Flüchtlinge

„Deshalb sieht es in diesem Land so aus“: Flüchtlingsbehörde treibt Wäscherei in den Ruin

Bilal Ersoy betreibt an der Invalidenstraße eine Reinigung. Dem florierenden Betrieb droht die Insolvenz, weil die Behörde von Cansel Kiziltepe nicht zahlt.

6 Min
Geschäftsführer Bilal Ersoy mit einem der Wäschesäcke und dem Aktenordner, in dem er den Briefwechsel mit dem Amt und die Rechnungen abgeheftet hat.

Geschäftsführer Bilal Ersoy mit einem der Wäschesäcke und dem Aktenordner, in dem er den Briefwechsel mit dem Amt und die Rechnungen abgeheftet hat.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Bilal Ersoy hat viel investiert. Er hat sich verschuldet und Nerven gelassen. Seit sieben Jahren läuft sein Betrieb aber. An der Invalidenstraße 35 in Mitte betreibt er die Bügelperle Textilpflege GmbH – eigentlich ein florierendes Unternehmen. Dennoch steht der Geschäftsführer nach eigenen Angaben kurz vor der Insolvenz.

Schuld sei das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF), eine Behörde, die der Senatsverwaltung von Cansel Kiziltepe untersteht. Der SPD-Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung.

Wegen seiner Zahlungsmoral steht das Land Berlin bei Handwerkern und Mittelständlern ohnehin nicht hoch im Kurs. Dem 44-jährigen Bilal Ersoy aber scheint Kiziltepes Senatsverwaltung besonders übel mitzuspielen: Sie will einen Großauftrag nicht bezahlen.

Vertrauen in den Staat wurde zur Falle

Wie andere Gewerbetreibende hatte Ersoy gehofft, vom Boom der Flüchtlingsindustrie zu profitieren, der seit der Grenzöffnung 2015 herrscht. Immerhin gab Berlin nach Angaben des Senats im vergangenen Jahr 2,2 Milliarden Euro für Unterkunft und Verköstigung frisch eingereister Migranten aus. Doch für Bilal Ersoy wurde das Vertrauen in den Staat zur Falle.

Seit 2023 wusch sein Unternehmen die Wäsche der Bewohner zweier benachbarter Flüchtlingsheime. Zwei Hotels waren dafür umfunktioniert worden: das eine zu einer Aufnahmeeinrichtung für ukrainische Flüchtlinge und ihre Familien, das andere zu einer Gemeinschaftsunterkunft für alle übrigen Geflüchteten.

Die insgesamt 490 Bewohner brachten ihre schmutzige Kleidung, Handtücher und Bettwäsche zu Bilal Ersoy. Eigens dafür schaffte er für 25.000 Euro mehr als 2000 rote Wäschesäcke an, die er an die Bewohner ausgab, sowie eine Etikettiermaschine, mit der die Säcke einen personenbezogenen QR-Code erhielten. Diese Anschaffung sei eine Bedingung des LAF gewesen, sagt Ersoy.

Rund 47 Tonnen Wäsche

Bis Dezember 2024 hatte die Hero Group Deutschland die beiden Unterkünfte an der Invalidenstraße betrieben. Das Unternehmen ist nach eigener Darstellung seit 2017 auf die Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern ausgerichtet und gehört zur international agierenden norwegischen NHC Group.

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Für Hero wusch Ersoys Reinigung bereits die Wäsche. Als das Deutsche Rote Kreuz (DRK) die Heime im Januar 2025 übernahm, wurde Ersoy gefragt, ob er weiter waschen wolle. Auftraggeber war nun das LAF.

Aus dem neuen Auftrag ergab sich ein Mehrvolumen an Wäsche. Das LAF änderte den Ablaufplan so, dass die Bewohner von Januar bis Ende März 2025 mehrmals pro Woche Wäsche bringen durften. Das geht aus den zahlreichen Mails hervor, die Ersoy in einem Ordner abgeheftet hat. Dem Schriftverkehr zufolge erhöhte sich die Menge in dieser Zeit um mehr als die Hälfte auf 46,9 Tonnen.

Obendrein hätten die Bewohner der vom DRK betriebenen Unterkünfte die Wäschesäcke falsch befüllt, was Ersoy mit Fotos dokumentiert hat. Dadurch sei beträchtlicher Mehraufwand entstanden. Bezahlt hat das LAF bislang nicht. Inzwischen schulde ihm das Amt 89.000 Euro zuzüglich Verzugszinsen für 18 Monate, sagt er.

Mails und Rechnungen im dicken Aktenordner

Das LAF schrieb ihm im Mai dieses Jahres, weitergehende Zahlungen „außerhalb des vereinbarten Budgets“ würden nicht veranlasst, da keine prüffähigen Nachweise vorlägen. Das empört Ersoy umso mehr: Er hat Hunderte Mails und Rechnungen gespeichert und abgeheftet. „Dass die Nachweise nicht eingereicht wurden, stimmt einfach nicht“, sagt er und hält den dicken Aktenordner in den Händen.

Nachfragen der Berliner Zeitung an das LAF, das seit April 2026 Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten und Unterbringung (LFU) heißt, sowie an die Senatsverwaltung von Cansel Kiziltepe ließen beide Pressestellen bislang unbeantwortet.

Bilal Ersoy, Chef der Wäscherei Bügelperle, neben seinen Maschinen.

Bilal Ersoy, Chef der Wäscherei Bügelperle, neben seinen Maschinen.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Einen großen Teil seiner Wäschesäcke hat Ersoy bis heute nicht zurückerhalten. Er sieht, wie Bewohner der beiden Flüchtlingsheime damit bei Rewe einkaufen gehen. Dabei könne er die Säcke für andere Aufträge gebrauchen.

„Ich bin gebürtiger Berliner. Ich bin in Kreuzberg groß geworden. Ich kenne noch den Mauerfall. Ich habe alles hier erlebt“, sagt Bilal Ersoy. Der 44-Jährige ist Vater von drei Kindern. Er hat an der TU Berlin Elektrotechnik auf Diplom studiert und an der Beuth-Hochschule einen Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen gemacht. Nachdem er an der Invalidenstraße seine Reinigung eröffnet hatte, investierte er nach eigenen Angaben per Kredit mehr als eine Million Euro in die Reinigungsanlagen.

Die Politiker der verschiedenen Parteien, die derzeit an der Invalidenstraße von den Wahlplakaten an den Laternen herablächeln, seien alle seine Kunden, sagt der Geschäftsführer. In der Nähe liegen das Bundesministerium für Wirtschaft, das Bundesministerium für Verkehr und Büros der Deutschen Bahn; auch deren Mitarbeiter zählten zu seinen Kunden. Ersoy reinigt teure Kleidungsstücke von Influencern.

„Wir sind mittlerweile eine Fame-Reinigung. Ein gesundes deutsches Unternehmen, das wegen eines Auftrags für geflüchtete Menschen in den Ruin geht.“

Das Finanzamt will eine Steuervorauszahlung

Der Großauftrag des LAF habe im vergangenen Jahr 18 Prozent seines Umsatzes ausgemacht, sagt Ersoy: „Wir können noch vier bis sechs Wochen überleben, wenn die Hausverwaltung mitspielt.“ Denn inzwischen ist er mit der Miete und der Stromrechnung im Rückstand. Fünf seiner elf Mitarbeiter musste er bereits entlassen.

In den vergangenen Wochen besuchte er Wahlveranstaltungen der SPD und ihres Spitzenkandidaten Steffen Krach, eines Parteifreunds von Kiziltepe. Doch Krach habe sich nicht für ihn interessiert. Personenschützer hätten ihn zur Seite geschoben, sagt Ersoy.

Am Wochenende hing Bilal Ersoy an seinem Laden an der Invalidenstraße Protestplakate auf.

Am Wochenende hing Bilal Ersoy an seinem Laden an der Invalidenstraße Protestplakate auf.

© BLZ

„Steffen Krach hat in einem Interview gesagt, der Polizeieinsatz wegen der Bestechungsvorwürfe gegen ihn habe etwas mit seinen Kindern gemacht“, sagt Ersoy. „Meine Kinder fragen mich, warum wir wahrscheinlich die Insolvenz anmelden müssen. Und ich kann ihnen nicht erklären, dass es am betrügerischen Verhalten der Berliner Senatsverwaltung liegt. Wir sind nicht die einzige Firma, die wegen der Zahlungsmoral der öffentlichen Hand in diese Situation gerät.“

Auf die Einhaltung der Regeln pocht hingegen eine ganz andere Institution: das Finanzamt. Es verlangt von ihm 38.000 Euro Umsatzsteuer-Vorauszahlung – wegen der Rechnungen, die Ersoy an das LAF geschrieben hat. Sein Fazit: „Deshalb sieht es in diesem Land so aus, wie es aussieht.“

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