Designstudenten der Berliner Hochschule der Künste denken über das Wesen der Haut nach

Ein Tisch legt sich in Falten

Carmen Böker
4 Min

Stoffbahnen schwingen sich sanft von der Decke zum Fußboden, die belebte Brunnenstraße ist ausgeblendet, dringt gleichwohl schemenhaft ins Innere des Gebäudes durch. Die hohen Fenster im ehemaligen "Haus der Mode" wurden verhüllt, um eine cozy Atmosphäre zu schaffen - zugleich aber sind damit bereits die vielfältigen sinnbildlichen Auslegungen des Begriffs Haut angezeigt, dem sich hier eine Ausstellung von rund 30 Studenten der Berliner Hochschule der Künste widmet - gesponsert von der Raymond Loewy Foundation und der Modedesignerin Donna Karan."Haut ab!" definiert die Haut als abschirmende und zugleich durchlässige Hülle; sie stellt die Grenze zwischen Innenleben und Außenwelt dar, ist also passiver Schutz wie zugleich aktiv gestaltbare Schaufläche ihres Trägers. Sie wird geschmückt mit Piercings, Tätowierungen, dem aus der Kennzeichnung von Sklaven abgeleiteten Branding und, sehr viel weniger gesundheitsbeeinträchtigend, natürlich durch kosmetische Verfahren, die sich von der rituellen Körperbemalung ableiten. Damit sind sie zugleich Beweis dafür, dass sich die Menschen nahezu seit der Steinzeit, seit dem zufälligen Beschmieren mit Schlamm, um eine Verzierung ihrer Erscheinung bemüht haben. Oftmals symbolisieren derlei Äußerungen auch strikte Gruppenzugehörigkeit; die koptischen Christen Ägyptens grenzen sich bis heute durch ein Kreuz an der Innenseite ihres rechten Handgelenks erkennbar vom herrschenden Islam ab.Tina Gillmann hinterfragt das herrschende Schönheitscredo der jungen, makellosen Haut, indem sie Abbildungen verletzter oder von Krampfadern durchzogener Partien als Stoffmuster verwendet. Auch Dirk Randolff sieht die Haut nüchtern als Werkstoff an, indem er Ringe und eine Matratze mit einer hautähnlichen, rosafarbenen, tätowierten Textur überzieht. Damit hat er die wohl provokantesten Ausstellungsstücke verfertigt, denn der Gedanke an Lampenschirme, die aus der Haut von KZ-Häftlingen genäht wurden, kann kaum ausbleiben.Das Gemeinschaftsprojekt von Studenten der Bereiche Produkt-, Textil und Bekleidungsdesign sowie Experimenteller Mediengestaltung legt die Kulturwissenschaft wie die Ethnologie zu Grunde - dank thematischer Einführungen durch Claudia Benthin von der Humboldt-Universität Berlin und Thomas Hausch von der Universität Tübingen. Dennoch ist den meisten der danach entstandenen Arbeiten - trotz des Eingangsstempels "Echt Haut", der dem Gütesiegel für Leder entlehnt wurde - ein eher metaphorischer Charakter zu Eigen. "Keine Rose duftet so süß wie deine Haut", schwärmen Birgit Jobst und Diego in ihrer Installation "Hauttausch". Die poetische Wendung "Ich habe dich in meiner Haut" lassen sie Realität werden, indem ein Paar (zumindest auf einer computerbearbeiteten Fotografie) einen schmalen Streifen Haut getauscht hat; wie ein Ehering umschließt er nun den Ringfinger der rechten Hand.Julia Kunkel gießt Körperpartien in Bitterschokolade ab und schafft so das Puzzle einer Hautlandschaft, die der sinnlichen Begierde, dem Vernaschen-Wollen eine bodenständige Wendung verleiht. Um das sprichwörtliche Entblößtsein der nackten Haut geht es Minah Son: Ihre "Intimwäsche" sind altmodische Strickschlüpfer, eingearbeitet ist die Schamgeste der im Schoß gekreuzten Hände. Sven Averdiek weist mit leeren, zusammengesackten Latexvasen auf den wesentlichen Bestandteil der Haut hin: Fehlt Wasser, das Elixier des Lebens, so verlieren beide rasch an Form.Anderen Exponate liegt weniger das unergründlich Vielschichtige der Haut zu Grunde denn die industrielle Nutzbarmachung ihrer Eigenschaften. Konrad Süßkows "Kneifmoppe" sind Schubladen mit elastischer Vorderpartie, deren Material sich so reversibel zerren und dehnen lässt wie eben die menschliche Haut. Martin Bauer und Tanja Krüger haben einen Tisch gestaltet, dessen straff gespannte Oberfläche schon auf kleinste Berührungen mit sich lange fortpflanzenden Wellen reagiert - als Symbol einer Membran zwischen Innen und Außen.Haut ab! // Ausstellung bis zum 15. April im ehemaligen "Haus der Mode", Brunnenstraße 19-21/Ecke Veteranenstraße, geöffnet Do-So 16-22 Uhr, zusätzlich finden Lesungen und ein "Jahrmarkt der Eitelkeiten" statt.Infos zum Rahmenprogramm: www. hautab. de ANDREAS VELTEN Menschen denken zumeist bekleidet über nackte Haut nach, Hähnchen aber kennt mancher kaum noch mit Federn.

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