen beziehungsweise einen garantierten Zugang zu grundlegenden Gütern; Vergesellschaftung zentraler digitaler und energetischer Infrastrukturen; freie Bildung und allgemeiner Zugang zu wissenschaftlichem Wissen; internationale Regeln, die technologische Monopole begrenzen; eine Friedensordnung, die verhindert, dass KI und Robotik zuerst für Aufrüstung und Krieg eingesetzt werden.
Hosangs Essay besitzt trotz seiner Überhöhung Musks einen wichtigen Verdienst: Er erinnert daran, dass Marx nicht nur ein Theoretiker von Ausbeutung und Krise war. Marx untersuchte ebenso die Möglichkeit einer Gesellschaft, in der die Entwicklung der Produktivkräfte den Zwang zu lebenslanger entfremdeter Arbeit überwindet.
Die materielle Grundlage einer solchen Gesellschaft könnte durch KI und Robotik tatsächlich näher rücken. Aber sie entsteht nicht von selbst. Zwischen technischer Möglichkeit und gesellschaftlicher Freiheit steht die Eigentumsfrage. Wenn wenige Konzerne die automatisierten Produktivkräfte kontrollieren, kann das Ergebnis eine digitale Feudalordnung sein: Eine kleine Gruppe besitzt Maschinen, Daten und Infrastruktur, während die Mehrheit von Zuteilungen abhängig wird.
Vom Überfluss zur Politik der Freiheit
Werden diese Produktivkräfte dagegen als Ergebnis gesellschaftlicher Gesamtarbeit verstanden und demokratisch verfügbar gemacht, könnte die von Marx vorausgedachte Entwicklung eine neue Gestalt annehmen: weniger notwendige Arbeitszeit, mehr freie Zeit, materielle Sicherheit und die Möglichkeit umfassender Bildung und Selbstentfaltung.
Die gegenwärtige Aufgabe besteht daher weder darin, Elon Musk zum Erlöser zu erklären, noch technische Entwicklung aus Angst vor ihren Eigentümern abzulehnen. Es geht darum, die ungeheuren Produktivkräfte der Gegenwart aus ihrer Unterordnung unter private Akkumulation zu lösen.
In diesem Sinne könnte die erneute Beschäftigung mit Marx tatsächlich zu neuen Erkenntnissen für eine Veränderung der Welt führen. Nicht als Rückkehr zu einer erstarrten Staatsdoktrin, sondern als Wiedergewinnung einer kritischen Methode, die technische Möglichkeiten, Eigentumsverhältnisse, politische Macht und menschliche Freiheit zusammendenkt.
Die entscheidende Zukunftsfrage lautet nicht, ob Musk Marx verwirklicht. Sie lautet, ob die Gesellschaft die von ihr selbst hervorgebrachten Produktivkräfte unter demokratische Kontrolle bringen und für die freie Entwicklung aller Menschen einsetzen kann.
Klaus-Dieter Böhm ist Kulturmanager und Unternehmer.
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