PRAG, im November. Wohl nie zuvor erlebten die Kirchen im eher areligiösen Tschechien einen solchen Zulauf wie vor rund einem Jahr. Zehntausende folgten da dem Aufruf des Primas der katholischen Kirche und Prager Erzbischofs, Kardinal Miloslav Vlk, für die Genesung des schwerkranken Staatspräsidenten Vaclav Havel zu beten. "Das ist ein grundlegender Moment in der Geschichte unseres Landes", sagte der Kardinal mit schwerer Stimme im Veitsdom und brachte damit zum Ausdruck, was alle dachten. Noch hatten die Ärzte nur angekündigt, der rätselhaft langen Lungenentzündung des Präsidenten mit der Entnahme einer Gewebsprobe auf den Grund gehen zu wollen. Doch jedem war da schon klar, daß Havel wohl Krebs habe. Alle Uhren in Tschechien, so hatte man damals den Eindruck, würden für immer angehalten werden, wenn sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sollten und das Land plötzlich ohne seinen beispiellos beliebten Präsidenten dastünde.Auch jetzt bangt das Land wieder um den neuerlich mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus liegenden Havel. Heute nachmittag will sich das behandelnde Ärzteteam ausführlich zum Gesundheitszustand des Präsidenten äußern. Aber das Thema, das den Medien seit Tagen die Hauptschlagzeilen liefert, wird unter der Bevölkerung weit weniger diskutiert als noch vor Jahresfrist. "Klar mögen wir ihn nach wie vor. Viele sehen ihn jetzt aber etwas realistischer, nicht mehr so verklärt", sagt Marie Duskova, eine Prager Rentnerin. Sie wartet an Allerheiligen auf dem Weinbergfriedhof geduldig zwischen anderen Menschen vor der Familiengruft der Havels, um eine Kerze für dessen erste Frau Olga zu entzünden. "Die Tatsache, daß der Präsident nicht das ganze Trauerjahr abwartete, bis er neu heiratete, können ihm viele bis heute nicht verzeihen. Zumal Olga so ganz anders war als seine jetzige Frau Dagmar. Sie war stets zurückhaltend und hatte einen guten Einfluß auf ihren Vaclav", sagt die ältere Dame.Immer neu angestachelt wird dieser Vergleich vor allem vom privaten TV-Einschaltquotenkönig Nova, der eine Art Rachefeldzug gegen Havel zu führen scheint. Der Präsident und seine Frau hatten sich öffentlich darüber beklagt, daß Havel während seines vorjährigen Krankenhausaufenthaltes von Kameraleuten des Senders aus einem gegenüberliegenden Gebäude im Kankenbett abgelichtet wurde. Seither tobt bei Nova der Kampf gegen die angebliche "Erbschleicherin" Dagmar Havlova und damit auch gegen ihren Mann. "Wir sind völlig machtlos gegen diese üble Vorgehensweise", sagt ein hochrangiger Mitarbeiter auf der Prager Burg verbittert.Einige SympathieverlusteBesagte Kampagne hat mit Sicherheit ihren Anteil am Popularitätsverlust Havels unter seinen Landeskindern. Vertrauten ihm vor Jahresfrist mehr als 80 Prozent der Bevölkerung, so sind es jetzt nur noch reichlich 60 Prozent. Für Risse im freilich teilweise schon unnormalen Anbetungsverhältnis, das viele seiner Mitbürger zu ihrem Präsidenten unterhalten, hat Havel aber auch selbst gesorgt. Zuletzt mit seinem anfangs nur wenig sensiblen Umgang mit den Opfern des Hochwassers in Mähren. Statt mit den Betroffenen zu reden, nahm er die Folgen der Katastrophe nur vom Hubschrauber aus in Augenschein. Und in einem Anflug falschverstandenen Stolzes erklärte er ausländische Hilfe für unnötig.Kritischer als früher wird auch Havels politische Alltagsarbeit bewertet. "Ich bin mir zu schade, nur irgendwo Kränze niederzulegen. In diesem Fall werde ich nicht kandidieren", hatte er verkündet, als die Prager Verfassungsväter das Grundgesetz der selbständigen Tschechischen Republik ausarbeiteten. Als ihm das Amt eines mehr oder minder politisch zahnlosen Präsidenten dann tatsächlich angetragen wurde, griff er doch zu. Gedrängt von der politischen Elite wie vom Volk gleichermaßen und getrieben von seinem Pflichtgefühl. Die Beschränkungen seines Amtes auf meist repräsentative Dinge schleppt Havel vor allem seit den Unterhauswahlen im Sommer vergangenen Jahres, die mit einem politischen Patt endeten, wie einen Klotz am Bein mit sich herum. Über eine Woche versuchte er hinter den Kulissen, den vom Volk praktisch abgewählten Premier Vaclav Klaus durch eine andere Konstellation zu ersetzen. Das mißlang. Als den Tschechen in diesem Frühjahr deutlich wurde, daß der Klaussche Kurs das Land in schwere wirtschaftliche Turbulenzen gelenkt hatte, nahm Havel das Wort von der "blöden Laune", unter der das Land leide, in den Mund. Die Tschechen hatten diese Empfindung jedoch schon lange vor dem ersten Mann im Staate gehabt. Sie verlangten mehr von ihm, wollten den Ausweg auf dem Silbertablett serviert bekommen. Doch Havel scheiterte notgedrungen schon beim ersten Schritt in diese Richtung, konnte er sich doch des unpopulären Premiers nicht entledigen. Drohungen, er werde "keiner nur kosmetisch auf wenigen Posten veränderten Regierung assistieren", blieben Luftblasen. Die jüngste Schlappe mußte der Präsident einstecken, als der von ihm unterstützte Außenminister Josef Zieleniec wegen tiefgreifender Differenzen mit Klaus zurücktrat. Havel erklärte zunächst spontan und emotionsgeladen, er lehne die Demission ab. Stunden später aber knickte er unter dem Druck des Premiers und eingedenk seiner nur begrenzten eigenen Machtbefugnisse ein. Das hat seiner Autorität weiter geschadet, obwohl seine Hilflosigkeit nicht hausgemacht, sondern in der Verfassung festgeschrieben ist. Die innenpolitischen Graben-kämpfe der letzten Monate haben Havel sichtlich aufgerieben. Die Ärzte diagnostizierten nicht nur eine neuerliche Lungenentzündung, sondern auch tiefe Erschöpfung. "Vaclav Havel ist 61 Jahre alt, sein biologisches Alter liegt jedoch vielleicht zehn Jahre höher", äußert ein ehemaliger Arzt des Präsidenten hinter vorgehaltener Hand. Handfeste Informationen sind Mangelware. "Wir sehen bislang keine Gründe, daß Havel am 20. Januar kommenden Jahres nicht erneut kandidieren sollte", erklärt der Chef des Ärztekonzils, Miroslav Cerbak. Angesichts der angegriffenen Lunge des Patienten bestehe jedoch schon bei einer gewöhnlichen Erkältung ein größeres Risiko. Havel müsse sein zu umfangreiches Arbeitspensum reduzieren.In den Prager Parteizentralen verdrängt man bis heute den Gedanken, daß eventuell ein anderer das Land führen muß. "Von mir aus nennen Sie das ein "Vogel-Strauß-Verhalten", hört man nahezu unisono, wenn man bei den Verantwortlichen nachfragt. "Diese Havel-verrückte Gesellschaft hätte doch jeden gelyncht, der eine Nachfolgedebatte vom Zaun gebrochen hätte, selbst wenn die begründet gewesen wäre", gibt ein Hinterbänkler aus der Klaus-Partei ODS zu bedenken. Richtig ist aber auch etwas anderes: Havel ist von den Parteien immer als ein doppelter Glücksfall angesehen worden. Nicht nur, daß ihm im Innern die Hände gebunden waren, die Kreise der politischen Eliten entscheidend zu stören. Er hat zudem Tschechien eine außenpolitische Reputation gesichert, die niemand sonst auch nur annähernd dem Land einzutragen vermocht hätte. Genau daraus erklärt sich, daß sich Regierung und demokratische Opposition, ungeachtet aller Zerwürfnisse, in einer Art um Havel scharen, die an realsozialistische Zeiten einer "Nationalen Front" erinnert. Nur eine Sorge trieb die Protagonisten um: Havel könnte sich wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zur Ruhe setzen. Erneute KandidaturSelbst jetzt erntet Havel noch reichlich Verwunderung für seine Überlegung, die Abgeordneten, die ihn wählen sollen, vorab im Stile amerikanischer Präsidenten über seinen Gesundheitszustand zu informieren. "Havel hat seine neuerliche Kandidatur sicher gründlich abgewogen. Ich glaube, daß er imstande ist, das Maß seiner Erkrankung selbst einzuschätzen", sagt Miroslav Macek aus der ODS. Ivan Masek aus der kleinen Schwesterpartei ODA lehnt es als unbotmäßig ab, über Havel zu spekulieren. Für die Christdemokraten überträgt Jaroslav Orel den Medizinern die Verantwortung: "Wenn die Havel grünes Licht geben, stehen wir zu ihm." Ganz leicht macht es sich der Fraktionschef der Sozialdemokraten, Stanislav Gross: "Wir beurteilen Havel nach seinen Taten, nicht nach seinem Gesundheitszustand." Wenigstens einige Journalisten halten es nicht mehr für ein Sakrileg, Tacheles zu reden. Ein Kommentator der "Lidove noviny" bezweifelte als erster, ob sich Havel eine neuerliche Kandidatur antun sollte. Eine Republik ohne Havel, schrieb er, wäre zwar um eine "angenehme Zutat" ärmer. "Danach aber erwartet uns entschieden nicht die Apokalypse. Die Vorstellung, daß mit dem Ende von Havels Präsidentschaft die Zeit der Heuschreckenplage und der Hungersnot kommt, ist kränkend." In der Tat sind die demokratischen Strukturen Tschechiens mittlerweile so weit gefestigt, daß sich das Land auf einem guten Weg in EU und Nato befindet. Doch auch zitierter Kommentar stand unter der Überschrift: "Havel ist die Geisel der politischen Stabilität." Treffender läßt sich die Zerrissenheit der Tschechen nicht beschreiben. Viele würden ihrem Präsidenten einen geruhsamen Lebensabend gönnen. Gleichzeitig aber sehen eben diese Menschen in Havel, trotz aller vermehrten Kritik an ihm, den einzigen wirklichen Halt für ihr Land.Havel selbst scheint die Debatte um seine Person derzeit am wenigsten zu kümmern. Er hat immer noch seinen eigenen Dickschädel. Kaum, daß es ihm etwas besser ging, ließ er sich vorgestern im Krankenhaus von seiner Frau bekochen und genehmigte sich, ohne ärztliche Erlaubnis, ein Bier. Anschließend entschied er kurzerhand, am Sonnabend für eine Stunde das Krankenbett zu verlassen. Auf der Burg, so seine Begründung, müßten neue Minister vereidigt werden. Der ODS-Vize Macek hatte Havel vorgeschlagen, dies per Telefon oder schriftlich zu erledigen. "Wo leben wir denn?" hatte der Präsident gefaucht. Dem leicht entgeisterten Macek blieb darauf nur eine Antwort: "Offenbar nicht in einer Republik, sondern einer Monarchie."
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