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Der verweigerte Dialog: Was der Naumburger Bilderstreit über Kunst und Denkmalschutz verrät

Im fortwährenden Streit über den Cranach-Triegel-Altar sucht der Künstler das Gespräch mit den Institutionen – vergeblich. Was für ein vielsagender Starrsinn.

Emiel Kowol
8 Min
Ein Restauratorenteam demontiert am 22. Oktober 2025 den Cranach-Triegel-Altar im Naumburger Dom für den Transport nach Rom.

Ein Restauratorenteam demontiert am 22. Oktober 2025 den Cranach-Triegel-Altar im Naumburger Dom für den Transport nach Rom.

© Jan Woitas/dpa

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Michael Triegel hält, was zeitgenössische Kunst oft für sich in Anspruch nimmt, aber allzu häufig nicht erfüllt. Menschen sind von seinen Bildern empört oder begeistert. Mancher ist eingenommen von der altmeisterlich anmutenden Manier des Malers. Ein anderer ist angewidert von der vermeintlich überholten äußeren Form, in der er einen verstaubten Historismus sieht. Dem wieder Nächsten erscheinen die Darstellungen christlicher Motive zu modern geraten, bisweilen gar blasphemisch, während viele von den Bildwelten mit ihren mythischen und christlichen Reminiszenzen fasziniert sind. Jedenfalls reden die Menschen über Michael Triegel.

Spätestens seit Ausbruch des Naumburger Bilderstreits ist der Name des Künstlers in aller Munde. Zur Erinnerung: Vor Zeiten beherbergte der berühmte Westchor der vormaligen Kathedrale St. Peter und Paul an seiner apsidialen Stirn den Hauptaltar Lucas Cranachs mit der heiligen Maria und ihrem himmlischen Jesuskind. Hier lag der Zentralort des liturgischen Heilsgeschehens. Hierher schoben sich die Pilgermassen, um Ablass von ihren Sünden zu erwerben. Und hierher stürmte im reformatorischen Gedränge des Jahres 1541 eine aufgebrachte Menge, die das zentrale Tafelbild mit der heiligen Mutter Gottes zerschlug, das Meister Lucas erst wenige Jahrzehnte zuvor geschaffen hatte.

Milieugrenzensprengende Reichweite

Die historische Wunde, die die Zerstörung der Mitteltafel im Bildersturm riss, ist Triegel zu heilen angetreten. Die Domgemeinde und die vereinigten Domstifter der Dome zu Merseburg und Naumburg beauftragten den in Erfurt geborenen Künstler mit der Anfertigung einer neuen marianischen Mitteltafel, die inmitten der cranachschen Seitenflügel, die das Ereignis überstanden, 2022 wieder im Westchor als Zentrum einer gelebten Liturgie platziert wurde.

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In einem neuerlichen, kaum weniger radikal anmutenden Akt bilderstürmerischer Gesinnung untersagte die internationale Nichtregierungsorganisation Icomos, die kraft völkerrechtlicher Verträge die Unesco bei der Vergabe des Weltkulturerbe-Titels berät und über Weltkulturerbestätten wacht, die Aufstellung des Altars an diesem Ort, gestützt auf denkmalsschutzrechtliche Bedenken. Nach Gastspielen im Paderborner Diözesanmuseum und Kloster Neustift bei Wien findet er nunmehr für die kommenden zwei Jahre Exil im römischen Camposanto.

Wer eine Ausstellung des in Leipzig lebenden und schaffenden Malers besucht, wird nicht nur über den Andrang erstaunt sein, sondern auch über die angeregten Gespräche, die Triegels Werke provozieren. Es handelt sich um Kunst, die auch außerhalb einer engeren Blase Wirkung entfaltet.

Christliche Motive erreichen weit außerhalb etablierter kirchlicher Echokammern Aufmerksamkeit. Im Rahmen kirchlicher Aufträge ist der Entstehungsprozess nicht nur von einer erschöpfenden Beschäftigung mit den dargestellten ikonografischen Inhalten – häufig Heiligenlegenden oder biblischen Szenen – geprägt, sondern eng verknüpft mit dem örtlichen Gemeindeleben. Ein ständiger Austausch des Künstlers mit Mitgliedern der beauftragenden Gemeinden oder Ordensgemeinschaften, im Atelier und vor Ort, nimmt Einfluss auf die Bilder.

Das religiöse Leben der Gemeinden inspiriert so den Künstler, während seine Kunst das religiöse Leben der Gemeinde befruchtet. Für beide – Kunst und Kirche – sind Triegels Bilder, was ihre milieugrenzensprengende Reichweite angeht, ein Ausnahmefall.

Michael Triegel vor seinem bis dato bedeutendsten Werk

Michael Triegel vor seinem bis dato bedeutendsten Werk

© Hendrik Schmidt/dpa

Jeder erkennt, was dort zu sehen ist

Für Anstoß sorgt dabei nicht nur die figurale Formgebung Triegels und sein altmeisterlicher Duktus. Auch die schiere Inhaltlichkeit seiner Kunst eckt an. Denn Triegels Bilder wollen etwas transportieren, wollen zum Nachdenken anregen. Ihre Interpretation folgt dabei aber keineswegs festen Mustern. Zwar führt ein Weg der Entschlüsselung über die Assoziation ikonografisch gefestigter Codes mitsamt der dafür notwendigen Lektüre kanonischer Schlüsselschriften der klassischen europäischen Geistesgeschichte. Er ist aber nicht ausschließlich.

Triegel durchbricht die überlieferten Traditionen geistreich und umspielt die historischen Sehgewohnheiten kunstfertig und klug. Es geht ihm nicht um reine Imitatio vergangener Stile, wie es der Cäcilianismus in der Musik versuchte, und auch nicht um eine christliche Romantisierung, die die Nazarener mit ihrer oft so blutleer anmutenden Kunst ins Werk setzten. Der Einwand, es handele sich hier um Kunst für Kunsthistoriker, die immer erst umfangreich erläutert werden müsse, geht daher fehl.

Im Gegenteil: Gerade die verfemte Figuralität, die klassische Manier der Darstellung, macht Altarbilder, Porträts, Landschaftsaquarelle, Stillleben und Druckgrafiken jedem auf eine niedrigschwellige, weil natürliche Weise zugänglich. Jeder erkennt, was dort zu sehen ist – und ist mitunter zutiefst angerührt.

Weil sie die reine Abstraktion meidet, benötigt Triegels Kunst keinen zusätzlichen Halt durch Erläuterung, um erschlossen zu werden, und keinen umfangreichen Kontext, um zu wirken. Dabei stellt sie sich in den Dienst individueller Reflektionen und Deutungen durch den Betrachter. Der Maler sieht sich eher „als ein Werkzeug, das zu gebrauchen er anderen anheimstellt“, wie er in einem Interview mit der Zeitschrift Communio sein Kunstverständnis schildert.

Jeder Betrachter darf sich seinen Reim selbst machen. Denn Triegels Bilder sollen nicht von ihm „als Vater künden, sondern einen Platz eigenen Rechts in der Welt finden, weniger ein Statement über die Person des Künstlers als vielmehr ein Gesprächsangebot an andere Menschen sein, sodass die Person des Erschaffers hinter dem Werk verschwinden kann“.

Diese Wesensart seiner Kunst zieht sich vom ersten großen Werk Triegels, mit dezidiert christlichem Bildprogramm, seinem Abendmahl von 1994, bis zum bisherigen Hauptwerk des Malers, dem Marienretabel für den Naumburger Dom von 2022.

Dramatisch, zeitlos, menschlich

In seinem Abendmahlsbild reagiert Triegel unmittelbar auf das berühmte Secco Leonardo da Vincis. Die allgemeine Anlage von Triegels Bild rekurriert unverkennbar auf diesen. Vor dem Betrachter breitet sich ein hoher Saal im Renaissancestil aus. Der lange Tisch, in dessen Mitte Christus thront, weist den Raum als den biblischen Ort des letzten Abendmahls aus.

Umso mehr springen daher die Unterschiede ins Auge. Denn zu Jesu Seiten tut sich gähnende Leere auf. Christus, auf den in Zentralperspektive alles zuläuft, ist ganz allein. Anders als Leonardo, der die Bewegung eines konkreten Augenblicks („Herr, bin ich’s?“) thematisiert, fragt man sich unweigerlich: Passiert hier überhaupt etwas? Kommen noch Gäste oder sind sie schon aufgebrochen? Liegt das Abendmahl noch vor uns oder ist Christus schon verraten?

Die Szene könnte noch in die eine oder andere Richtung kippen. Wir können direkt in sein Angesicht blicken, ihn aber doch nicht erkennen. Denn es gleißt einem bloß Blattgold entgegen. Überdecken Prunk und Pracht das Antlitz Gottes? Sollen wir uns in seinem Angesichte spiegeln – und (wieder-)erkennen? Triegels Abendmahl ist dramatisch, zeitlos, menschlich. Es verhandelt Treue und Verrat, Glaube und Unglaube, Blindheit und Erkenntnis, die sichtbaren und die unsichtbaren Dinge, und fordert den Betrachter so heraus.

In Naumburg greift Triegel den kunsthistorischen Archetypus einer „sacra conversazione“ auf. Er lässt so verschiedene Gestalten wie Dietrich Bonhoeffer und die heilige Elisabeth von Thüringen oder die Apostel Petrus und Paulus teils nach den Gesichtern zeitgenössischer Personen krypto-porträtiert, also Menschen aller Zeiten und Orte, mit Maria in ein ökumenisches Gespräch über Jesus treten. Gemeinsam reflektieren sie über den Glauben und befinden sich also in einer heiligen Konversation. So wird auch der Betrachter des Altars angestiftet zum heiligen Gespräch, zum Nachdenken über Gott.

Die gleichsam altmeisterlich-kunstvolle wie authentische Abbildung echter Menschen dient der Erfahrbarwerdung des christlichen Glaubens. Denn Heilige sind für Triegel nicht zuvorderst abstrakte Ideale oder die Schar der Erlösten im Himmel, sondern gewöhnliche Menschen. Daher ist es eine der Grundregeln seiner Kunst, stets nur echte Menschen zu malen. Das Marienretabel ist so bildgewordener Glaube als menschlich beglaubigtes und glaubwürdiges Bild.

Die Türme des Doms in Naumburg lassen sich vom Kreuzgang aus erkennen. 2018 wurde der Naumburger Dom in das Welterbe der Unesco aufgenommen.

Die Türme des Doms in Naumburg lassen sich vom Kreuzgang aus erkennen. 2018 wurde der Naumburger Dom in das Welterbe der Unesco aufgenommen.

© Hendrik Schmidt/dpa

Kulturelles Erbe sollte dynamisch verstanden werden

Alles in Triegels Bildern – das Figürliche seiner Bildprogramme, der Goldgrund, die Plastizität der Raumkonstruktionen mit ihren feinen, über den Gegenstand hinausreichenden Farbbeziehungen, die kunstgeschichtlichen und religiösen Imaginationsmöglichkeiten und das komplexe, manchmal bloß im Potenziellen verbleibende Bildgeschehen – stellt Fragen. Sie harren einer religiösen, einer menschlichen Antwort. So ist seine Kunst ein Gesprächsangebot an den Betrachter.

Was hier verhandelt wird, ist nicht weniger als das vielschichtige Verhältnis von materieller Fassbarkeit und Sichtbarkeit und dem Umstand, dass Glaube letztlich etwas Unfassbares ist, sich der sicheren Nachprüfung entzieht. Damit ist die schwierige Interdependenz von Offenbarung und Verborgensein, von Sinn und Sinnlichkeit, von Wahrheit und Wirklichkeit angestoßen.

Dass der neue Bildersturm ausgerechnet Triegels sanft modernisierte Altmeisterlichkeit, seine kluge und zurückhaltende Erneuerung des Marienaltars zur Zielscheibe hat, entlarvt ein erstarrtes Verständnis von Denkmalschutz. Das Gesprächsangebot des Künstlers wurde ausgeschlagen. Dass gerade Regionalität und gelebte Tradition – also die Verbindung eines Kulturortes mit seinen Bewohnern – wesenhaft zu jedem Kulturbegriff gehört, wollen die internationalen Denkmalschutzverwalter übersehen. Dem entgegen sollte kulturelles Erbe weniger statisch als vielmehr dynamisch verstanden werden. Was ist ein kulturelles Erbe wert, dessen kultureller Wert heute nicht mehr nachvollzogen, be- und gelebt wird und das den Menschen außen vorlässt – also zum reinen Selbstzweck verkommt?

Natürlich ist der Naumburger Dom auch eine Museumskirche, aber er ist zugleich eine Stätte lebendigen Glaubens und liturgischen Vollzugs. Kulturbewahrung und Kulturleben sollten Hand in Hand gehen, weil sie sich gegenseitig voraussetzen.

Emiel Kowol ist Jurist. Er hat zudem Kunstgeschichte studiert.

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