Der Wundertäter

Simone Barck
4 Min

Kampagnen bestimmten das Leben in der DDR. Auch die Verlage sollten bei Jahrestagen und Jubiläen "Geschenke" auf den "Tisch der Republik" legen. Und so war lange darauf hingearbeitet worden, den dritten Teil des "Wundertäters" von Erwin Strittmatter als Jubiläumsgabe zum 30. Jahrestag herauszubringen. Am Autor lag es nicht, dass dieser letzte Teil seiner Trilogie (Band 1, 1957, Band 2, 1973), an dem er ganze fünf Jahre gesessen hatte, erst im Mai 1980 heraus kam. Denn bereits im Oktober 1978 hatte er nach einer ersten Diskussion im Aufbau-Verlag eine leicht korrigierte Fassung zur Drucklegung eingereicht.Schon beim Schreiben war sich Strittmatter bewusst gewesen, dass es einen Tanz mit der Zensur geben würde. Ja, er fragte sich während der Arbeit an dem Buch wiederholt, ob er es überhaupt zum Druck einreichen solle. Denn er sah den "Wundertäter III" "politisch, kritisch und philosophisch" für viel gefährlicher an als seinen "Ole Bienkopp", zu dessen Erscheinen es schon 1963 einer Politbüroweisung bedurft und um den es dann eine große öffentliche Debatte gegeben hatte. Aber sein Entschluss, "ohne Rücksicht auf parteipolitische Konvention" und "einzig der Wahrheit verpflichtet" die Geschichten um seinen "Wundertäter" Stanislaus Büdner in der DDR der Jahre 1950 bis 1956 zu spinnen, konnte sich doch eigentlich gestärkt wissen durch die parteipolitische Verkündigung der 70er-Jahre, dass es keine Tabus gäbe, wenn ein Autor vom parteilichen Standpunkt schreibe.Der nun anhebende Zensur-Tanz zeigte jedoch, dass Erwin Strittmatter mit der Thematisierung von Stalinismus und dem Aufzeigen diktatorischer Strukturen in der frühen DDR und in der dominanten Geschichte um das tragische Schicksal der Bergarbeiter-Familie Risse, deren Tochter von Sowjetsoldaten vergewaltigt worden und zu Tode gekommen war, zwei ganz zentrale Tabus von Öffentlichkeit und Geschichtsschreibung zur bestimmenden Achse seiner Darstellung gemacht hatte. Der handlungsbestimmende Einfall, die Problematik des Schreibens über "so etwas" mit in die Darstellung hineinzunehmen und an den verschiedenen literarischen Versionen einer solchen Geschichte, "die alle wissen, und die niemand mehr wissen soll" die Brisanz dieses paradigmatischen Tabus breit zu entfalten - das war etwas, was nicht mit einzelnen Korrekturen zu verändern gewesen wäre. Das konnte nur als Ganzes verhindert werden.Und so entbrennt der Kampf hinter den Kulissen zwischen Befürwortern und Dogmatikern, die sich mit ihrer stalinistischen Sozialisierung und Langzeitprägung im Roman porträtiert finden. Dabei können auch die borniertesten Dogmatiker nicht darüber hinwegsehen, dass Strittmatter hier ein höchst originell erzähltes Meisterstück gelungen ist.Eine simplicianische Hauptfigur urwüchsigen Schreibtalents mit autobiografischen Zügen, lebensvolle und sympathische Volksfiguren, komisch-groteske Charakterisierung seiner Protagonisten durch sprechende Namen wie Wummer (SED-Kreissekretär), Mehrlesen (Kulturredakteur), Umbruch (Chefredakteur), Klarwasser (Lehrer), u.ä. sowie eine dialekteingefärbte Alltagssprache in Gegenüberstellung zum "Ka(u)derwelsch" des Parteiblattes, an dem Büdner tätig ist, machen den Roman zu einer scheinbar leichten und höchst ve rgnüglichen Lektüre.Während zwei Lektoren im Verlag und ein Gutachter unbedingt für das Buch sind, sieht ein zweites Gutachten, verfasst von der bei Adolf Endler an anderer Stelle als "Messerle" karikierten Kritikerin, "unter dem Gesichtspunkt politischer Verantwortung" vor allem in der Risse-Geschichte "keine Akzeptanzmöglichkeit". Die zuständige Mitarbeiterin in der HV hingegen ist "bei aller Härte der Konflikte für Drucklegung", weil der Autor "von einem unbedingt parteilichen Standpunkt aus schreibt." Der "Buchminister" schiebt seine Verantwortung auf Kurt Hager im Politbüro ab, der sich seinerseits hinter Honecker versteckt. Schließlich sieht man sich nach zwei Gesprächen zwischen dem änderungsresistenten Autor und Hager gezwungen, in den "sauren Apfel" zu beißen und das Buch (Honeckers "Einverstanden" per 24.April 1980) erscheinen zu lassen . Mit der Auflage: "begleitet von kritischen Rezensionen in ausgewählten Organen." Der Roman setzte sich - nicht zuletzt wegen dieses Aufwands, trotz gezielter Abkäufe durch die NVA und andere Institutionen sowie einer stark verzögerten Nachauflage - als ein echtes Perestroika-Buch schnell durch.

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