Was verrät Mode über eine Gesellschaft, wenn man hinter die schöne Oberfläche schaut? Diana Weis beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Frage. Die 1974 geborene Autorin hat über Botox promoviert, Modetheorie und Körpersoziologie gelehrt und schreibt über Stil und Gegenwartskultur. Seit 2019 ist sie Professorin für Modejournalismus an der BSP Business & Law School in Berlin.
In ihrem gerade erschienenen Buch „Darunter nackt“ erzählt Weis die politische Geschichte der Mode von den Höfen der Renaissance bis zu Luxuskonzernen und Ultra-Fast-Fashion. Sie zeigt, wie Kleidung Körper formt, soziale Unterschiede sichtbar macht und Wünsche weckt – und wie hinter Glanz und Eleganz auch Kolonialismus, Ausbeutung und Gewalt stehen.
Für unseren Ästhetik-Fragebogen richtet sie den Blick auf ihre eigenen Vorlieben: Berliner Familiengeschäfte, Flohmarktschätze und ein Clownkostüm, das sich auch mit dem richtigen Styling nicht retten ließ.
Frau Weis, wo kaufen Sie am liebsten ein?
Ich liebe Flohmärkte, besonders solche, auf denen Privatpersonen ihre ausgemisteten Sachen verkaufen. Rund um den Klausener Platz in Charlottenburg gibt es jedes Frühjahr einen großen Kiez-Flohmarkt. Darauf freue ich mich jedes Mal. Man kommt leicht ins Gespräch und erfährt oft noch etwas über die Dinge, die man mit nach Hause nimmt.
Außerdem mag ich Spezialgeschäfte in Familienhand, von denen es in Berlin zum Glück noch einige gibt. Bei Eisenwaren Adolph am Savignyplatz, im Volksmund Eisen-Adolph, kann man einzelne Schrauben kaufen, statt wie im Baumarkt gleich eine ganze Packung. Toll ist auch Knopf Paul in der Zossener Straße. Dort habe ich schon oft besondere Ersatzknöpfe für meine Flohmarktschätze gefunden.
Wie würden Sie Ihren Einrichtungsstil beschreiben? Und wo halten Sie sich zu Hause am liebsten auf?
Eklektisch und bunt. Ein bisschen Space Age, ein bisschen Boho. Ich sammle Druckgrafiken aus den 1970er-Jahren und habe kaum noch Platz an den Wänden. Außerdem liebe ich Textilien aller Art im Mustermix: Möbelstoffe, Teppiche, Kissenbezüge und Steppdecken. Besonders toll finde ich die grafisch gestalteten Vorhänge von Black Velvet Circus. Am liebsten liege ich mit meinen beiden Katzen im Bett, auf einer Patchwork-Tagesdecke.
Welches Buch hat Sie zuletzt begeistert? Und welches haben Sie noch nicht zu Ende gelesen?
„Deconstructing the Kardashians“ von MJ Corey hat mich wirklich begeistert. Dieses Buch hätte ich gerne selbst geschrieben. Es ist eine kluge Analyse der Social-Media-Kultur und der Frage, wie daraus ideelle und materielle Werte entstehen. Überhaupt lese ich gerne Sachbücher über Gegenwartskultur. Mit Romanen tue ich mich manchmal schwerer. Im Sommer habe ich „Rouge“ von Mona Awad angefangen, einen Psychothriller über die Beauty-Industrie. Seitdem liegt das Buch halb gelesen auf meinem Nachttisch.
Welcher Film oder welche Serie hat Sie zuletzt besonders beeindruckt – und warum?
Ich liebe Horrorfilme. Vor Kurzem habe ich „Backrooms“ des jungen Regisseurs Kane Parsons gesehen. Besonders beeindruckt hat mich das Setdesign. Seitdem läuft mir immer wieder ein surrealer Schauer über den Rücken, wenn ich mich in generischen Räumen wie Flughäfen, Bürogebäuden oder Hotelkorridoren wiederfinde.
In „Darunter nackt“ erzählt Diana Weis die politische Geschichte der Mode – von den Höfen der Renaissance bis zu Luxuskonzernen und Ultra-Fast-Fashion.
© März Verlag
Wer ist Ihr Stilvorbild?
Courtney Love. Der Look der Riot Grrrls hat mich als Teenager total inspiriert. Selbst als sie längst reich und berühmt war, schaffte sie es noch, Couture-Kleider mit einer einzigartigen Attitüde zu tragen. Vor Kurzem ist das Fotobuch „My ’90s Rock Photographs“ der ehemaligen Hole-Bassistin Melissa Auf der Maur mit Aufnahmen aus dieser Zeit erschienen. Großartig!
Was bringen Sie mit, wenn Sie bei Freunden eingeladen sind?
Da erweisen sich meine vielen Flohmarktbesuche als überaus praktisch: Ich habe immer ein großes Sortiment an Krimskrams, aus dem ich ein passendes Mitbringsel auswählen kann. Das kann ein hübsches Seidentuch sein, eine Harlekinfigur aus Porzellan oder eine Sammeltasse von Princess Diana.
Was steht auf Ihrem Wunschzettel?
Obwohl ich eigentlich keine Label-Maus bin, träume ich von einem Trompe-l’Œil-Kleid von Alessandro Michele aus der Gucci-Frühjahrskollektion 2016.
Was war Ihr letzter Fehlkauf?
Ein Clownkostüm aus den 1970er-Jahren. Ich fand die Halskrause so elegant und dachte, mit dem richtigen Styling könnte ich etwas daraus machen. Leider sah es am Ende immer noch nach Clown aus.
Welche Kunst fasziniert Sie derzeit besonders?
Die architektonischen Skulpturen von Tracey Snelling. Ihre detailreichen Mini-Häuser und Stadtansichten wirken auf mich einerseits anrührend wie Puppenstuben, andererseits düster und verstörend. Sie erzählen viel über das moderne urbane Leben. Derzeit sind sie in der Gruppenausstellung „Tell Me Where Home Is“ im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.
Was hören Sie unterwegs am liebsten: Podcasts oder Musik?
Ich höre viele True-Crime-Podcasts, aber nur, wenn sie nicht zu reißerisch aufgezogen sind, sondern sich mit tiefergehenden psychologischen und gesellschaftlichen Fragen beschäftigen. Ich mag zum Beispiel „The C-Word“ von Lena Dunham und Alissa Bennett. Darin geht es um Frauen, die von der Gesellschaft als verrückt oder böse abgestempelt wurden. Auch die Podcastserie „Eine Frau namens Naddel“ von Lara Fritzsche und Patrick Bauer fand ich sehr bewegend.
Welche App nutzen Sie besonders gern – und warum?
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Tagwalk. Das ist eine Mode-App, eine Art „Fashion-Google“, mit der man Kollektionen recherchieren kann. Außerdem findet man dort die aktuellen Zeitpläne der internationalen Fashion Weeks.
Was darf in Ihrer Beautyroutine nicht fehlen?
Schon seit meiner Kindheit benutze ich die grüne Hautcreme von Weleda. Für mich ist sie einfach perfekt. Ich habe auch viele teure Cremes ausprobiert, komme aber immer wieder auf sie zurück.
Welche Reise ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben – und warum?
Meine schönsten Reisen waren Roadtrips durch die USA. Dort gibt es unheimlich viel Skurriles zu entdecken, und man fühlt sich die ganze Zeit wie in einem Film. Aufgrund der politischen Situation hat das Land für mich als Reiseziel leider an Attraktivität verloren. Trotzdem bin ich hoffnungsvoll: Auf meinen Reisen bin ich dort vielen tollen und hilfsbereiten Menschen begegnet.
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