Es gibt in Berlin einen Satz, der so oft gesagt wurde, dass ihn irgendwann niemand mehr ernst nahm: „Der Wedding kommt.“ Das britische Magazin Monocle hielt ihn schon vor Jahren für müder als jeden Witz über den Flughafen. Das will in dieser Stadt etwas heißen.
Gemeint war er anfangs ernst. Nach Prenzlauer Berg und Neukölln sei der Wedding dran, mit Siebträgermaschinen und Mieten, die man nur noch mit Erbe bezahlt. Dann passierte über Jahre nichts. Der Wedding blieb an der Müllerstraße stehen, bestellte noch ein Pils und ließ die Karawane an der Bernauer Straße umkehren.
„Der Wedding kommt“: Vom Versprechen zum Running Gag
So wurde aus der Prognose eine Pointe. Wer „Der Wedding kommt“ sagte, zwinkerte dabei. Gemeint war: Hier passiert nichts, und das ist gut so. Das hatte etwas Tröstliches. Im Wedding musste sich niemand erklären. Am Tresen fragte niemand, an welchem spannenden Projekt man gerade arbeitet. Philipp Gertner, damals seit zehn Jahren im Kiez an der Gerichtstraße tätig, nannte den Satz 2019 in der Taz einen Running Gag. Ausgerechnet im selben Text stand allerdings schon, dass der Witz kippt.
Das Projekt Mietenwatch hatte in Humboldthain Nordwest den zweitstärksten Mietanstieg aller 477 untersuchten Berliner Kieze gemessen. Wo das Stadtbad Wedding war, standen da bereits möblierte Studentenapartments. Inzwischen kommt er tatsächlich. Langsam, aber er kommt. Und das ist der Teil, der ugly ist.
Gentrifizierung im Wedding: Wenn Time Out Tipps gibt
2019 kürte das Magazin Time Out den Wedding zum viertcoolsten Viertel der Welt, ein Jahr später zum sechstcoolsten. Wie es um einen Kiez steht, verraten am zuverlässigsten die Ausgehtipps dazu: Essen in einem umgebauten Bus aus den Siebzigern, dazu Craft Beer aus der Kiezbrauerei. Selbst das alte Krematorium an der Gerichtstraße ist als Silent Green längst ein Kulturquartier. Im Wedding wird inzwischen sogar der Tod umgenutzt.
Die Mieten ziehen mit. Laut der Plattform Immoportal liegen die Angebotsmieten im Schnitt bei gut 14 Euro pro Quadratmeter, in gefragten Lagen bei über 19 Euro. Das Gebiet zwischen den Bahnhöfen Wedding und Gesundbrunnen zählte laut dem Blatt von 2019 zu den ärmsten der Stadt. Beides geht auf Dauer nicht zusammen. Wer dabei gehen muss, steht vorher fest.
Leopoldplatz: Jetzt hilft sogar das Bezirksamt
Den deutlichsten Beweis liefert die Verwaltung. Das Bezirksamt Mitte lässt den Leopoldplatz inzwischen von einer Agentur bewerben, in der „Marketingkampagne Leopoldplatz Teil II“. Das Motto: „Take a walk on the Wedding!“ Der Wedding kommt jetzt also mit Agentur. Am Platz steht das frühere Karstadt-Haus, seit Januar 2024 geschlossen. Unten verkauft ein Discounter, oben ist es dunkel. Zwischenzeitlich war es als Musterungszentrum der Bundeswehr im Gespräch, nun plant die Eigentümerin wieder einen Umbau mit Wohnungen. Welche Mieten dort aufgerufen werden, ist offen. Prenzlauer Berg hat vorgemacht, wer in solche Häuser einzieht und wer dafür aus dem Kiez auszieht.
Was Berlin mit dem Wedding verliert
Schön war der Wedding nie, und er hat sich auch nie darum bemüht. Er war das letzte Refugium, in dem Berlin noch so tun konnte, als sei es eine Arbeiterstadt mit Eckkneipe und Plötzensee im Sommer. Fällt auch dieser Kiez, ist Berliner Bodenständigkeit endgültig ein Werbeslogan. Das Bezirksamt hat damit ja schon angefangen. Der alte Satz hat sich damit erledigt. Der Wedding kommt nicht mehr. Er ist angekommen.
Uglymeter-Wertung
Gentrifizierung im Wedding: 9 von 10 Punkten. Den letzten Punkt hebt sich das Uglymeter für den Tag auf, an dem im alten Karstadt-Haus die erste Wohnung vermietet wird.
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