Der US-Regisseur Michael Moore wird bedroht - und gibt dennoch nicht auf

Ein Kämpfer bittet zur Kasse

Mariam Schaghaghi
7 Min

Michael Moore klärt wieder auf und prangert an. Der US-Regisseur ist wegen seiner polemischen und nicht selten auch einseitigen Herangehensweise einer der umstrittensten Dokumentarfilmer der Gegenwart - und mit Sicherheit auch der gefürchtetste. Mit "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" holt der 55-Jährige nun zu seinem bisher größten Schlag aus: Er bläst zum Sturm gegen das System. Moore kritisiert im Jahr Eins nach George W. Bush und dem großen Finanz-Crash das kurzfristige Profitdenken von Banken und Großkonzernen und befasst sich mit den Folgen für die Bürger.Mr. Moore, wo liegt dieser Tage Ihr Geld? Bei einer Bank oder unterm Bett?Ich habe ein Sparbuch. Manchmal investiere ich in staatliche Schatzbriefe, für die man allerdings kaum Zinsen bekommt. In Aktien habe ich nie Geld angelegt - ich glaube einfach nicht an Aktien. Ansonsten habe ich ein Haus gekauft, und ich habe meinen Brüdern, Schwestern und Cousins finanziell aushelfen können.Ihr neuer Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" verurteilt den Kapitalismus als System und plädiert für den Sozialismus. Ist es denn nicht legitim, in den Traum vom großen Geld verliebt zu sein?Ich plädiere ja weniger für den Sozialismus als für eine echte Demokratie! Ich hoffe auf eine demokratische Wirtschaft, in der das Volk Mitspracherecht hat. Ich habe gar nichts dagegen, dass jemand Geschäfte macht, also hart arbeitet und gutes Geld verdient. Nur: Das ist nicht der Kapitalismus dieser Tage! Kapitalismus heute bedeutet, dass ein Prozent der Weltbevölkerung über dieselbe Menge Geld verfügt wie die restlichen 99 Prozent zusammen genommen. Das ist Wahnsinn! Und das muss sich ändern!Warum beschränken Sie sich in Ihrem neuen Film nur auf Beispiele in den USA - wie etwa die Bank Goldman Sachs -, was Ursachen und Ausprägung der Finanzkrise angeht? Warum geben Sie nicht auch Beispiele aus anderen Ländern?Durch meinen Film "Sicko", der das US-Gesundheitssystem mit dem anderer Staaten verglich, habe ich eines begriffen: Sie brauchen mich nicht, damit ich in Ihr Land komme und Ihnen sage, was Sie längst wissen. Das können Dokumentarfilmer aus Ihrem eigenen Land besser. Gerade weil sich "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" so stark auf Amerika konzentriert, dürfte der Film für Sie interessant sein: Ich öffne ein Fenster in die USA, das Sie von CNN nicht geöffnet bekommen. Sie erfahren Dinge, die Sie sonst nicht erfahren hätten. Und nach dem Kinobesuch können Sie darüber nachdenken, ob die zunehmende Privatisierung auch bei Ihnen schief gehen könnte. Denn in den USA hat das für viel Korruption gesorgt.Ist das Problem nicht ein anderes und allgemeines, nämlich Gier?Ja, das stimmt auch. Alle Menschen sind gleich gierig. Gier ist die große, dunkle Seite in jedem von uns. Aber der Kapitalismus kontrolliert die Gier nicht, sondern vergrößert und fördert sie. Deswegen brauchen wir ein anderes System, das nicht darauf basiert.Ist der US-Präsident Barrack Obama in Ihren Augen Sozialist?Ich finde schon. Er fordert, dass auch der Mittelklasse-Amerikaner, etwas vom Wohlstand abbekommt. Was hat man ihn nicht dafür angegriffen! Denn Obama sprach das wesentliche Gebot des Sozialismus aus: dass es eine gleichmäßige Verteilung des Reichtums geben muss.Gibt es da Ansätze in den USA?Dazu ist Obama noch nicht lange genug im Amt. Der Mann hat eine Katastrophe geerbt - von einem verrückten Präsidenten, der das Land und auch die Welt beinahe zerstört hätte. Wie Obama in zwölf Monaten oder selbst zwölf Jahren reparieren soll, was George W. Bush angerichtet hat - das ist mir zu hoch! Offen gesagt verstehe ich nicht einmal, dass Obama diesen Präsidenten-Job überhaupt wollte. Ich bewundere Obama sehr und traue ihm zu, dass er mit allen Kräften versucht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wenn seine eigene Partei sich ihm nicht in den Weg stellt.Was wenn Obama auf der ganzen Linie Erfolg hätte? Was hätten Sie dann noch zu kritisieren?Jetzt werde ich erst mal aufblühen, weil ich nicht mehr im tiefsten Mittelalter lebe, wo die Dummheit gefördert wurde. Es herrscht nun wieder ein Klima, das die Kunst, die Kultur und das freie Denken befördert. Aber auch ein kluger Präsident braucht Menschen, die den neuen Zeitgeist unterstützen, Schriftsteller, Filmemacher, Denker. Ich glaube, dass dies eine tolle Zeit für mich wird.Früher marschierten Sie einfach in eine Firma hinein und stellten Leute zur Rede. Wenn Sie heute irgendwo auftauchen, rufen Manager die Security. Leidet die Recherche für Ihre Filme unter Ihrem Ruhm?Natürlich. Es ist heute viel schwieriger für mich, Filme zu drehen. Früher bin ich einfach irgendwo reinmarschiert - heute hat man Angst, mit mir zu reden. Das ist auch gut so, weil die meisten Dinge, die ich untersuche, einfach nicht zu verteidigen sind. Oder wie will man die Tatsache rechtfertigen, dass ein Kranker nicht zum Arzt gehen kann, weil er kein Geld hat? Das ist nicht vertretbar! - Die Manager greifen mich längst persönlich an: Sie versuchen mir Dinge anzuhängen, mich zu denunzieren, Unwahrheiten zu verbreiten. Bisher hatte ich dafür keine Beweise - bis im Sommer der zurückgetretene Vizepräsident einer Gesundheitsversicherung ein Geständnis machte: dass mehrere Krankenkassen Geld zusammengelegt hatten, um mir etwas anzukreiden.Wie halten Sie Rückschläge, Polemik oder üble Nachrede aus? Wer ist Ihr Verbündeter?Meine Freunde und meine Familie, vor allem meine Frau Kathleen. Besonders wichtig für mich ist auch Anne, meine Schwester. Sie ist die Produzentin meiner Filme. Aber von der professionellen Seite her habe ich keine wirklichen Partner.Wurden Sie im Kampf gegen den Lobbyismus schon mal bedroht?Sicher. Aber ich möchte die persönlichen Opfer, die ich bringe, nicht öffentlich benennen. Der Preis ist allerdings hoch, und ich habe mich oft gefragt, ob ich all das noch einmal so machen würde, wenn ich vor die Wahl gestellt würde. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Warum steht vor der Tür, hinter der wir jetzt dieses Gespräch führen, ein Mann vom Sicherheitsservice? Ich mache doch nur Filme! Ich lebe in einem freien Land! Warum muss ich mir dauernd Sorgen um so etwas wie meine Sicherheit und die meiner Familie machen?Können Sie sich nicht mit Mooreschen Waffen wehren: entlarven?Vielleicht werde ich eines Tages mal darüber auspacken. Vielleicht werde ich sogar ein Buch darüber schreiben und alles erzählen.Wäre es nicht einfacher für Sie, anstelle von Polit-Dokus Spielfilme zu drehen?Oh ja. Wenn die Menschen nach "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" nichts gegen das System unternehmen, dann werde ich irgendein Drehbuch aus meiner Schublade holen. Und mir ab sofort ein schönes Leben machen: harmlose Fiktion drehen und fertig. Aber ich hoffe, dass die Menschen aufwachen und ihre Rolle als Bürger einer Demokratie wahrnehmen. Dann kämpfe ich gern weiter mit.Was ist sind die Motive Ihres Kampfs? Zorn? Mitgefühl?Ich hoffe, es ist Mitgefühl. Aber es ist auch viel Zorn in mir, und den kann ich nicht kontrollieren. Ich kann höchstens versuchen, ihn durch Humor in Schach zu halten. Die meisten großen Komiker waren zornige Menschen, etwa Charlie Chaplin, Groucho Marx oder Richard Prior. Sie nutzten ihren Humor und die Form der Komödie, um mit der Wut auf die menschliche Misere klarzukommen. Humor kann eine sehr effektive Waffe sein im Kampf gegen Ungerechtigkeit.Stellen Sie sich vor, Sie säßen mit Obama beim Kaffee. Wovon würden Sie ihn zu überzeugen suchen?Ich würde sagen: Gib uns ein Monatsbudget des Irak-Kriegs, das sind etwa 15 Milliarden Dollar. Mit diesem Geld könnte man Brunnen graben, die die gesamte Bevölkerung unseres Planeten mit sauberem Trinkwasser versorgen. An den Brunnen könnte auf einer Plakette stehen: "Von euren Freunden aus den USA". Wenn wir den Armen helfen, würde das nie vergessen werden. Wir wären nicht mehr die Nation, vor der man Angst haben muss.Was bedeutet Ihnen Geld? In Ihrer Heimatstadt Flint im US-Bundesstaat Michigan wurde mit Ihrer Geldspende ein geschlossenes Kino wiedereröffnet.Mein Geld ermöglicht mir die Freiheit, das zu tun, was ich tun will. Bei meinen Filmen muss ich mir nie Sorgen machen, ob ich ein Studio damit derart vergrätze, dass ich dort nie wieder drehen kann. Meine Filme und Bücher waren erfolgreich, deswegen verfüge ich über ein Polster bei der Bank. Dafür gibt es in der amerikanischen Arbeiterschicht einen Ausdruck: "Fuck you money". Denn es gibt einem die Möglichkeit, zu jedem zu sagen: Fuck you! Ich mache das, was ich will. Du kannst dein Geld nicht als Geisel gegen mich verwenden.Das Gespräch führte Mariam Schaghaghi.------------------------------Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (Capitalism: A Love Story) USA 2009. Drehbuch & Regie: Michael Moore, Kamera: Daniel Marracino, Jayme Roy. Dokumentarfilm. 127 Minuten, Farbe. FSK ab 6 Jahre.------------------------------"Ich habe ein Sparbuch. In Aktien habe ich nie Geld angelegt - ich glaube einfach nicht an Aktien."Foto: Er hat es auch nicht leicht: Michael Moore vor dem Capitol in Washington.

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