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Im Oktober 1960 hatte sich ein Verein mit dem Ziel gegründet, ein Verkehrsmuseum im Westteil Berlins zu errichten. Die Mitgliedschaft bestand hauptsächlich aus Ingenieuren und Technikfreunden. Es schmerzte sie, dass das „Verkehrs- und Baumuseum“, das im Grenzgebiet zwischen dem britischen und sowjetischen Sektor lag, für niemanden zugänglich war.
Schon 1964 hatten sie eine ordentliche Sammlung an Exponaten zusammengetragen und ein Museum in einem Nebengebäude der Urania am Wittenbergplatz eingerichtet. Dadurch erreichte der Verein schon mal eine gewisse Resonanz in der Öffentlichkeit. Zudem gelang es, bei der Politik zunehmend Gehör zu finden. Nach mehr als 20 Jahren kam es 1982 dann tatsächlich zur Gründung des Museums, das den Namen „Museum für Verkehr und Technik“ trug. Als Standort wurde der ehemalige „Anhalter Güterbahnhof“ festgelegt.
Bereits 1980 hatte der Senat Günther Gottmann zum Gründungsdirektor berufen. Er war zuvor fast zehn Jahre stellvertretender Direktor des Deutschen Museums in München gewesen. Er blieb zwei Jahre ohne Museum und hatte viel Zeit, sich in Berlin und andernorts umzusehen, weil sich die Museumsgründung aus politischen Gründen verzögerte.
Prof. Günther Gottmann eröffnet die Ausstellung Lilienthal und seine Erben im Hamburger Bahnhof, veranstaltet vom Museum für Verkehr und Technik.
© Detlev Konnerth/imago
Begegnung mit Oppenheimer
So besuchte er im Herbst 1980 die Museumskonferenz „Towards the Year 2000“ in Mexiko-Stadt. Dort berichtete er über das Berliner Museumsprojekt, hörte aber auch den Vortrag von Frank Oppenheimer, der über sein „Exploratorium“ in San Francisco berichtete, einem Haus mit lauter Experimenten zum Anfassen. Bevor Gottmann nach Berlin zurückkehrte, machte er einen Umweg über San Francisco, um sich das Exploratorium anzuschauen. Er war sofort begeistert von dieser Einrichtung.
Lange schon hatte er in den zwei Jahren darüber nachgedacht, wie er die bereits vom Senat und dem Verein entwickelten Museumspläne durch eine Attraktion bereichern könnte. Das vorliegende Konzept erschien ihm zu eng und er setzte denn auch bald durch, dass das Haus später in „Technikmuseum Berlin“ umbenannt wurde und heute sogar „Deutsches Technikmuseum“ heißt.
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Sein zunächst wichtigeres Anliegen war aber sein Bestreben, den vorhandenen Museumsplänen eine Abteilung nach dem Muster des Exploratoriums hinzuzufügen. Dabei traf er unisono auf den Widerstand der Senatsverwaltung, des Vereins und auch seines eigenen Stellvertreters. Die Entwicklung der Pläne seien von einer hochrangigen Expertengruppe begleitet und befürwortet worden. Gottmann musste all seine Kraft und Raffinesse aufbieten, um sein Ziel zu erreichen. Geholfen hat dabei seine Behauptung, dass die vorgesehene Abteilung kaum Personal benötige, da die Versuche selbstlehrend seien. In dieser Vorgehensweise lag schon die Begründung für künftige Konflikte und die halbherzig betriebene Entwicklung der Experimentalabteilung.
Die Skulptur „Buckyball“ am Eingang des Exploratorium in San Francisco
© Dreamstime/imago
In den 60er- und 70er-Jahren hatte auch ich einige Erfahrungen im Bau von Kunstobjekten gesammelt und auch kleinere Ausstellungen realisiert. Ich bekam Kontakt zu Günther Gottmann und erhielt schließlich den Auftrag, das Exploratorium Anfang 1982 zu besuchen. Ich machte Skizzen, Fotos, beobachtete das Verhalten des Publikums und hatte Gespräche mit Frank Oppenheimer und Mitarbeitern.
Zurückgekehrt machte ich zehn Exponatvorschläge, wovon sechs umgehend gefertigt wurden. Noch im Dezember 1982 wurden diese und weitere Kunstobjekte in den Räumen des Vereins in der Urania aufgestellt. So konnten erste Erfahrungen mit Besuchern beobachtet und gesammelt werden. Als dann am 14. Dezember 1983 das Museum eröffnet wurde, waren bereits 40 Experimente im Angebot. „Versuchsfeld“ nannte sich nun dieser Ausstellungsbereich, platziert im ersten Stock des Hauptgebäudes.
Nach wenigen Tagen war klar, dass diese Abteilung einen immensen Zulauf hatte. Besonders gefragt war sie bei Schülern und jungen Leuten. Der Direktor fühlte sich nun bestätigt und sehr bald fiel die Entscheidung, dass die Abteilung vergrößert werden müsse. Sowohl die Zahl der Exponate als auch die Fläche wurden verdoppelt. Das war 1985. Doch damit nicht genug. Im Jahre 1990 bezog die Abteilung ein eigenes Haus im östlichen Teil des Museumsgeländes. „Science Center Spectrum“ war nun sein Name. Noch einmal verdreifachte sich die Zahl an Experimentierstationen.
Von außen betrachtet entstand ein harmonisches Miteinander. Das Spectrum wurde als andersartige Abteilung öffentlich wahrgenommen. Doch wie sah es hinter den Kulissen aus? Das Versuchsfeld/Spectrum wurde zeitweilig gefördert, zu anderen Zeiten aber auch arg bekämpft. Zur Erläuterung dienen fünf ausgewählte Beispiele.
Ein Labor als Konfliktstoff
Erstens: Einer der Gegner des Spectrums war der Vizedirektor Klaus Streckebach, dem auch die Werkstätten unterstanden. Seine Meinung war: „Was soll diese Spielerei im Museum?“ Für das Spectrum hatte er keine Kapazität, die Werkstätten seien schon ausgelastet. Daraufhin entschied der Direktor, das für das Versuchsfeld ein eigenes Labor eingerichtet wird. Eine Stelle wurde den Werkstätten entnommen. Das führte umgehend zu Konflikten. Der Direktor hatte entschieden, der Stellvertreter war sauer, ich war zufrieden, aber der Betriebsfrieden war dahin. Auf Dauer.
Kinder experimentieren im Science Center Spectrum der Stiftung Deutsches Technikmuseum mit Licht.
© Maurizio Gambarini/dpa
Tödlicher Staub für die Maschine
Zweitens: Kaum war ich im Museum angestellt, erfuhr ich von einer Industrieroboterkonferenz in Linz. Das Museum verfügte bereits über eine Werkstatt mit historischer Transmissionsanlage; der gegenüberliegende Raum war jedoch noch ungenutzt. Ich dachte mir, dass dort ein modernes Pendant seinen Platz finden sollte: ein Industrieroboter. Der Direktor genehmigte mir die Reise nach Linz, obwohl er – wie auch andere – kaum an eine erfolgreiche Mission glaubte. Auch ich selbst war mir nicht sicher.
In Linz bekam ich Kontakte zu diversen Firmen und wartete dann in Berlin auf gute Nachrichten. Nach etwa drei Monaten kam die Meldung von Volkswagen, dass man bereit sei, dem Museum einen Roboter zu überlassen. Der Direktor und ich fuhren nach Wolfsburg, ein Vertrag wurde geschlossen und Volkswagen übernahm auch den Transport ins Museum.
Als er geliefert wurde, war ich nicht anwesend. Der Stellvertreter ließ den Roboter in einem Innenhof ohne Dach aufstellen. Ein Todesurteil für ein solch empfindliches Gerät. Nach meinem Protest wurde der Roboter in ein Treppenhaus verbracht. Dort rieselte Baustaub herunter, ebenfalls tödlich für die Maschine. Man kam von Glück reden, dass der Roboter an seinem endgültigen Standort funktionierte.
Ein Ballon in Flammen
Drittens: Im Innenhof des Hauptgebäudes hatte ich mit einem Mitarbeiter einen Heißluftballon installiert. Er hatte eine imposante Größe und der Aufstieg des gelb-blau gefärbten Ballons wurde vom Publikum mit Beifall begleitet. Eines Tages musste er weichen, ein anderer Platz war vorgesehen. Weil der Ballon durch die vielen Aufstiege angekokelt war, schlug ich vor, ein neues Exemplar zu nähen und zwar nach dem historischen Vorbild einer Montgolfiere. Der Vorschlag kam an.
Das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk in Neukölln übernahm auch diesmal die Fertigung. Ich holte den Ballon dort ab und wartete auf die Möglichkeit der Installation. Man zögerte. Als ich dann doch energisch nachfragte, bekam ich vom Direktor die Anweisung, den Ballon den Werkstätten zu übergeben. Der Direktor hatte dem Drängen seines Stellvertreters nachgegeben.
Mitarbeiter der Werkstatt machten sich ans Werk. Sie hatten keine Erfahrung mit dem empfindlichen Gebilde und so ging der Ballon beim ersten Startversuch in Flammen auf. Die anwesenden Mitarbeiter des Bildungswerks, drei Frauen und ein Mann, gingen betroffen nach Hause. Seither hat das Museum eine Attraktion verloren.
Ausstellungsansicht im Technikmuseum
© Jürgen Ritter/imago
Ein Leck im Becken
Viertens: Die bisherigen Beispiele betrafen das Haupthaus des Museums. Nach dem Umzug des Versuchsfeldes in das eigene Haus, nun Spectrum genannt, setzten sich die spannungsgeladenen Verhältnisse weiter fort.
Ein externer Freund des Spectrums wollte dort unbedingt ein Seifenblasenexperiment auf Dauer unterbringen. Er behauptete, dass die Mäzenin Gabriele Henkel hinter dem Projekt stünde. Ich hielt es für ein ungeeignetes Experiment, da es sehr schwer zu warten ist. Er wandte sich an den Direktor und auch an die Kulturverwaltung. Der Druck auf mich wuchs und ich tolerierte das Vorhaben.
Für die Seifenlauge wurde ein Becken mit den Abmessungen von etwa fünf mal zwei Metern benötigt. Mir war klar, dass dieses Becken aus Edelstahl gefertigt werden müsse. Der Initiator war anderer Meinung; es könne auch ein preiswertes Zinkbecken sein. Er überzeugte den Direktor und der legte fest, dass zwei Ingenieure der Werkstätten entscheiden sollten. Meine Meinung zählte nicht.
Das Becken wurde aus Zink gebaut und mit der Seifenlauge gefüllt. Die Versuche verliefen zur Zufriedenheit des Initiators, der Ingenieure und des Direktors. Doch nach gut einer Woche bekam das Becken ein Leck. Die Lauge kroch über den hölzernen Fußboden. Die inzwischen eklig gewordene Lauge wurde von den Mitarbeitern des Spectrum in Fässer gefüllt. Der Initiator war verschwunden, weder die Ingenieure noch der Direktor ließen sich blicken.
Kinder im Science Center Spectrum der Stiftung Deutsches Technikmuseum
© Maurizio Gambarini/dpa
Ein kollegiales Desaster
Fünftens: Mit der bundesweiten Einführung des Kabelfernsehens startete am 28. August 1985 der Offene Kanal Berlin seinen Sendebetrieb im Studio in der Voltastraße in Berlin-Wedding. Bürger konnten ohne Vorkenntnisse eigene Radio- und TV-Beiträge produzieren. Eines Tages traf ich Jürgen Linke, den Leiter des Senders. Wir entwickelten die Idee, dass Experimente aus dem Spectrum im Offenen Kanal gezeigt werden könnten und zwar nachts, wenn im Sender keine Programme laufe. In einer kleinen Ecke im Studio richteten wir eine Kamera und Experimente ein.
Menschen, die nachts den Sender einschalteten konnten über die Tastatur des Telefons die Kamera einschalten und die Experimente steuern. Das war eine Neuerung, wie sie dem Anliegen eines Science Centers entsprechen. Linke nannte das Vorhaben IMUMEF. Er und ich beschlossen, dieses kleine Projekt in den Medien bekannt zu machen. Linke, der den Hut aufhatte, verfasste einen Text und schickte ihn zur Abstimmung an das Museum. Man warf mir unerlaubtes Handeln vor und die Veröffentlichung unterblieb. Ein kollegiales Desaster.
Otto Lührs ist ein deutscher Physiker und Künstler. Er stand von 1982 bis 2004 der Abteilung Naturwissenschaftliche Grundlagen der Technik am Deutschen Technikmuseum Berlin vor und leitete den Aufbau des Science Centers Spectrum.
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