Auf der Suche nach des Rätsels Lösung und dem Zusammenhang aller Dinge fragt man am besten Kinder. Zumindest, wenn es nicht um Krisen, Kriege, Konjunktur geht, sondern um all das Sonderbare auf den Plätzen, Wegen und Straßen unserer Stadt. Zum Beispiel die dicke rote Kerze auf dem Mäuerchen neben dem Paul-Lincke-Ufer. Halb abgebrannt ziert sie eine verlassene Parkbank, und wenn da noch eine leere Schampusflasche stünde, wäre klar: Hier fand ein romantisches Stelldichein statt.Jedoch: nur die Kerze. Die nackte Bank. Der still schwappende Landwehrkanal, der nichts erzählt. Rätselhaft? Nicht für einen Fünfjährigen. Für den liegen die Dinge glasklar auf der Hand: "Ich weiß, warum da eine Kerze steht", sagt mein Sohn, die Stirn ernsthaft in Falten gelegt. "Ein Mensch hatte nicht genug Geld für ein großes Haus. Der Mensch hatte aber genug Geld für eine kleine Kerze. Also hat er sich gedacht: Ich schlafe heute hier auf der Bank. Dann hat er die Kerze gekauft und sie auf die Mauer gestellt. Und dann war's gemütlich."Ist dem noch etwas hinzuzufügen? Und noch etwas lässt sich aus dieser Geschichte schließen: Dem Großstadtkinderauge bietet Berlin offenbar mehr Obdachlosigkeit als vermeintliche Romantik. Einen Sinn für Gemütlichkeit beim kleinen Berliner schließt das aber nicht aus - und zwar in jeder Lebenslage.
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