„Der Ton macht die Musik“ – dieses Sprichwort gibt es in leicht abgewandelter Form überall, ob im Französischen, Niederländischen oder Russischen. Die Ungarn äußern es etwas zärtlicher: „Mondhatta volna szebben, kis lovag.“ („Du hättest es besser sagen können, kleiner Ritter.“) Im Englischen sagt man: „It’s not what you say, but how you say it.“ („Es kommt nicht darauf an, was du sagst, sondern wie du es sagst.“) Was nicht bedeuten soll, dass der Inhalt nun völlig schnuppe ist, aber allein über den Ton kann man vieles ausrichten.
Mitte August im Zug von der Ostsee nach Berlin: ein heißer Tag, der ICE vollgestopft. Koffer türmen sich in jeder Nische. Das Bistro ist zwar offen, die Speisekarte jedoch seitenweise mit großen Kreuzen durchgestrichen. Zum Glück gibt es Kaffee und ein paar Snacks auf der langen Fahrt.
Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige: Was ist dann die Deutsche Bahn?
Wenigstens ist der Zug einigermaßen pünktlich. Bereits eine Viertelstunde vor der geplanten Einfahrt in Berlin-Gesundbrunnen schieben sich die ersten Reisenden in Richtung Türen. Der Zug hält nämlich nur vier Minuten im Bahnhof. Da muss man sich beeilen, um mit Koffern, Klamotten und Kinderwagen rauszukommen.
„Jebt dem Mann doch’n leeren Zuch zum Begleiten, ohne Menschen und Jepäck!“
Plötzlich meldet sich der Zugbegleiter über Funk zu Wort. Er wirkt gestresst, genervt. „Die Gänge und Türen müssen frei gemacht werden“, blafft er unfreundlich. „Der Zug muss jederzeit evakuiert werden können.“ Auch der Notfallkoffer müsse schnell durch den Zug transportiert werden können, falls jemandem etwas passiere. Eine gefühlte Ewigkeit doziert der Mann darüber, was alles Schlimmes geschehen könnte. Gewiss hat er irgendwie recht, aber er vergisst dabei, das Wichtigste anzusagen – nämlich, dass der Zug gleich in Gesundbrunnen einfährt.
Rolltreppen-Chaos, Verspätungen, Vollversagen: Die Deutsche Bahn schafft sich ab
Wups, auf einmal ist der Bahnsteig da. Die Leute, die eben noch in die Abteile zurück sollten, müssen nun ganz fix machen. Sie schieben, drücken, rumpeln, quetschen hin zum Ausgang! Niemand begreift, was diese Aktion sollte. „Jebt dem Mann doch’n leeren Zuch zum Begleiten, ohne Menschen und Jepäck!“, ätzte mein innerer Berliner.
Ein menschlich-freundlicher Ton müsste eigentlich Standard sein
Wie anders war es da doch auf der Hinfahrt von Berlin an die Ostsee! Die Situation war ähnlich, der ICE sogar noch voller. Leute und Koffer standen in den Gängen. Da meldete sich per Funk die Zugbegleiterin. Sie klang trotz der stressigen Lage freundlich, ja sogar fröhlich. Da wir diese Reise „gemeinsam schaffen“ wollten, sollten wir alle „ein bisschen zusammenrücken“, sagte sie. Mit ihrer Kollegin ging sie durch alle Wagen. Sie half dabei, das Gepäck besser unterzubringen. Sie schaute auf eine gute Auslastung der Sitzplätze, damit „niemand stehen“ müsste. Und für alle hatte sie ein paar humorvolle Worte parat.
Deutsche Bahn will sich mehr auf das Eisenbahnfahren konzentrieren
Fast hätte man sich gewünscht, dass der Zug irgendwo strandete, um zu sehen, wie diese Zugbegleiterin diese Situation mit Humor meistern würde! Vielleicht so: „Wir stehen hier leider, weil die Strecke vor uns mit Zügen verstopft ist. Aber schauen Sie doch mal auf die wunderbaren Sonnenblumen am Feldrand. Es ist Sommer, und wir machen das Beste draus. Gleich kommen wir mit Erfrischungen vorbei.“
Man muss ja nicht gleich irgendwo festsitzen. Meist geht es doch darum, in Alltagssituationen etwas umgänglicher, aufmerksamer zu sein. Wir haben uns übrigens auf dem Portal der Deutschen Bahn für den menschlich-freundlichen Ton auf dieser Fahrt bedankt, der überall Standard sein müsste. Vielleicht ein kleiner Anstoß für eine Sympathie-Offensive.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]