BERLIN. Nur Michel Platini machte nicht mit, wollte nicht knuddeln, der Präsident des europäischen Fußball-Verbandes Uefa, als Deutschlands Fußballerinnen der Reihe nach die steile Treppe hochkamen, um auf der Haupttribüne des Olympiastadions von Helsinki die Medaillen und schließlich den Pokal entgegenzunehmen. Dafür lehnten sich Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes DFB, und sein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder immer wieder weit über die Balustrade, schonten weder Rücken noch Frisur, um die Fußballerinnen ausgiebig zu herzen.Europameisterinnen im Knuddeln, Europameisterinnen im Fußball, zum siebten Mal, zum fünften Mal in Folge, nach einem packenden 6:2 (2:1) gegen die Engländerinnen, die wahrlich nicht enttäuschten, sondern lange Zeit ebenbürtige Gegnerinnen stellten. Glitzerregen fiel vom Stadiondach, die üblichen Songs wurden überlaut eingespielt, Bundestrainerin Silvia Neid sagte: "Das war eine lange EM und sehr anstrengend. Jetzt bin ich sehr zufrieden und überglücklich. England war wie erwartet große Klasse."Englands AnfangsoffensiveEin Glück für das Turnier, ein Glück wohl auch für die Frauen-WM 2011 in Deutschland, dass diese nicht immer hochwertige Europameisterschaft dieses Finale bekam. Deutschland gegen England, ein Duell, das bei weitem noch kein Klassiker ist, aber im Moment für den Kontinent mit Sicherheit die wertvollste Auseinandersetzung darstellt. Englands Auswahl, die in den vergangenen Jahren die dynamischste Entwicklung genommen hat, gegen die deutsche, die seit Jahren - natürlich in sich immer wieder erneuernder Besetzung - Fußball geradezu vorbildlich lebt und arbeitet. Spiele wie Deutschland gegen England, das hat dieses Endspiel in der finnischen Hauptstadt gezeigt, sind die beste Werbung für den Fußball der Frauen. Die teuerste Imagekampagne kann nicht so eine Wirkung erzielen.Der einzige Makel an diesem herbstlichen Fußballabend in der finnischen Hauptstadt war zweifellos die Kulisse. Zu viel war vom Olympiastadion zu sehen, denn zu wenig Menschen, nämlich nur 15 800, hatten den Weg in das weite Oval gefunden. Unter den Zuschauern war allerdings jede Menge Prominenz auszumachen. Horst Köhler, der Bundespräsident, klatschte begeistert neben Michel Platini für Deutschland und gegen die aufziehende Kälte. Und eben auch Theo Zwanziger, das Maskottchen der deutschen Fußballerinnen, das schon vor der Partie geschwärmt hatte. "Ich bin sehr, sehr stolz auf diese Mannschaft. Sie tut sehr viel für den deutschen Fußball insgesamt und natürlich im Besonderen für unser Ziel, Mädchen zum Fußball zu bekommen."Die deutschen Mädchen, die gestern Abend nicht mit der Puppe, dem Freund oder dem Computer gespielt haben, sondern den Fernseher angemacht hatten, dürften jedenfalls begeistert gewesen sein. Auf die überraschend forsche Anfangsoffensive der Engländerinnen, die von ihrer Spielmacherin Kelly Smith intelligent geführt wurden, reagierten die Spielerinnen von Bundestrainerin Silvia Neid nämlich mit der Nüchternheit erfahrener Wettkämpferinnen. So folgte dem Pass auf Inka Grings in die Schnittstelle der englischen Abwehr eine außerordentlich elegante Drehbewegung von Inka Grings, Birgit Prinz stürmte heran, machte in der 19. Minute aus der Vorlage von Grings das 1:0, wobei es sich offensichtlich um eine einstudierte Kombination gehandelt hatte.Für Deutschlands Sturmführerin war es ein besonderer Moment der Genugtuung, hatte Prinz ob ihrer Abschlussschwäche in der Vorrunde ungewohnt harsche Kritik einstecken müssen. Ihr Treffer brachte einen offenen Schlagabtausch in Gang, der im fulminanten Fernschuss von Melanie Behringer nur zwei Minuten später einen weiteren Höhepunkt erfuhr. 35 Meter lagen zwischen Behringer, der 23-Jährigen vom FC Bayern München, und dem englischen Tor. 35 Meter, die sie mit einem Vollspannstoß überwand, der sich für Englands Keeperin Rachel Brown in ein unheimliches Flugobjekt verwandelte. 2:0.Ein 0:2 gegen Deutschland bedeutet für viele Teams das Ende aller Hoffnung, nicht so für die Engländerinnen, die postwendend durch Karen Carney den Anschlusstreffer erzielten, die sich auch nach dem Seitenwechsel vom 1:3 durch Kim Kulig (50.) nicht entmutigen ließen, und durch ihre Beste, durch Kelly Smith in der 55. Minute, erneut verkürzen konnten.Doch Deutschland hat Grings und Deutschland hat Prinz, die in der Kombination wohl das effektivste Sturmpaar weltweit bilden. Insbesondere Grings hat koordinative Fähigkeiten, um die sie so mancher männlicher Zweitligaspieler beneiden muss. Die Angreiferin vom FCR Duisburg erzielte nach etwas mehr als einer Stunde das 4:2 und setzte in der 76. Minute den Schlusspunkt. Prinz hatte die Führung zwischenzeitlich auf 5:2 ausgebaut und brachte es hinterher auf den Punkt: "Einfach cool. Das war ein hart umkämpftes Match. Wir haben einfach zum richtigen Zeitpunkt die Tore gemacht." (BLZ)------------------------------England - Deutschland 2:6 (1:2)England: Brown - Alex Scott, Asante, White, Stoney - Jill Scott, Chapman (86. Westwood) - Carney, Williams, Aluko (81. Sanderson) - Smith.Deutschland: Angerer - Bresonik, Krahn, Bartusiak, Peter - Garefrekes (83. Bajramaj), Kulig, Laudehr, Behringer (60. da Mbabi) - Prinz, Grings.Schiedsrichterin: Dagmar Damkova (Tschechien) -Tore: 0:1 Prinz (20.), 0:2 Behringer (22.), 1:2 Carney (24.), 1:3 Kulig (50.), 2:3 Smith (55.), 2:4 Grings (62.), 2:5 Grings (73. ), 2:6 Prinz (76.) - ZS: 15 877.------------------------------Werbung für die WM 2011"Herzlichen Glückwunsch von hier an unsere Frauen. Das ist super toll."Bundeskanzlerin Angela Merkel, die auf einer Wahlkampfveranstaltung in Hannover das Ergebnis des EM-Finales erfuhr."Es hat mich sehr gefreut. Das ist eine tolle Vorbereitung auf die WM der Damen 2011. Und das Wichtigste: Hier geht es nicht um das große Geld. Ich hoffe, dass man durch diesen Erfolg den Frauenfußball noch mehr schätzt."Bundespräsident Horst Köhler"Es war ein richtig gutes Finale mit vielen Offensivaktionen auf beiden Seiten. Es war Werbung für die Frauen-WM 2011 in Deutschland."Bundestrainerin Silvia Neid"Ich bin wahnsinnig stolz und werde das wohl erst in ein paar Tagen realisieren. Ohne solch ein Team wäre das alles nicht möglich gewesen."Torschützin Inka Grings------------------------------Foto: Beste Angreiferin der EM: Inka Grings (2. v. l.) traf insgesamt sechs Mal. Hier zeigt sie im Finale, wie ein Kopfballtor aussieht.
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