Die 14 Jahre alte Olga Lukjanov ist derzeit die einzige Gymnastin von internationaler Klasse im Deutschen Turner-Bund

Jung, biegsam, unverzichtbar

Barbara Klimke
4 Min

BERLIN, 23. September. Morgens früh um neun hörte die Gymnastik-Weltelite auf Olga Lukjanov aus Wattenscheid. Leise sprach sie an der Rezeption eines Hotels in Berlin-Hohenschönhausen auf eine Gruppe weißrussischer Mädchen ein, freundlich übersetzte sie deren Anliegen ins Deutsche, verhandelte weiter auf Russisch, dann auf Deutsch, bis sämtliche Fragen zu den Telefonkosten im Hotel geklärt waren. Olga Lukjanov ist erst 14 Jahre alt, aber beim World Cup in Berlin zeigte sich, wie unverzichtbar sie in vielerlei Hinsicht bereits ist.Sechste im MehrkampfDass ein junges Mädchen, das fließend Deutsch und Russisch spricht, bei Fragen zu Zahlungsmodalitäten schnell die Anerkennung ihrer weniger polyglotten Kolleginnen gewinnt, mag verständlich sein. Überraschender war, dass sich Olga Lukjanov auf der Gymnastikmatte Respekt verschaffte. Am Ende des achtstündigen Mehrkampfes in der Max-Schmeling-Halle hatte sie sich auf Platz sechs vorgeturnt, und als die Siegerehrung begann, da stand eine Mannschafts-Weltmeisterin wie Olga Belowa aus Russland nur drei Plätze von ihr entfernt. Olga Lukjanov erreichte die Finals mit allen vier Handgeräten, ihre Kür mit dem Ball wurde mit Platz fünf benotet, jene mit Seil und Reifen mit Platz sechs. An welcher Stelle in der Hierarchie der weltbesten Gymnastinnen sie nun exakt einzuordnen ist, war am Berliner Ergebnis nicht abzulesen. Anders als bei der Weltmeisterschaft in einem Monat in Madrid dürfen am World Cup nur zwei Athletinnen pro Land teilnehmen. Die Primaballerinas der Szene zogen zudem am Wochenende einen gut dotierten Vereinswettkampf in Tokio dem Berliner WM-Test vor. Fest steht jedoch, dass einige der talentiertesten Nachwuchs-Gymnastinnen sich in Berlin den Preisrichtern und den fast 3 000 Zuschauern vorstellten: Die 16 Jahre alte Russin Liasan Utjaschewa gewann den Mehrkampf sowie alle vier Finals und tanzte dabei so biegsam über die Matte, als sei sie wirbellos. Zum Kreis der Hochbegabten muss spätestens seit diesem Wochenende aber auch Olga Lukjanov gerechnet werden. Einen "enormen Lernfortschritt" attestierte ihr Livia Medilanski, die Cheftrainerin des Deutschen Turner-Bundes (DTB): "Dieses Kind ist voller Begabung und Ausdruckskraft." Schon im März, bei ihrem ersten Grand Prix in Kiew, hat sie die Cheftrainerin überraschen können, weil sie auf Anhieb zwei Finals erreichte, "obwohl die Preisrichterinnen sie vorher gar nicht kannten". Behutsam soll Olga Lukjanov, die als Neunjährige mit ihrer Familie aus Wolgograd nach Deutschland kam, nun weiter ausgebildet werden. In Wattenscheid, wo sie die Realschule besucht, wird sie von Vera Silajewa trainiert. "Zwei Jahre Praktikum braucht sie noch", sagte Medilanski. Unter Druck will sie die junge Athletin nicht setzen.Es gibt allen Grund, mit Meisterschülerin Olga Lukjanov liebevoll und umsichtig umzugehen, denn sie ist die Einzige, die Livia Medilanski noch geblieben ist. Edita Schaufler, jahrelang die Beste hier zu Lande, hat ihre Karriere vor einigen Wochen wegen einer langwierigen Fußverletzung beendet. Lena Asmus, die deutsche Meisterin, trat in Berlin nicht an, weil sie an den Folgen einer Knochenhautentzündung an beiden Schienbeinen zu leiden hat. Ob sie an der WM in Madrid teilnimmt, steht in den Sternen, und danach hatte Lena Asmus, 19 Jahre alt, ohnehin zurücktreten wollen. Auch die Meisterschafts-Dritte, Sandy Liebehenschel, steht dem DTB nicht mehr zur Verfügung. Sie wechselte das Fach und nahm ein Stipendium der Stuttgarter Ballettschule an. Allen anderen fehlt es an internationaler Klasse. "Wir haben keine Gymnastinnen mehr", klagte Medilanski.Es hat den Eindruck, als müsse sich der Verband darauf einrichten, dass die Zeiten, in denen mindesten zwei DTB-Gymnastinnen in der Weltspitze mitturnten, vorerst beendet sind. Bislang konnte der Verband in dieser trainingsintensiven Sportart fast immer auf ein brillantes Duo setzen, zuletzt auf Magdalena Brzeska und Kristin Sroka bei Olympia 1996 in Atlanta, dann auf Asmus/Schaufler, die 2000 EM-Dritte mit der Mannschaft wurden. Auch die Gymnastik-Gruppe sorgte in Sydney mit Platz vier noch für Furore. Inzwischen muss Medilanski Fehler einräumen: "Wir haben bis 2000 nur an die Spitze gedacht, nicht so sehr an den Nachwuchs." So hofft die Cheftrainerin, dass neben Wattenscheid nun auch in Berlin, wo viele Talente ausgebildet werden, ein Zentrum entsteht. Und sie setzt auf die Zukunft von Olga Lukjanov. Was sie von ihr erwartet, lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: "Dass sie gesund bleibt."

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