Goldreserven

Deutsches Gold in New York: Berlin schweigt, während die EU-Partner handeln

Nach Frankreich holen auch die Niederlande einen großen Teil ihrer Goldreserven aus den USA zurück und begründen das mit der geopolitischen Lage. Und Deutschland?

5 Min
Sind Goldbestände in New York noch in guten Händen? Frankreich und die Niederlande haben ihre Zweifel und haben einen Großteil ihrer Reserven aus den USA abgezogen. Die Bundesregierung reagiert ausweichend.

Sind Goldbestände in New York noch in guten Händen? Frankreich und die Niederlande haben ihre Zweifel und haben einen Großteil ihrer Reserven aus den USA abgezogen. Die Bundesregierung reagiert ausweichend.

© Hannelore Foerster

Manche Fragen lassen sich tatsächlich mit Ja oder Nein beantworten. Dazu gehört die Frage, ob die Bundesregierung die sicherheitspolitische Lagebewertung eines engen EU-Partners teilt. Genau das wollte diese Zeitung in der aktuellen Bundespressekonferenz wissen: Sieht Berlin es wie die niederländische Zentralbank, dass die „zunehmenden geopolitischen Unruhen“ weniger Gold in Nordamerika erfordern? Die Antwort des Finanzministeriums war kürzer als die Frage. Der Sprecher des Kanzlers sagte gar nichts.

Zwei Adressaten, eine Nicht-Antwort

Die Frage ging ausdrücklich an zwei Adressaten. Der eine war der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer, in der Bundespressekonferenz die Stimme des Kanzlers. Der andere war das Finanzministerium. BMF-Sprecher Dr. Miriam Wetter erklärte, das sei „schon öfter Thema“ gewesen. Die Antwort sei „auch heute nicht anders als sonst“: Man möge sich an die zuständige Bundesbank wenden. Diese Zeitung wandte ein, die Entwicklung in den Niederlanden sei neu und die Frage richte sich an die Bundesregierung als Eigentümerin dieses Staatsvermögens. Wetter wiederholte daraufhin fast wortgleich den Verweis auf die Bundesbank. Ein Ja oder Nein gab es nicht. Meyer sagte während des gesamten Austauschs kein Wort.

Die falsche Adresse

Der Verweis nach Frankfurt ergibt nur Sinn, wenn man den Inhalt der Frage übergeht. Lagerorte, Transporte und Barrenstandards fallen tatsächlich in die Hoheit der Bundesbank. Gefragt war aber nach einer geopolitischen Lagebewertung, und die ist Sache der Regierung. Die Bundesbank betreibt keine Außen- und Sicherheitspolitik. Wie verlässlich ein Bündnispartner ist, kann und soll sie nicht beurteilen.

Gerade deshalb wiegt Meyers Schweigen schwer. Laut Grundgesetz bestimmt der Kanzler die Richtlinien der Politik. Dazu gehört auch die Frage, wie Berlin die Weltlage einschätzt. Trotzdem überließ der Sprecher des Kanzlers die Antwort einem Ministeriumssprecher. Dieser verwies auf eine Institution, die die Frage gar nicht beantworten kann. Wer zuständig wäre, schweigt, und wer antwortet, erklärt sich für unzuständig.

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Das passt zu einem Widerspruch, der sich schon länger durch die Regierungskommunikation zieht. Im April hatte Frankreich sein letztes Gold aus New York abgezogen. Damals äußerte sich Regierungssprecher Stefan Kornelius immerhin selbst: Wenn es Risikoanalysen zur Zugriffsfähigkeit auf das Gold in den USA gäbe, würde er sie nicht öffentlich machen. Zugleich sprach er von „sensiblen“ währungspolitischen Analysen der Bundesregierung. Wer nicht zuständig sein will, braucht aber auch keine sensiblen Analysen.

Auch der Hinweis, das Thema sei „schon öfter“ besprochen worden, überzeugt nicht. Seit April hat mit den Niederlanden ein weiterer EU-Partner gehandelt, und das mit ausdrücklich geopolitischer Begründung. Dazu kommt: Die Bundesbank verwaltet die Reserven im Auftrag des Bundes. Dass der Auftraggeber Fragen zu seinem eigenen Vermögen an den Beauftragten weiterreicht, ist nicht ohne Ironie. Das Argument, man wolle die Unabhängigkeit der Bundesbank schützen, brachte Wetter nicht vor. Eine eigene Lageeinschätzung wäre ohnehin keine Weisung an Frankfurt. Auch die niederländische Zentralbank DNB ist unabhängig, und sie hat ihre Gründe offen genannt.

Amsterdam handelt und sagt, warum

Die niederländische Zentralbank DNB hat rund 86 Tonnen Gold aus New York und Ottawa abgezogen. Der Anteil in New York sank von 31,3 auf 18,5 Prozent, der in Kanada von 19,7 auf ebenfalls 18,5 Prozent. Von den insgesamt 612,4 Tonnen liegen nun gut 32 Prozent in London und knapp 31 Prozent im eigenen Land. Dafür verkaufte die DNB rund 59 Tonnen in New York und kaufte zugleich Gold in London. Weitere 27 Tonnen wurden in die Niederlande gebracht. Die Angriffe von Donald Trump auf die Fed erwähnt die DNB nicht. Sie spricht von Risikostreuung und Krisenvorsorge.

Paris war schneller

Die Banque de France verkaufte zwischen Juli 2025 und Januar 2026 ihre letzten 129 Tonnen in New York. Dafür kaufte sie standardkonforme Barren in Europa und verbuchte einen Gewinn von 12,8 Milliarden Euro. Alle 2.437 Tonnen französischen Goldes lagern nun in Paris. Notenbankchef François Villeroy de Galhau nennt technische Gründe. Paris argumentiert also technisch, Amsterdam geopolitisch, aber beide gehen in dieselbe Richtung.

Deutschlands Gewicht

Deutschland hält mit 3.350 Tonnen die zweitgrößten Goldreserven der Welt. Rund 51 Prozent liegen in Frankfurt, rund 37 Prozent in New York und gut zwölf Prozent in London. Zwischen 2013 und 2017 holte die Bundesbank bereits 674 Tonnen nach Frankfurt. Doch die gut 1.200 Tonnen in den USA sind fast zehnmal so viel wie die gesamte französische Rückholmenge. Die Bundesbank sieht bislang keinen Anlass zu handeln.

Auch Schweigen sagt etwas

Die Bundesregierung steckt erkennbar in einem Dilemma. Teilt sie die Sicht der Niederlande, muss sie erklären, warum Deutschland nichts tut. Teilt sie sie nicht, muss sie begründen, warum sie die Weltlage anders bewertet als Amsterdam. Beide Antworten wären unbequem, also gibt es keine. Das Finanzministerium verweist nur weiter, und vom Sprecher des Kanzlers kommt nicht einmal das. Doch auch Schweigen ist eine Aussage. Die Frage wird wiederkommen.

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