PALMA DE MALLORCA. Francisco Feminías ist guter Dinge. Seine Chancen, am Sonntag bei den spanischen Kommunal- und Regionalwahlen zum Bürgermeister des mallorquinischen Küstenstädtchens Andratx gewählt zu werden, stehen hervorragend. Erst vor wenigen Wochen ist der bisherige Bürgermeister, Eugenio Hidalgo, aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Ihm werden Korruption und Bauskandale vorgeworfen. Auf Grundstücken, die als Naturschutzgebiete ausgeschrieben waren, hat er illegal gebaut. Das Image seiner bisher in Andratx regierenden konservativen Volkspartei (PP) ist ruiniert. Das weiß auch sein Nachfolger Jaume Porsell, der als neuer Kandidat der Konservativen wohl kaum Chancen haben wird, seiner Partei wieder den Einzug ins Rathaus zu bereiten.Für Francisco Feminías sind das hervorragende Voraussetzungen. Der Spitzenkandidat der sozialistischen PSOE in Andratx lässt keine Gelegenheit aus, gegen den skandalbehafteten Vorgänger zu wettern. Isabel Kemmer stimmt ihm zu: "So etwas darf nie wieder passieren. Wir müssen dafür sorgen, dass Deutsche wie Spanier in Andratx nicht mehr fürchten müssen, dass ihnen illegale Immobilien angedreht werden", sagt die 47 Jahre alte Apothekenhelferin aus Bremen, die seit über 20 Jahren auf Mallorca lebt. Sie ist allerdings nicht ganz unparteiisch: Feminías hat sie auf den achten Platz seiner Wahlliste gesetzt.Gute Listenplätze"Sie möchte Sachen bewegen und bringt sich unheimlich aktiv ins Gemeindeleben ein", begründet Feminías den hohen Listenplatz der Deutschen. Ein anderer Grund bleibt unausgesprochen: Die 1 200 gemeldeten deutschen Anwohner stellen in Andratx rund elf Prozent der Wahlberechtigten. Da macht sich der eine oder andere deutsche Kandidat unter den zu wählenden Parteigenossen nicht schlecht. Immerhin dürfen an den landesweiten Wahlen 318 571 EU-Ausländer ihre Stimme abgeben, darunter rund 42 200 Deutsche.In einigen Gemeinden auf Mallorca, den Kanarischen Inseln, an der Levante-Küste oder an der Costa del Sol können die deutschen und britischen Residenten rein rechnerisch sogar den Bürgermeister bestimmen. Das brachte manch einen lokalen Spitzenkandidaten auf die Idee, einige Deutsche und Briten in die Kandidatenlisten der Partei zu nehmen, um mehr Wählerstimmen zu holen.Das Parteibündnis Grüne/Vereinigte Linke hat in Andratx sogar einen Deutschen als Spitzenkandidaten. Dabei ist der 72-jährige Rentner und Hobbygärtner Jürgen Keilholz erst vor wenigen Wochen der Partei beigetreten. Insgesamt kandidieren auf Mallorca etwa 20 deutschsprachige Residenten bei den Kommunalwahlen.Die Aktion kommt bei den Leuten gut an. Viele Deutsche wie Isabel Kemmer sind daran interessiert, auf lokaler Ebene politisch mitzuwirken. Sie wollen sich besonders um die Anliegen der ansässigen Ausländer kümmern, etwas gegen die Bauskandale tun und mehr Umwelt- und Tierschutz in ihren spanischen Gemeinden fordern. "Sollten wir bei den Wahlen gewinnen, werde ich dafür sorgen, dass es im Rathaus Personen gibt, die sich speziell mit den Problemen der ausländischen Anwohner beschäftigen", sagt die Bremerin. Bis dahin verteilt sie viersprachige Wahlprogrammbroschüren und organisiert Wahlkampfmeetings für Deutsche und Briten.Isabel Kemmer verspricht ihren Landsleuten, sich vor allem für eine bessere Integration der Ausländer in Andratx einzusetzen. Ihr Vorbild ist das Ausländerbüro in der Nachbargemeinde Calvià, wo man sich nicht nur um deren Belange kümmert, sondern sie mit Sprachkursen und Veranstaltungen verstärkt ins Gemeindeleben integriert.Obwohl die EU-Residenten auf Mallorca in einigen Dörfern wie Alcúdia oder Capdepera mittlerweile über 20 Prozent der wahlberechtigten Einwohnerschaft stellen, gehen die spanischen Lokalpolitiker bisher viel zu wenig auf die Anliegen der ausländischen Gemeindemitglieder ein, stimmt auch Kate Mentink mit der deutschen PSOE-Kandidatin überein. Die Beratungsstelle für Unionsbürger im Rathaus von Calvià, die sich Isabel Kemmer zum Vorbild genommen hat, ist das Werk der 63-jährigen Schottin. Auf dem Rathausflur hört man mehr Deutsch und Englisch als Spanisch. Briten wie Deutsche warten, um sich über Autoanmeldung, Wasserrechnung und Steuerfragen in ihrer Sprache zu informieren.Mentink lebt bereits seit 27 Jahren in der Gemeinde Calvià und steht auf Platz 4 der Kandidatenliste der konservativen Volkspartei. Schon bei den letzten Wahlen holte Calviàs aktueller konservativer Bürgermeister Carlos Delgado sie in sein Team. Als EU-Ausländerbeauftragte steht Kate Mentink zugleich auch im Dienste der balearischen Regionalregierung. Viele Lokalpolitiker würden erst langsam auf die Bedeutung der EU-Residenten aufmerksam, selbst vor den Wahlen sei ihr Potenzial noch nicht voll von den Politikern erkannt worden, sagt Mentink. "Die Politiker gingen immer davon aus, dass die Ausländer von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen würden. Das stimmt nicht. Unsere Integrationsarbeit, aber auch die Korruptions- und Bauskandale, haben die EU-Residenten zu politischer Aktivität bewegt", versichert Mentink. Laut jüngsten Umfragen werden allein in Calvià über 3 000 EU-Bürger wählen gehen - doppelt so viele wie bei den Wahlen vor vier Jahren.Eine ähnliche Entwicklung stellt der Brite George Thomas an der Costa Blanca fest, wo die Ausländer in einigen Küstenstädtchen 80 Prozent der Wahlberechtigten stellen. An der Costa Blanca bei Alicante ist die politische Partizipation von Ausländern nichts Ungewöhnliches mehr. 25 Ausländer gestalten seit den vergangenen Kommunalwahlen 2003 das Leben in ihren Gemeinden als Stadträte mit.Mobil machen gegen BausündenGeorge Thomas möchte in seiner Gemeinde Schluss machen mit den "ungeheuerlichen Umweltsünden" in Javea bei Alicante. "Ohne jegliche Rücksicht auf Umweltschäden wird gebaut, selbst ausgewiesene Umweltschutzzonen bleiben nicht verschont", sagt der 66-jährige Rentner, der auf dem siebten Kandidatenplatz der Sozialisten rangiert. Ein Grund: In Javea stellen die EU-Residenten, mehrheitlich Engländer, immerhin die Hälfte der gesamten Wahlbevölkerung. Er fordert bessere Straßen, eine verbesserte Wasserversorgung und weniger Bausünden. Seinen Beitrag zum Wahlkampf leistet er, indem er in englischsprachigen Zeitungen der Region die Ziele der Sozialisten erklärt.Auf die gleiche Weise versucht auch Karin Przybylski ihre deutschen Landesleute in Vélez-Malaga an der Costa del Sol für die Partei der Grünen zu gewinnen. Die 37-jährige Münsterländerin steht sogar auf dem fünften Listenplatz der in Andalusien noch jungen Umweltschutzpartei. Viele deutsche Einwohner reagierten anfangs mit Unverständnis auf ihre Kandidatur. ",Wie kannst Du Dich in die Lokalpolitik einmischen?', fragten sie mich. Doch da wo ich lebe, möchte ich auch mitbestimmen", erklärt Przybylski, die seit acht Jahren an der Costa del Sol wohnt. Inzwischen sind auch ihre deutschen Kritiker davon überzeugt, dass es gar nicht schlecht wäre, wenn jemand im Rathaus säße, der die gleichen Interessen hat und die gleiche Sprache spricht.------------------------------EU-Recht erlaubt passive und aktive WahlBei Kommunalwahlen und europäischen Wahlen dürfen auch Menschen wählen, die zwar EU-Bürger sind, aber nicht in ihrem Heimatland leben. Bedingung dafür ist, dass sie an ihrem Wohnort im Gastland gemeldet sind und damit auf den Wählerlisten stehen. EU-Bürger können auch bei Kommunal- und Europawahlen in ihrem Gastland kandidieren.Die EU-Staaten können zum Schutz eigener hoheitlicher Interessen bestimmen, dass für gewisse Ämter nur Inländer wählbar sind. Ausnahmen - d.h. eine höhere Wohnsitzmindestdauer als Zugangsbedingung zur Kommunalwahl - können solche EU-Staaten machen, in denen der Anteil der EU-Ausländer an den Wahlberechtigten größer als 20 Prozent ist.------------------------------Karte: (2) Spanien, Mallorca------------------------------Foto: Isabel Kemmer (l.) und Jutta Delgado, die beiden Deutschen kandidieren in Andratx für die spanischen Sozialisten.
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