Interview

DHB-Präsident Andreas Michelmann: „Leistungsbereitschaft ist aus dem Fokus geraten“

Vor der Handball-WM spricht DHB-Präsident Andreas Michelmann über volle Hallen, die Strukturen im Verband und die Frage, warum Leistungsdenken aus dem Fokus geraten ist.

Christoph Dach
12 Min
Als Präsident des Deutschen Handballbundes ist Andreas Michelmann regelmäßig in den deutschen Sporthallen, wie hier in diesem Jahr beim Finale der A-Junioren-Bundesliga zwischen dem SC Magdeburg und dem THW Kiel, zu sehen.

Als Präsident des Deutschen Handballbundes ist Andreas Michelmann regelmäßig in den deutschen Sporthallen, wie hier in diesem Jahr beim Finale der A-Junioren-Bundesliga zwischen dem SC Magdeburg und dem THW Kiel, zu sehen.

© Michael Taeger/imago

In weniger als 100 Tagen findet die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Grund genug also, beim Präsidenten des DHB nachzufragen: Wie laufen die Vorbereitungen? Was für ein Turnier wird das? Und wie stehen die Chancen für Team Germany? Für das Interview mit der OAZ, das in einem Hotel in Berlin-Mitte stattfindet, ist Andreas Michelmann extra mit dem Zug aus Aschersleben angereist.

Herr Michelmann, wissen Sie noch, was Sie am 4. Februar 2007 getan haben?

Das war der Tag des Handball-WM-Finals zwischen Deutschland und Polen, oder? Ich habe das Endspiel daheim vor dem Fernseher verfolgt und natürlich die Daumen gedrückt. Vorher hatte ich ein paar Turnierspiele live gesehen, unter anderem das legendäre und unglaublich wilde Halbfinale gegen Frankreich in Köln.

Während der Vorrunde hat mein bester Freund seine Firma in Aschersleben gegründet und ich habe ihm damals die Hymne der WM eingespielt: Wenn nicht jetzt, wann dann? Das hat ganz wunderbar gepasst.

Erinnern Sie sich noch konkret ans Finale?

Aber natürlich! Als sich Henning Fritz verletzt hat und nicht mehr weiterspielen konnte, habe ich mir ernsthaft Sorgen gemacht und dachte: Das geht heute in die Hose! Aber dann kam Jogi Bitter ins Tor und hat überragend gehalten. Und Deutschland war plötzlich Handball-Weltmeister.

In Deutschland sind Hallen auch ohne Deutschland voll

Im Januar 2027, also 20 Jahre nach dem viel zitierten „Wintermärchen“, findet nun wieder eine WM in Deutschland statt. Was erwarten Sie vom Turnier?

Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu staatstragend, aber wir wollen natürlich gute Gastgeber sein. Und wir hoffen, dass die Hallen voll sein werden. Bisher haben wir etwa 75 Prozent aller Tickets verkauft, Ziel sind mehr als 90 Prozent. Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen.

Ein Kennzeichen für große Handball-Turniere in Deutschland ist nämlich die Tatsache, dass die Hallen auch voll sind, wenn Deutschland nicht spielt, wenn Algerien gegen Portugal spielt oder Island gegen Japan. In anderen Ländern ist das nicht immer so gegeben.

Volle Hallen, wie hier in Köln, sind in Deutschland an der Tagesordnung, wenn Handballturniere stattfinden.

Volle Hallen, wie hier in Köln, sind in Deutschland an der Tagesordnung, wenn Handballturniere stattfinden.

© Marco Wolf/Imago

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Und atmosphärisch?

Im Handball gibt es für mein Empfinden eine gute Mischung zwischen Nationalstolz beziehungsweise Stolz auf die eigene Mannschaft und Respekt vor den anderen. Das sieht man immer daran, dass bei der Nationalhymne der Gastnation alle aufstehen und ruhig sind und bei der eigenen Hymne mitgesungen wird. Man hört keine Pfiffe oder Rumgegröle.

Das ist eine gesunde Einstellung zur eigenen Nation und das zeichnet den Handball auch auf Vereinsebene aus. Da können Kieler Fans neben Flensburgern sitzen oder Berliner neben Magdeburgern, ohne dass es Stress gibt. Ich sage immer spaßeshalber: Solange genug Action auf der Platte herrscht, brauchen die Zuschauer das nicht untereinander zu klären. Und beim Handball ist bekanntlich immer Action drin.

Zur Person

Andreas Michelmann, 66, war von 1994 bis 2022 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Aschersleben. 2015 wurde er zum Präsidenten des Deutschen Handball-Bundes (DHB) gewählt. Michelmann ist außerdem Sprecher von „Teamsport Deutschland“, einem Zusammenschluss der fünf großen Mannschaftssportverbände (Basketball, Eishockey, Fußball, Handball, Volleyball). 2020 wurde ihm für sein gesellschaftliches Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Haben Sie eigentlich mal selbst gespielt?

Sport war in meinem Elternhaus kein großes Thema, da sind meine acht Enkel jetzt ganz anders unterwegs. Meine Kinder lachen sich heute noch kaputt, wenn ich ihnen erzähle, dass ich zweimal Schulmeister im leichtathletischen Dreikampf geworden bin. Aber im Ernst: Als Kind habe ich viele Sportarten ausprobiert, so wie meine Freunde auch. Fußball, Handball, Fechten und Schach – das war genau mein Ding. Nach der Schule haben wir sofort die Ranzen in die Ecke gefeuert und losgemacht.

Mein Sportlehrer hat mich dann in der zweiten Klasse zum Handball gebracht und ich bin über 30 Jahre dabei geblieben. 15 Jahre im Tor und 15 Jahre als Kreisläufer beziehungsweise im Abwehrzentrum, also eigentlich auf den schlimmsten Positionen überhaupt. Mein letztes Spiel habe ich 1998 gemacht, als in Aschersleben die erste von insgesamt fünf Handball-Hallen eröffnet wurde, die in meinen 28 Jahren als Oberbürgermeister entstanden sind. Damals waren die DDR-Olympiasieger von 1980 um Ingolf Wiegert unsere Ehrengäste, das war ein großartiger Tag.

Was war als junger Mann in der Nachwendezeit Ihre Motivation, in die Lokalpolitik einzusteigen?

Damals habe ich etwas arrogant gesagt: Ich kann es besser als meine Vorgänger, dabei wusste ich gar nicht so richtig, wie es geht. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich mich auf meine innere Kreativabteilung verlassen kann, und dann ein paar verrückte Sachen gemacht, zum Beispiel eine Landesgartenschau nach Aschersleben und mitten in die Stadt geholt.

Als ehemaliger Handballer sind Sie 2010 zunächst zum Präsidenten des Landesverbands Sachsen-Anhalt gewählt worden, drei Jahre später zum Vizepräsidenten des DHB und 2015 schließlich zum Präsidenten. Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Woran erinnern Sie sich besonders gern und was würden Sie gern tilgen?

Ich weiß nicht, ob ich es tilgen würde, aber der Anfang war kompliziert. Vorher hatte es ja einen heftigen Streit zwischen dem damaligen Vizepräsidenten Leistungssport, Bob Hanning, und dem Präsidenten Bernhard Bauer gegeben, der daraufhin zurückgetreten ist.

Zwei Jahre vorher hatten wir uns fest vorgenommen, als Verband neu durchzustarten, und dann lag plötzlich vieles in Trümmern und wir mussten im Grunde von vorn anfangen. Die Situation war in vielerlei Hinsicht kompliziert: Wirtschaftlich lagen wir am Boden und sportlich waren wir auch nicht besonders erfolgreich. Das waren keine guten Voraussetzungen.

Bis Anfang September befand sich DHB-Präsident Andreas Michelmann im politischen Wahlkampf in Sachsen-Anhalt.

Bis Anfang September befand sich DHB-Präsident Andreas Michelmann im politischen Wahlkampf in Sachsen-Anhalt.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Was ist dann passiert?

Aus heutiger Sicht denke ich, dass es auf struktureller Ebene einen entscheidenden Schritt im DHB gab: die klare Trennung zwischen hauptamtlichem Vorstand und ehrenamtlichem Präsidium. Wir haben damals fünf Vorstände mit spezifischen Fachbereichen bestimmt und die Menschen arbeiten lassen.

Ein Verband wie der DHB mit fast 800.000 Mitgliedern konnte einfach nicht mehr ehrenamtlich geführt werden, das wäre nicht mehr zeitgemäß gewesen. Und wenn man sich die wirtschaftlichen Zahlen ansieht, kann man von einer sehr ordentlichen Entwicklung sprechen: Wir sind 2015 mit einem Jahresbudget von 6,5 Millionen Euro für den DHB gestartet, heute liegen wir bei etwa 19 Millionen Euro.

Strukturell sind wir ebenfalls auf einem sehr guten Weg. In Dortmund entsteht zum Beispiel gerade unser DHB-Campus. Dort wird eine Halle errichtet, die Dortmunds Handballerinnen als Heimspielstätte nutzen werden und wir vom Verband als Trainingszentrum für den Bundesstützpunkt.

Daneben schaffen wir Internatsplätze entweder in einem weiteren Stockwerk eines bestehenden Internats oder im Willi-Daume-Haus. Alles in allem wird das unsere Zentrale, in der die Fäden zusammenlaufen und die wir in dieser Form bisher nicht hatten. Das ist der nächste Meilenstein für den DHB.

Das war jetzt der Blick in die Zukunft, lassen Sie uns noch einmal aufs Sportliche zurückblicken. Kurz nach Ihrer Wahl zum DHB-Präsidenten ist die Nationalmannschaft 2016 völlig überraschend Europameister geworden.

Das war ein Glücksfall für uns. Wir hatten extrem viele Verletzte, kein Mensch hat uns realistische Chancen auf den EM-Titel eingeräumt. Dann hat die Mannschaft des damaligen Bundestrainers Dagur Sigurdsson auch noch das erste Spiel verloren und die Abgesänge waren im Grunde vorbereitet.

Wie die Mannschaft dann reagiert und sich ins Turnier gekämpft hat, war einfach überragend. Am Ende stand eine der größten Sensationen der jüngeren Handball-Geschichte. Und ein halbes Jahr später gab es ja bei den Olympischen Spielen in Rio noch eine Bronzemedaille zu bejubeln.

Damals hat der deutsche Handball vielleicht ein bisschen zu lange gefeiert, mit verheerenden Konsequenzen.

Andreas Michelmann, DHB-Präsident

Hat der Handball dadurch einen Schub in der öffentlichen Wahrnehmung erfahren? Wie haben Sie das in Erinnerung?

Auf jeden Fall. Ohne jetzt in Eigenlob zu verfallen, darf man aus meiner Sicht behaupten, dass wir diesen Schub etwas besser genutzt haben als zum Beispiel nach dem WM-Titel 2007. Damals hat der deutsche Handball vielleicht ein bisschen zu lange gefeiert, mit verheerenden Konsequenzen: 2012 waren wir zum ersten und bisher einzigen Mal nicht bei den Olympischen Spielen dabei, 2014 hatten wir die EM verpasst, 2015 bei der WM in Katar durften wir nur teilnehmen, weil wir auf den letzten Drücker eine Wildcard vom Weltverband IHF bekommen haben. Das darf man nicht vergessen.

Gemessen daran waren die letzten Jahre mit unserem aktuellen Bundestrainer Alfreð Gíslason sehr erfolgreich: Silber bei Olympia, Silber bei der letzten Europameisterschaft – Alfred hat über Jahre eine junge Mannschaft aufgebaut und entwickelt und die zahlt das Vertrauen jetzt zurück.

Immer wieder Dänemark

Ohne die Erfolge kleinreden zu wollen, aber was muss passieren, damit es bei der WM vielleicht mal wieder für eine Goldmedaille und den dritten WM-Titel für Deutschland nach 1978 und 2007 reicht?

Stefan Kretzschmar hat das einmal sehr treffend formuliert: Es ist bisher das große Pech dieser Spielergeneration, dass es diese gigantisch starken Dänen gibt, die etwas Unglaubliches geschafft haben, nämlich viermal in Folge Weltmeister zu werden. Allein daran sieht man, wie verdammt schwer es ist, diese Auswahl zu besiegen.

Nicht mal bei einer WM im eigenen Land und mit heimischem Publikum im Rücken darf man das erwarten, weil an einem Tag einfach alles passen muss. Und es gibt ja noch viele andere starke Handball-Nationen, die man auf dem Schirm haben sollte. Deshalb ist die Zielstellung für die WM im Januar, eine Medaille zu holen. Das wird schwer genug.

Das Maß der Handball-Welt: Zu Beginn des Jahres jubelte Dänemark nach dem Finale gegen Deutschland über den Gewinn der Handball-Europameisterschaft.

Das Maß der Handball-Welt: Zu Beginn des Jahres jubelte Dänemark nach dem Finale gegen Deutschland über den Gewinn der Handball-Europameisterschaft.

© Marco Wolf/Imago

Als Sprecher des Verbunds „Teamsport Deutschland“ haben Sie auch gute Kontakte in andere Sportarten. Wie ist es aus Ihrer Sicht generell um den Sport und den Leistungssport in Deutschland bestellt?

Ich denke, wir haben als Gesellschaft ein Problem: Unter dem Deckmantel der Gleichheit ist das Thema Leistung, Leistungsbereitschaft und Würdigung von Leistung aus dem Fokus geraten. Und eine Gesellschaft, in der Leistung und Ergebnisse zu wenig geschätzt werden, hat es logischerweise auch im Leistungssport schwer, weil das gesellschaftliche Klima dafür fehlt.

Ganz grundsätzlich finde ich, dass eine große Industrienation wie Deutschland entsprechend ihrer Wirtschaftskraft nicht nur finanziell viel zu wenig in den Sport investiert hat, sondern auch zu wenig in moderne Strukturen. Und diese Meinung habe ich nicht exklusiv, das höre ich auch immer wieder von Kollegen aus anderen Disziplinen. Und das ist nur ein strukturelles Problem in der deutschen Sportlandschaft.

Welche sehen Sie denn noch?

Für mich ist das Größte, dass der Männersport finanziell so viel stärker ist als der Frauensport. Das finde ich zutiefst ungerecht – und deshalb haben wir uns bei Teamsport Deutschland auch diesem Thema verschrieben beziehungsweise uns vorgenommen, das zu ändern. Und damit meine ich nicht irgendwelche Funktionärsblasen, in denen viel geredet wird, sondern konkrete Handlungen und praktische Schritte. So errichten wir zum Beispiel über das Land verteilt vier Bundesstützpunkte.

Das Ziel dahinter ist klar: Wir wollen natürlich, dass unsere Handballerinnen auch in Zukunft so erfolgreich sind wie bei der letzten WM, als die Mannschaft die Silbermedaille gewann. Insgesamt ist der Frauensport in Deutschland in den Teamsportarten aus meiner Sicht auf einem guten Weg und größtenteils in der Weltspitze angekommen.

Im Hockey waren wir ohnehin schon immer stark, im Handball sind wir Vize-Weltmeister, die Basketballerinnen haben zuletzt auch ein sehr erfolgreiches und von der Öffentlichkeit beachtetes Turnier gespielt. Darüber habe ich mich sehr gefreut, weil es mir gezeigt hat: Wir sind da sehr viel weiter als noch vor zehn Jahren.

DHB-Präsident Andreas Michelmann und die deutschen Handballerinnen haben sich nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft in das Goldenen Buch der Stadt Dortmund eingetragen.

DHB-Präsident Andreas Michelmann und die deutschen Handballerinnen haben sich nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft in das Goldenen Buch der Stadt Dortmund eingetragen.

© Anja Cord/Imago

Im Männerbereich ist es gelungen, jungen Talenten den Weg ins Nationalteam zu bahnen, das war viele Jahre ein Problem im deutschen Handball. Der ehemalige Bundestrainer Heiner Brand hat kürzlich sogar gesagt, dass es sich aktuell um die talentierteste deutsche Mannschaft seit langer, langer Zeit handle. Sehen Sie das ähnlich?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Nachdem wir 2012 Olympia verpasst hatten, war klar: Wir müssen diesen Abwärtstrend schleunigst stoppen. Und da haben die Vereine auch alle mitgezogen, angefangen bei den Füchsen Berlin und beim SC Magdeburg, die einfach seit Jahren eine ausgezeichnete Nachwuchsarbeit machen.

Aber auch andere Vereine haben nachgezogen, der THW Kiel zum Beispiel oder die Rhein-Neckar-Löwen. Trotzdem ist es immer ein schmaler Grat, wenn man die beste Handball-Liga der Welt hat: Das führt nämlich automatisch dazu, dass die Stars aus dem Ausland auch in die Bundesliga wollen. Und das macht es unseren Jungs schwer, sich durchzusetzen. Trotzdem weiß ich natürlich auch, dass wir eine super spannende Mannschaft haben, die über Jahre gewachsen ist. Ich hoffe, dass sie sich bei der WM vom Publikum und von der Atmosphäre im Land anstecken lässt und eine gute WM spielt.

Ambitionierter Zeitplan für den DHB-Präsidenten

Wie sieht Ihr persönlicher Turnierplan aus? Wie dicht werden Sie an der deutschen Mannschaft sein?

Als Präsident gehört es sich einfach, möglichst viele Spiele an möglichst vielen Orten zu sehen. Deshalb starte ich mit dem Eröffnungsspiel in München, danach geht es dann weiter Richtung Stuttgart und von dort nach Magdeburg, wo unter anderem die Isländer in einer vollen Halle spielen werden, weil der SC Magdeburg drei Isländer unter Vertrag hat.

Anschließend geht es nach Kiel und Hannover, bevor ich schließlich zur K.‑o.‑Phase nach Köln fahre. Mir ist bewusst, dass ich mir damit einen recht ambitionierten Reiseplan zusammengestellt habe, aber ich freue mich schon sehr auf die Spiele und die Stimmung in den Hallen.

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