BERLIN. Sieger sehen anders aus. Mit einer Miene, als habe man ihm gerade das Auto gestohlen, stieg Stefan Lindemann aufs Podest, um sich für seinen vierten deutschen Meistertitel ehren zu lassen, und noch nicht mal Umarmung und Anblick der gut gelaunten Gratulantin Katarina Witt machte ihm Freude. Zu tief saß der Frust nach einem äußerst schwachen Auftritt in der Kür, zu deutlich war gleich danach in der Kabine die Kritik seiner Trainerin Ilona Schindler und des Präsidenten der Deutschen Eislauf-Union (DEU), Reinhard Mirmseker, ausgefallen.Mit einer solchen Vorstellung, da sind sich alle einig, wird Lindemann in zwei Wochen bei der EM in Lyon und erst Recht im Februar bei den Olympischen Spielen nichts ausrichten. Beim vierfachen Toeloop ging er zu Boden, den dreifachen Axel und den dreifachen Flip riss er auf. Aber da der Zweite der Konkurrenz, Silvio Smalun, noch schlechter gelaufen war und dreimal der Länge nach auf dem Eise gelegen hatte, reichte es für Lindemann mit deutlichem Vorsprung zu Titel Nummer vier vor Smalun und dem soliden Berliner Martin Liebers.Der Fall lag ähnlich wie bei Annette Dytrt am Tag zuvor, und so meinte Mirmseker zum Ende der Meisterschaften im Wellblechpalast von Hohenschönhausen, mit Ausnahme des Paares Sawtschenko/Szolkowy und der Geschwister Beier beim Eistanz seien die Leistungen der besten deutschen Läufer absolut nicht zufrieden stellend gewesen. Den guten Rutsch ins Neue Jahr hätten einige offensichtlich zu wörtlich genommen.Die Zeit ist knappMuss man sich sorgen, wenn die Meister selbst gegen überschaubare nationale Konkurrenz vor Nervosität zu Boden gehen? Lindemann und Dytrt behaupten, der Druck sei in jedem Jahr besonders groß, weil man das Gefühl habe, von allen besonders genau beobachtet zu werden. Da will man sich vor den Konkurrenten im eigenen Lande keine Blöße geben, und Mirmseker erinnert sich, selbst eine große Läuferin wie Katarina Witt sei früher bei deutschen Meisterschaften nicht gut gewesen. Bei stärkerer internationaler Konkurrenz gleiche sich vieles aus - "da vertanzt sich das. Aber wer ein Großer werden will, der muss solche Sachen in den Griff kriegen".Bei aller Kritik glaubt er daran, in Lyon werde Lindemann in besserer Form sein, und auch der Läufer selbst sagt, er werde jetzt sicher nicht ins Grübeln verfallen, sondern in Ruhe weiter trainieren. Auch im vergangenen Winter hatte er den deutschen Titel mit einer schwachen Kür gewonnen, und ein paar Wochen später bei der EM war er Dritter geworden. Wobei es im Augenblick schon einen gravierenden Unterschied gibt: den vierfachen Toeloop beherrscht er zur Zeit im Training bei weitem nicht so stabil, und auch mit dem dreifachen Axel hat er seine liebe Not.Die Zeit ist knapp, und es bleibt reichlich zu tun. Das gilt auch für die Besten der Meisterschaften, Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy, ebenfalls Sieger einer schwachen Konkurrenz. Nach souveränen internationalen Auftritten fehlte es ihnen in Berlin in der Kür an Tempo und Glanz. Doch man kann sich ausrechnen, welchen Anteil der Wirbel um die freudige Nachricht der Einbürgerung Sawtschenkos daran hatte. In Lyon bei der EM zählen beide in jedem Fall zu den Favoriten, und vielleicht wird ihnen dabei die Erinnerung an das vergangene Jahr helfen. Bereits damals hätten sie eine Medaille gewinnen können, doch sichtlich nervös hatten sie diese Chance verspielt. Was die Einschätzung der Aussichten der deutschen Eiskunstläufer insgesamt betrifft, verordnet der Chef einen Mix aus Fatalismus und Optimismus. "Alle Stürze, die wir in diesem Winter hätten machen können, haben wir in Berlin gemacht", sagt Mirmseker. Wäre nicht schlecht.------------------------------Foto: Sturz beim Toeloop: Stefan Lindemann wurde in einer schwachen Konkurrenz Deutscher Meister.
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