Ein ambitioniertes, Intellektuell anregendes Kunstfestlvai an Londons Sudufer läßt die Tinte der britischen Feullietonisten reichlich fließen. "Deutsche Romantik" heißt das außerordentliche Ereignis, das die bri-. tische und die deutsche Regierung unterstützt haben. Es streckt sich seit September über dreieinhalb Monate hin und löste neben Bewunderung auch heftige Kontoversen aus.Der NachlaßHerzstück des Festivals ist die Ausstellung "Der romantische Geist in der deutschen Kunst 1790-1990" in der Hayward Gallery. Sie wurde von der Schottischen Nationalgalerle für moderne Kunst und dem South Bank Gentre unter Mithilfe der Berliner Nationalgalerle organisiert und zuerst im Sommer in Edinburgh gezeigt. Auf drei Etagen sind rund 300 Werke von über 100 Künstlern zu sehen. Mit hilfreichen Erläuterungen ihrer Hauptthemen verfolgt die Bildversammlung die Hinterlassenschaft der deutschen Romantik über 200 Jahre bis heute.Der Besucher wird chronologisch durch die fünf Sektionen geleitet: Romantik, Symbolistik, Modernismus mit: Expressionismus, Dada, Bauhaus, Neuer Sachlichkei,t, Kunst im Dritten Reich und Nachkriegskunst. Die frühen Romantiker Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge oder Georg Friedrich Kersting erinnern daran, daß an den britischen Kunstschulen bei deutscher Kunst nach Cranach, Grünewald und Dürer bis aiim Beginn des 20. Jahrhunderts ein leerer Raum klafft. So ist gerade dieser Teil der Ausstellung für den britischen Besucher eine Offenbarung.Caspar David Friedrichs träumerische Landschaften mit ihren akribisch ausgeführten einsamen Personen zwingen den Geist, sich auf die Idee zu konzentrieren -- der Mensch in Gemeinschaft mit der Natur.Die Bewegung der Romantik war eine europäische Erfahrung mit grenzüberschreitender Befruchtung von Ideen. So gibt es zum Beispiel fesselnde Parallelen zwischen den Arbeiten Caspar David Friedrichs und William Turners. Die Prä-Raffaeliten in Großbritannien wurden inspirlert durch die von deutscheui Boden aus~henden Naz~r~ner, deren RomantiBZismüs zurückschaute auf die Reinheit der Vor-Renaissance-Ktinst des Mittelalters. Henry Fuselis "Stille", sein "Kämpfender Thor" oder der "Alptraum" enthüllen, wie stark sein Einfluß auf seinen englischen Freund Wililam Biake war.Friedrich Overbecks Skizzen für das Gemälde "Sulaniith und Maria" sind ein schöngezeichneter Ausdruck ätherischer Graale, der dem "Goldenen Zeitalter" nachtrauert. Aber, so wird hier gefragt, steckt in diesen Jungfrauen nicht schon eine Vorwegnahme der Idee arischer Reinheit, die so eifrig im Dritten Reich aufgegriffen wurde?Die Schau zeigt in Großbritannien wenig bekannte, reizende, frühe Arbeiten von Paul Klee -- seine Radierungen "Held mit Flügeln" und ,Jungfrau im Baum" aus den Jahren 1903/05.Eine kleine Sektion beschäftigt sich mit der Kunst des Dritten Reiches. Mittelpunkt ist das gestelzte Werk von Oskar Martin-Armorbach "Der Sämann".Gift-Quellen gesuchtDenkwürdig endet die Ausstellung mit Joseph Beuys, physisch schwerer Monumental-Installation "Das Ende des 20. Jahrhunderts". Schlagzeilen wie die der Zeitschrift Art Monthly "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" begleiteten die Schau in der Hayward Gallery. Der Kritiker des Blattes fragte mit Blick auf die Auswüchse deutscher Geschichte: "Wer verseuchte was? Mit Slcherheit waren die herrschende Ideologie und die Schrecken, zu denen sie führte, das Gift. Wenn denn aber diese Ideologie und ihre visuellen Kriterien weitgehend von der deutschen Romantik geformt wurden, dann muß eine Quelle des Übels dort liegen, ob es einem gefällt oder nicht."Schaurige SchuleBissig urteilte der Kritiker der Tageszeitung The Independent. Unter der Überschrift "Als ob Hitler nie eidstierte" schrieb er, "der Wald der deutschen Romantik ist viel dunkler als offenbar lrgendwer am Südufer bereit ist, einzuräumen." Er tat all das "anodische, höflich liberale Gerede von einem kulturellen Aufschwung" mit der Bemerkung ab, der Holocaust sei Adie entsetzllche Umsetzung des von totaler Reinheit träumenden Teils der deutschen romantischen Ästhetik in die Genetik." Das Vorstandsmitglied des Londoner South Bank Gentre, Lord Weidenfeld, auf dessen Initiative das Festival zurückgeht, wies den Kritiker -- ebenfalls im Independent -- mit Hinweis darauf zurück, daß die Kunst des Dritten Reiches In der Ausstellung mehr als hlnreichend vertreten sei. Ijberdies habe diese schaurige "Schule" der visuellen Kunst nicht nur Anleihen bei der Romantik gemacht. Lord Weidenfeld verwies dabei auf Hitlers Leidenschaft für griechische Kunst.In der kontroversen Debatte wogen die Ansichten hin und her: In der Archltekturzeltschrift Building Design argumentierte ein Kritiker, die Identifikation der Romantik mit dem Nazismus sei ein Fehhurteil. Das Fehlen von Wagner im Musikteil des Festivals bemängelte das Blatt der jüdischen Gemeinschaft, Jewish Chronicle. Dies schelne andeuten zu wollen, Schumann sei eher als Wagner der erztypische deutsche Romantiker. Doch wurde angezweifelt, daß es sich dabei um einen Versuch handle, Wagners "erschreckenden Antisemitismus" unter den Teppich zu kehren. Wagner für Hitler verantwortlich zu machen wäre ungefähr so vernünftig, wie Verdi als einen Vorläufer Mussolinis anzuklagen.Außer der Ausstellung In Ha -- ward Gallery gehören noch weitere Veranstaltungen zu dem Festival. So wurden exquisite Drucke von Käthe Kollwitz gezeigt. Es gab Konzerte und Rezitationen -- und die Premiere von Kandinskys Farboper "Violet" aus Bildern und Musik.Als filmisches Element zeigte man 20 außergewöhnliche Streifen vom Stummfiim bis in die 90er Jahre, einschließlich eines siebenstündigen Epos "Hitler -- Ein Film aus Deutschland". Literarische Veranstaltungen, Diskussionen und Konferenzen fehlten ebenfalls nicht.Kräftige PartnerObwohl die deutsche Romantik politisch eine "heiße Kartoffel" ist, gelang es, die Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen für dieses Unterfangen zu sichern, das die finanziellen Ressourcen des South Bank Gentre überfordert hätte. Lord Weidenfeld gewann die Unterstützung mächtiger Unternehmen wie der Deutschen Bank, Siemens, Daimler-Benz und Demlnex. Auch die Tlmes stellte sich für das Festival zur Verfügung und veröffentlichte eine der deutschen Romantik gewidmete, 1 6seitige Sonderbeilage.,Der romantische Geist in der deutschen Kunst 1790-1990" bis zum 8. Januar 1995 in der Londoner Hayward Gallery. Vom 2. Februar bis zum 1. Mai 1995 im Münchner Haus der Kunst.Caspar David Friedrichs lgemälde "Utkiek" (Die Lebensstufen). Ist der deutsche Romantiker ein Wegbereiter für braunes Unheil in unserer Geschichte? In London wird anläßlich einer aufsehenerregenden Ausstellung heftig darüber gestritten. Repro: Berliner Zeitung
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