Deutschland und die Deutschen

Christian Bommarius
3 Min

Durch was unterscheidet sich die politische Autobiografie eines Politikers von der eines Staatsmannes? Wer die Autobiografie eines Politikers gelesen hat, der weiß am Ende manches über die Geschichte des Politikers, wer die Autobiografie eines Staatsmannes aus der Hand legt, der hat Substanzielles über Politik als Geschichte erfahren. Unter den wenigen Staatsmännern, die Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat, ragt Richard von Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994, heraus, nicht zuletzt durch die besondere Rolle, die die Geschichte ihm zugewiesen hat, vor allem aber selbstverständlich durch die Souveränität und politische Empfindsamkeit, mit der von Weizsäcker diese Rolle erfüllte. Seine Rede vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs gilt als eine der besten öffentlichen deutschen Reden der jüngeren Vergangenheit, noch mehr aber als historische Nachhilfestunde in demokratischer Selbstvergewisserung. Und mit seiner großen Rede zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gab er den Deutschen einen Begriff davon, was die Stunde geschlagen hatte: "Wir erleben eine der sehr seltenen historischen Phasen, in denen wirklich etwas zum Guten verändert werden kann. Lassen Sie uns keinen Augenblick vergessen, was das für uns bedeutet."Davon, von der Bedeutung der Teilung und der Wiedervereinigung Deutschlands, handelt von Weizsäckers neuestes Buch "Der Weg zur Einheit". Es ist im besten Sinne die politische Autobiografie eines Staatsmannes, also historische Reflexion, politische Analyse und persönlicher Erfahrungsbericht zugleich: "Wer wissen will, wer wir Deutschen heute sind, der muss in unsere Vergangenheit schauen." In seiner Rückschau zieht von Weizsäcker die Verbindungslinien von Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 bis zur Bundesrepublik der Gegenwart, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: "Die Kosten der Vereinigung sind und bleiben noch immer gewaltig. Sie sind Kriegsfolgekosten, die mit großer zeitlicher Verspätung nach wie vor anfallen. Aber die Gelder gehen nicht an die Sieger, sondern sie bleiben in Deutschland." Nie rückt von Weizsäcker seine Person in den Vordergrund, aber er ruft sie auf, um sein politisches Handeln verständlich zu machen. Den erbitterten Widerstand seiner Partei, der CDU, gegen die Ostpolitik Willy Brandts in den 60er- und 70er-Jahren hat er nicht unterstützt ("Es gab keinen anderen verantwortbaren Weg in die Zukunft als diese deutschen Beiträge zur Entspannungspolitik"), und was seine Einstellung zu Polen betrifft, so war sie auf tragische Weise sehr persönlich geprägt: "An jenem 1. September 1939 war ich als Soldat in Polen mit einmarschiert. Am zweiten Kriegstag, dem 2. September, war mein geliebter älterer Bruder ein paar hundert Meter von mir entfernt gefallen."Wer wissen will, wovon die Rede ist, wenn von Deutschland gesprochen wird, der findet in diesem Buch die Antwort eines klugen Deutschen.Richard von Weizsäcker: Der Weg zur Einheit, 223 S., C.H.Beck, München, 2009, 19,90 Euro.

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