Die Deutschen haben es sich im sicheren Nord-Afghanistan gemütlich gemacht, während ihre Nato-Waffenbrüder im Süden die Demokratie, den Westen oder die Freiheit unter großen Opfern verteidigen. Seit Wochen zeichnen Militärs, Politiker und Botschafter dieses Bild, um auf die Regierung in Berlin Druck auszuüben. Es hagelt Vorwürfe: Die Deutschen seien feige. Sie seien unsolidarisch. Selbst die Qualität der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte, die die Deutschen zu verantworten haben, wird plötzlich kritisiert. Nato-Chef Jaap de Hoop Scheffer vermittelt gar den Eindruck, als ob mit der Verlegung deutscher Soldaten von Nord nach Süd das ganze Afghanistan-Projekt steht oder fällt. Militärs müssen vielleicht so denken und reden. Aber die anderen sollten es besser wissen - und tun es auch manchmal.Die Rettung Afghanistans vor den Taliban und die Stabilisierung des Landes hängen von ganz anderen Faktoren ab. Erstes Stichwort: Pakistan. Es mag für Islamabad schwierig sein, die lange, zerklüftete Grenze abzuriegeln. Aber Pakistan unterstützt die Taliban oder toleriert Gruppen und Kräfte, die das tun. Solange dieser US-Partner im Nachbarland aber seine eigenen Interessen verfolgt und mit den Taliban jongliert, solange Pakistan diese Unterstützung nicht einstellt - solange wird sich an der Situation in Afghanistans Süden nichts ändern.Zweites Stichwort: Der Wiederaufbau. Voller Stolz verwies die internationale Staatengemeinschaft auf die Milliarden Euro oder Dollar Hilfe für Afghanistan. Mittlerweile hört man nur noch Klagen über Korruption, Ineffizienz oder gar unfähige Afghanen. Es wurde tatsächlich viel Geld versprochen. Doch nur ein Teil wurde tatsächlich gezahlt. Das meiste davon bekamen ausländische Unternehmen (aus dem jeweiligen Geberland), weil sie mit der Projektumsetzung beauftragt wurden. Um Begründungen war man nicht verlegen: Die Afghanen hätten keine Kapazitäten für solche Projekte. Sie lieferten keine gute Qualität. Sie seien dafür nicht ausgebildet. Es entstanden keine Arbeitsplätze. Zum Beispiel wurden Schulen gebaut, für die es im Einzugsgebiet keine Schüler und Lehrer gibt. Der Straßenbau wurde zum Vorzeigeprojekt. Aber den Nutzen davon haben vor allem der Transithandel und das Militär. Und die 2004 von US-Firmen gebaute Schnellstraße Kabul - Kandahar muss schon wieder repariert werden: Es wurde der billigste Teer verwendet, das meiste Geld zahlten sich die Firmenvertreter als Gehälter aus.Zum Dritten: die Demokratie. Die Wahlen haben 25 Millionen Dollar verschlungen. Dafür hat Afghanistan eine Regierung bekommen, deren Aktionsradius auf Kabul beschränkt ist. Ihr Ansehen wird systematisch untergraben - durch die Fehler beim Wiederaufbau, durch Militäreinsätze mit zivilen Opfern, durch Misswirtschaft und Korruption seitens afghanischer Politiker und Beamter - aber auch ausländischer Helfer.Zum Vierten: Die Drogenpolitik. Regierung und Ausländer versprechen Geld für die Zerstörung der Mohnernte - und zahlen es dann nicht. Mohnfelder werden niedergebrannt - ohne sich um die Folgen für die Bauern zu kümmern. Es gibt zwar eine Alternative: Staatlich kontrollierter Anbau zu medizinischen Zwecken, zur Herstellung von Schmerzmitteln wie in Indien und der Türkei. Doch diese Alternative wird von Amerikanern und Briten nicht einmal zur Kenntnis genommen.Afghanistan ist noch nicht verloren - aber nur dann, wenn die Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft sich endlich auf die Menschen in Afghanistan konzentrieren und nicht auf ihre nationalen Interessen; wenn die Helferstaaten die Bilanz der letzten fünf Jahre ziehen, Fehler eingestehen und nicht stets und ständig nur dubiose Erfolgs- oder Schreckensmeldungen verbreiten; wenn endlich das System der Entwicklungshilfe, die Vergabe und Ausführung der Projekte überprüft sowie ein entsprechendes Kontrollsystem aufgebaut wird; wenn die Afghanen in den Wiederaufbau einbezogen werden und zwar nicht nur die, die Englisch sprechen und bei den NGO's gutes Geld verdienen.Vor allem aber muss ein Masterplan für Afghanistan her, der das bisherige Sammelsurium an Projekten ersetzt. Wer das nicht einsieht und diese Einsicht nicht sofort in die Tat umsetzt, der kann tatsächlich nur noch auf das Militär bauen und fordern, dass die Deutschen an der Südfront kämpfen. Und sei es nur zu dem Zweck, dass sich dort außer kanadischen, britischen, holländischen und amerikanischen auch deutsche Soldaten totschießen lassen.------------------------------Die Wahlen haben 25 Millionen Dollar verschlungen. Dafür hat Afghanistan eine Regierung bekommen, deren Aktionsradius auf Kabul beschränkt ist.
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