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Weihnachtsfrieden 1914: Der Kick im Krieg, der in die Popkultur einging und Rammstein-Keyboarder Flake inspirierte

Vor 111 Jahren geschah das Unglaubliche: Zu Weihnachten ließen verfeindete Soldaten die Waffen ruhen und spielten mitten im Ersten Weltkrieg eine Partie Fußball.

Gunnar Leue
8 Min
Im Jahr 1914 flogen zu Heiligabend nicht Kugeln, sondern Fußbälle zwischen den Schützengräben.

Im Jahr 1914 flogen zu Heiligabend nicht Kugeln, sondern Fußbälle zwischen den Schützengräben.

© UnitedArchives/imago

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Werbung für den Militärdienst stellt Werbeprofis heutzutage vor eine große Herausforderung. Krieg ist ja nur ein anderes Wort für Tod, wie also wirbt man für Jobs bei der Armee? Auf dem Flughafen in London sah ich vor einer Weile Screenreklame. Britische Soldaten im Auslandseinsatz knödelten mit einem Ball. Der dazugehörige Claim lautete: „Wir nehmen Spaß ernst“.

Fußball und Soldaten, das ist in Großbritannien ein historisch aufgeladenes Thema, allerdings positiv besetzt. Wohl fast alle Briten kennen die Geschichte von Christmas Truce, dem Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg, der sich 1914 für einen kurzen Moment im großen Gemetzel einstellte. An Heiligabend waren an vielen Abschnitten der Westfront britische (in vereinzelten Fällen auch französische und belgische) und deutsche Soldaten aus ihren Schützengräben gekrochen, um Geschenke auszutauschen und gemeinsam Bier zu trinken. Und sie spielten gegeneinander Fußball, anstatt sich mit Gewehren zu beschießen.

„Wir nehmen Spaß ernst. Und du?“ heißt es auf einer Werbeanzeige für das Militär in Großbritannien.

„Wir nehmen Spaß ernst. Und du?“ heißt es auf einer Werbeanzeige für das Militär in Großbritannien.

© Ads of the World

Es handelt sich um eine legendäre Geschichte, die nicht einfach sentimental ist, sondern tief bewegend, weil sie eine fast unheimlich pathetische Erkenntnis bereithält: Gemeinsam Fußball spielen – was medial betrachtet heutzutage nur noch als kommerzgetriebenes Spektakel gilt – kann (vermeintlich) verfeindete Menschen in einen Urzustand friedlichen Miteinanders versetzen.

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Durch Weihnachtslieder vereint

Dass es so weit kommen konnte, lag an der grausamen Besonderheit des „modernen“ Krieges. Bereits wenige Monate nach seinem Beginn war aus dem Waffengang auf den Schlachtfeldern ein zermürbender Stellungskrieg geworden, bei dem die Soldaten beider Seiten ein Leben führten, das den Namen nicht verdient. Umgeben von Tod und Krankheiten vegetierten sie in einem weitläufigen Grabensystem, das so weit weg von zivilisierten Zuständen war wie die Aussicht auf Frieden.

Gerade zu Weihnachten sehnten sie sich nach Hause und, ja, auch nach einem Hauch Besinnlichkeit. Die Generalität der kaiserlichen deutschen Truppen ignorierte das nicht etwa. Sie ließ als grotesken Tribut an die deutsche Gemütlichkeit Tausende kleine Weihnachtsbäume samt Kerzen in die Schützengräben liefern.

Die feindlichen Soldaten in ihren wenige Meter entfernten Stellungen sahen das, und sie hörten, wie die Deutschen am Heiligen Abend begannen Weihnachtslieder zu singen. Auch in einem Schützengraben unweit der französischen Stadt Armentières, wo die „Krauts“ das Lied „Stille Nacht“ anstimmten. Die „Tommys“ hörten es, riefen „Merry Christmas“ und begannen ebenfalls zu singen. „Home, Sweet Home“. Die Schnauze voll vom Krieg hatten sie alle. So zog sich eine Linie aus sentimentalen deutschen und englischen Weihnachtsgesängen auf kilometerlanger Front entlang, vor allem in Flandern um Ypern herum. Statt Gewehrkugeln flogen Grußworte zwischen den Gräben hin und her.

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In einem britischen Podcast wird die Lage am späten Heiligabend 1914 aus der Sicht der Soldaten der British Expeditionary Force so beschrieben: „Die Männer hörten die deutschen Truppen in den gegenüberliegenden Schützengräben Weihnachtslieder und patriotische Gesänge singen und sahen Laternen und kleine Tannenbäume entlang ihrer Schützengräben. Zwischen den Schützengräben wurden Botschaften gerufen. Am nächsten Tag trafen sich britische und deutsche Soldaten im Niemandsland und tauschten Geschenke aus, machten Fotos und spielten teilweise improvisierte Fußballspiele. Sie begruben auch Gefallene und reparierten Schützengräben und Unterstände.“

Britische Offiziere mit Geschenken, die sie von deutschen Soldaten während des Weihnachtsfriedens erhielten.

Britische Offiziere mit Geschenken, die sie von deutschen Soldaten während des Weihnachtsfriedens erhielten.

© Gemini/imago

Ein „eifriges Fußballwettspiel begann“

Michael Jürgs schrieb in seinem Buch „Der kleine Frieden im großen Krieg. Westfront 1914“ auch über einen jungen deutschen Leutnant aus Plauen. Der Offizier des Königlich-Sächsischen Infanterieregiments Nr. 134 Kurt Zehmisch hatte seinen Männern am 24. Dezember befohlen, dass an diesem Tag möglichst nicht geschossen werden solle. Und er soll den Engländern vorgeschlagen haben, sich auf halbem Weg im Niemandsland zu treffen, um dort Geschenke auszutauschen.

In den Tagebuchnotizen des Leutnants ist auch ein Fußballspiel am ersten Weihnachtsfeiertag festgehalten: „Bald hatten auch ein paar Engländer einen Fußball aus ihrem Graben gebracht und ein eifriges Fußballwettspiel begann.“ Auf dem Niemandsland zwischen den Frontlinien wurden einfach ein paar Holzstöcke, Mützen oder Pickelhauben als Torpfosten aufgestellt. Als Spielgerät dienten neben echten Lederbällen, die die Engländer als Football-Besessene oftmals in ihrer Ausrüstung hatten, auch schon mal mit Draht umwickelte Strohbälle oder gar Konservendosen.

An vielen Abschnitten der Westfront gab es spontane Kicks zwischen Briten und Deutschen. Diese eigentlich unglaubliche Tatsache hat in der Vergangenheit, wenig verwunderlich, auch Künstler inspiriert. Die Geschichte vom kurzen Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg ist in Büchern und Filmen verewigt und sie fand Eingang in die Popkultur.

Als Paul McCartney 1983 sein Soloalbum „Pipes Of Peace“ veröffentlichte, widmete er dem berühmten Waffenstillstand den Titelsong. Er wurde sein einziger Nummer-eins-Hit als Solokünstler im Vereinigten Königreich. Im zugehörigen Video spielte der Ex-Beatle gleich zwei Rollen: Die eines deutschen und die eines britischen Soldaten, die sich im Niemandsland gegenseitig Fotos ihrer Liebsten zu Hause zeigen und sich am Ende die Hand geben.

Berührende Reaktionen aus der Ukraine und aus Russland

Auch im Zeitenwende-Jahr 1990, als der Kalte Krieg zu Ende gegangen war und Millionen Menschen in Ost und West vom nun immerwährenden Frieden träumten, tauchte das historische Ereignis vorn in den Charts auf. Die Liverpooler Band The Farm veröffentlichte mit „All Together Now“ einen Song über die geschichtlich einmalige Massenverbrüderung verfeindeter Soldaten. Er wurde ein Hit, der seitdem mehrfach vor großen internationalen Fußballturnieren neu herausgeben wurde. Der eher linken Band war das gar nicht so angenehm, sah sie Inhalt und Message des Songs doch zu sehr vom Partyfeeling überlagert.

Die Band The Farm aus Liverpool

Die Band The Farm aus Liverpool

© Martin Colliver Avalon/imago

Die schwedische Metal-Band Sabathon, bekannt für ihre musikalische Aufarbeitung historischer Ereignisse, hatte 2022 gleich ein komplettes Album zum Thema Erster Weltkrieg veröffentlicht („The War To End All Wars“). Der Christmas Truce hatte dabei für sie oberste Priorität, der gleichnamig Song sticht deshalb auch heraus. Eingeleitet wird er übrigens mit dem ukrainischen Volkslied „Schtschedryk“, das ursprünglich kein Weihnachtslied war, aber als Coverversion eines in den USA wurde („Carol Of The Bells“).

Auch Rammstein-Musiker Flake nahm Bezug auf das historische Ereignis, als er vor einem Jahr sein Soloalbum „Flake feiert Weihnachten“ veröffentlichte. Im Video zu „Happy Xmas (War is over)“, seiner Coverversion von John Lennons und Yoko Onos Antikriegssong, sah man ihn in als deutschen Weltkriegssoldaten zwischen den Schützengräben E-Piano spielen. Etwas später erkennt man Soldaten, die aus ihren Unterständen kletterten, um sich mit denen Feinden zu verbrüdern – und zu kicken. Flake erzählte, dass er auf das Video berührende Reaktionen von jungen Menschen aus der Ukraine und aus Russland bekommen habe.

Nur ein Traum vom Happy End

Das Überwältigende der Geschichte vom Weihnachtsfrieden liegt natürlich in der Tragik des nicht vorhandenen Happy Ends. Der Generalität in sämtlichen Lagern hatte es selbstredend gar nicht gefallen, dass die Soldaten einfach die Gewehre beiseitegelegt und sich mit dem Feind verbrüdert hatten. Bereits im Januar 1915 gab es die ersten Anklagen gegen Militärangehörige vor Militärgerichten. Unabhängig davon wurde der kurze unerlaubte Friedensausbruch – nicht nur in Deutschland – als Randerscheinung des Krieges dargestellt. Was insofern stimmt, als der gegenseitige Beschuss am zweiten Weihnachtsfeiertag wieder losging als wäre nichts passiert.

Das Denkmal für den Weihnachtsfrieden nahe der belgischen Stadt Comines-Warneton

Das Denkmal für den Weihnachtsfrieden nahe der belgischen Stadt Comines-Warneton

© imageBROKER/imago

„Der Ball hat die Gewehrkugeln ersetzt“

Welch epochales Ereignis die von Soldaten spontan beschlossene Waffenruhe darstellt, zeigt sich nicht nur daran, dass es so viele Künstler aufgriffen haben. Auch Denkmäler erinnern an die Geschehnisse vor 111 Jahren, unter anderem im französischen Frelinghien. Am 11. November 2008 wurde dort das erste Denkmal zum Weihnachtsfrieden von 1914 errichtet. Anlässlich der Einweihung spielten Soldaten des Royal Welch Fusiliers und des deutschen Panzergrenadierbataillons 371 – Nachfolgeeinheiten der 1914 beteiligten britischen und sächsischen Soldaten – ein Fußballspiel, um an das legendäre Match im Niemandsland während des Weihnachtsfriedens zu erinnern. Im belgischen Ploegsteert hatte wiederum der damalige Uefa-Präsident Michel Platini das Denkmal „Der Ball hat die Gewehrkugeln ersetzt“ eingeweiht. Auch das würdigt jene Soldaten, die mit ihrer Verbrüderung durch den Fußball ihre Menschlichkeit zum Ausdruck gebracht hätten.

Als der Erste Weltkrieg am 11. November 1918 endete, gab es allein neun Millionen tote Soldaten zu beklagen. Unter ihnen war auch der Sohn von Harry Lauder, einem britischen Music-Hall-Superstar. Um innerlich nicht zu zerbrechen, hatte der Schotte seinen Schmerz 1915 in einem Lied verarbeitet: „Keep Right On To The End Of The Road“. Der Song eroberte schnell die Herzen der Menschen, denn viele konnten nachempfinden, was Harry Lauder mit Hilfe der Musik ausdrückte.

Als ein Schotte in Diensten des Birmingham City Football Club, Alex Govan, das Lied eines Tages im Jahr 1956 im Mannschaftsbus sang, begann dessen Karriere als Vereinshymne. Der Song hatte Mitspieler und Fans so berührt, dass sie es immer wieder sangen. Heute gehört „Keep Right On To The End Of The Road“ zu den bekanntesten Vereinshymnen in England.

Gunnar Leue arbeitet seit 30 Jahren als freier Journalist. Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften und verfasst Bücher.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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