Deutschland-Finale der interaktiven Fußball-WM

Das virtuelle Wunder von Berlin

Markus Bechtold
3 Min

Gebannt starrt der 21-jährige Kai Kretschmann aus Marl im Ruhrgebiet auf den Monitor. Blitzschnell gleiten seine Finger über das Steuerpad und geben den Spielern seiner virtuellen Fußballmannschaft Anweisungen. In dieser Welt bestehen die Adrenalinschübe der Spieler auf dem grünen Rasen aus Bits und Bytes. Gegen 17.30 Uhr herrscht gespannte Aufmerksamkeit im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof. Auf der Stadion-Leinwand wird das Finale ausgetragen. Dreimal hat Kretschmann erfolgreich den roten Knopf gedrückt, dreimal hat er ein Tor geschossen. Dreimal donnert Applaus durch die Halle. Schließlich gewinnt Kai Kretschmann das Endspiel der deutschen Ausscheidung zum Fifa Interactive World Cup mit 3:2 gegen den 21-jährigen Rob Day aus England. Was aber ist eine virtuelle Fußballweltmeisterschaft? Die deutsche Qualifikation veranstalteten der Konzern Microsoft und der Spiele-Hersteller Electronic Arts am Sonnabend mit dem Fußballweltverband Fifa. Man muss wissen, 90 virtuelle Minuten sind hier acht Echtzeitminuten. Der Rest ist sehr real. Es gibt Verlängerung oder Elfmeterschießen. Zu Beginn des Spiels schwenkt die Kamera durch die Arena. Aus der Tiefe des virtuellen Raums betreten die Kicker unter Gesängen, Schlachtrufen und dem tosenden Applaus der Fans den Rasen. Und Michael Ballack oder David Beckham sehen ihren lebenden Pendants sehr ähnlich.Nach Johannesburg, New York, Rio de Janeiro, Sydney, London, Seoul und Paris fand im Tempelhofer Hangar das letzte Qualifikationsturnier statt. Die Halle war mit grünem Kunstrasen ausgelegt. An 64 Konsolen spielten die Teilnehmer zunächst zu zweit gegeneinander. Das Turnier startete um 9.30 Uhr mit den Vorrunden. Rund 1 000 Teilnehmer hatten gemeldet, darunter auffällig wenige Frauen. Bässe von DJs schallten den ganzen Tag durch die alte Flughafenhalle.Promis am Cyber-LederRekord-Nationalspieler Lothar Matthäus und "Big Boss" Reiner Calmund begleiteten die Spieler durch den Tag. Matthäus sagte: "Ich finde es gut, wenn sich Jugendliche für Fußball-Computerspiele statt für Gewaltspiele interessieren." Über das interaktive Fußballspielen bringe man Jugendliche zum aktiven Sport. Calmund, als fünfacher Vater und dreifacher Opa lange schon stiller Beobachter der Computerspiel-Entwicklung, muss zugeben: "Mir fehlt wohl die Fingerfertigkeit zum computerisierten Spiel. Aber beim Skat oder MauMau bin ich unschlagbar.""Top of the Pops"-Moderator Ole Tilmann findet den Interactive World Cup eine gute Sache, sagt aber auch: "Ich bin lieber draußen an der frischen Luft und spiele selber Fußball." Den Beweis erbringt er auf einem kleinen Fußballfeld, das in der Halle aufgebaut ist. In einer Ecke wird seine Schussgeschwindigkeit mit 116 Stundenkilometern gemessen. Schauspieler und Hertha-Fan Christian Ulmen ("Herr Lehmann") kommt auf 45,2 km/h und trifft auch an der Torwand nicht. "Ich habe aber auch zu große Schuhe an", sagt Ulmen, von Hause aus eben eher Clown als Profikicker. Lieber schaut er zu oder spielt am Computer. Am 19. Dezember wird Kai Kretschmann (Spitzname "Kairaldo") in Zürich für Deutschland gegen die Sieger der sieben anderen Kontinentalturniere um den virtuellen Weltmeistertitel kämpfen. Jetzt aber will er mit seinen Kumpels erst mal feiern - nicht virtuell, sondern ganz in echt versteht sich.------------------------------Foto: Die virtuellen Kicker vergnügten sich an langen Reihen Computerkonsolen.

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