So richtig typisch ist Kreuzberg nicht hier oben. Aber so richtig idyllisch: Ein Penthouse im fünften Stock am Paul-Lincke-Ufer, die hohen Wände behängt mit Kunst von Holzschnitt bis Öl auf Großleinwand. Man steht auf edlem Eichenparkett im Fischgrätmuster und schaut aus riesigen Fenstern hinab auf den Landwehrkanal - und auf den Obst- und Gemüsemarkt am anderen Ufer, der dort zweimal die Woche stattfindet. Tatsächlich gibt es eine Verbindung zwischen den Händlern dort unter ihren regennassen Zeltplänen und den Unternehmern im feinen Zwirn hier oben in der Maisonette, in der es an diesem Freitagvormittag allmählich eng wird an den Cocktailtischen. Hier wie dort stehen türkische Kaufleute - besser gesagt: türkischstämmige - und kümmern sich um ihr Geschäft. Die unten betreiben Handel mit Frischwaren, die oben Lobbyarbeit in eigener Sache.Denn eingeladen hat zu diesem Treffen, neben der Europäischen Akademie Berlin, der türkische Unternehmerverband Tüsiad, der seit kurzem auch in der Hauptstadt ein Büro besitzt. Erwartet wird niemand Geringeres als der Ministerpräsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan. Ein "inoffizieller Besuch" soll es sein, um "Integration türkischstämmiger Deutscher" soll es gehen, hier in der Kreuzberger Privatwohnung des Akademiepräsidenten. Natürlich ist von inoffizieller Privatheit wenig zu spüren bei einem Dutzend Fernsehkameras, doppelt so vielen Fotografen sowie Prominenz aus Land und Bund. Herr Wowereit ist da und Herr Diepgen, etliche Parlamentarier aus Abgeordnetenhaus und Bundestag, das Innen- und das Außenministerium ist vertreten, ebenso der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI).Als Ministerpräsident Erdogan kommt, spricht er auch tatsächlich über Integration. Allerdings verliert er kein Wort über die Berliner Problematik: über Sprachbarrieren, Kopftuch-Streit, Arbeitslosigkeit, Abschottung, Islamismus und Ausbildungsmängel auch nach mehr als vierzig Jahren Aufenthalt der einstigen Gastarbeiter. Es geht Erdogan hier im Penthouse um eine Integration auf anderer Ebene: um die der Türkei in die Europäische Union, für die die rot-grüne Bundesregierung längst Unterstützung versprochen hat. Dabei können die Unternehmer von Tüsiad natürlich helfen; schließlich würden sie auch direkt davon profitieren.Und so beschwört er die Bedeutung eines künftigen EU-Beitritts für sein Land, in dem drei Viertel aller Menschen eben dies wollen, wie er sagt. Das Jahr 2004 sei das Jahr der Umsetzung seiner Demokratisierungsgesetze, auch der Streit ums geteilte Zypern müsse bis Mai beigelegt werden. Von einem Beitritt der Türkei würden alle profitieren, politisch und wirtschaftlich gebe es schließlich gemeinsame Interessen. "Wir wollen zur Familie der Europäischen Union gehören", sagt Erdogan, nein, ruft Erdogan inzwischen ins Mikrofon. Im Dezember dieses Jahres, so wünscht er sich, sollten die Beitrittsverhandlungen beginnen. Bei so viel hoher Politik bleibt fürs kleine Kreuzberg unten vorm Haus keine Zeit: Der Ministerpräsident fährt geschwind noch zu einer EU-Debatte ins Auswärtige Amt; die Gemüsehändler am Maybachufer haben von seinem Besuch gar nichts mitbekommen.Foto: Beim Besuch Erdogans in Kreuzberg demonstrierten vier seiner Landsleute laut Polizei gegen die Isolationshaft in der Türkei. Eine Frau wurde verletzt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]