Als George W. Bush, der schon Geschichte ist, eine Rede über den Krieg gegen den Terror hielt, sagte er, dieser sei wie ein Kreuzzug. Wenn er selbst nicht wusste, welche Folgen dieser Ausdruck haben würde, dann werden es ihm seine Berater gesagt haben. Jedenfalls benutzte Bush das Wort Kreuzzug bewusst und vergiftete damit für lange Zeit die Gesprächsatmosphäre zwischen der transatlantischen und der islamischen Welt. Wer will schon verhandeln, wenn auf der anderen Seite des Tisches gezückte Schwerter zu sehen sind?Barack Obama, Bushs Nachfolger im Weißen Haus, ist anders. Mit einem ausgeprägten Sinn für positive Symbolik hat Obama dem Regime in Teheran nun direkte Gespräche angeboten. Seine Botschaft wurde kurz vor dem persischen Neujahrsfest, einem der wichtigsten Feiertage im Iran, ausgestrahlt. Ein neues Jahr, eine neue Politik: Obama - wie Bush übrigens auch - weiß, was er tut und wie das auf der anderen Seite wahrgenommen werden dürfte. Dieses Mal mit wahrscheinlich deutlich besseren Folgen.Für Bush war der Iran ein Punkt auf der "Achse des Bösen", für Obama ist der Iran wieder nahezu ein gleichberechtigter Staat. Kurswechsel dieser Güte sind eine Seltenheit, für die US-Außenpolitik gilt das allemal. Fast 30 Jahre lang herrschte Sprachlosigkeit zwischen Washington und Teheran. Generationen von US-Diplomaten haben gelernt, dass die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen ein Tabu ist, das man besser nicht anspricht, geschweige denn bricht. Die Diplomaten werden jetzt umlernen müssen.Natürlich: Obamas Ansprache ist bislang nicht mehr als eine Ankündigung. Aber sie wird neuen Schwung in einen festgefahrenen Streit bringen, sofern das Regime in Teheran bereit ist, auf das Angebot einzugehen. Das ist nicht sicher, aber die ersten positiven Reaktionen auf die Botschaft waren immerhin schon zu hören. Obamas neue Iran-Politik verhält sich zu Bushs Vorgehen wie das Wasser zum Feuer. Sie löscht den Funken aus, der zu einem Brand hätte werden können.So dramatisch die Kehrtwende auch erscheinen mag, so sehr ist sie aber auch den realpolitischen Entwicklungen geschuldet. Der Streit um das iranische Atomprogramm wird mit der bisher angewandten Taktik nicht zu lösen sein. Beharrlich weigert sich der Iran, auf die Anreicherung von Uran zu verzichten. Daran haben alle Angebote zur Zusammenarbeit ebenso wenig geändert wie alle Sanktionen, die gegen das Regime verhängt wurden. Auch neue internationale Strafmaßnahmen, die in Vorbereitung sind, werden keinen Erfolg haben, sondern die Starrsinnigkeit der iranischen Nuklearplaner nur verstärken. Es ist Zeit, das direkte Gespräch zu eröffnen.In Kontrast zu Bush, dem kriegerischen Einzelgänger in der Außenpolitik, ist Obama ein Multilateralist. Wie Bush weiß er, dass der Iran eine entscheidende Rolle spielt, wenn es um die Befriedung seines Nachbarlandes Afghanistan geht. Nur ein stabiler Iran kann verhindern, dass auch die Westgrenze Afghanistans löcherig wird wie die Grenze zu Pakistan, wo militante Extremisten große Rückzugsgebiete haben. Doch Voraussetzung für iranische Kooperation ist es, den Iran ernst zu nehmen. Im Streit bewegt sich Teheran nicht, im Gespräch vielleicht schon. Das bietet Obama an, und das wird es ihm leichter machen, das Erbteil in Afghanistan loszuwerden.Dieses Problem geht Obama - wie bisher alle seine Probleme - in erster Linie pragmatisch an. Mit militärischen Mitteln allein lassen sich die Taliban nicht besiegen, dennoch braucht es mehr Soldaten, um sie zu bekämpfen. Was wie ein Widerspruch in sich selbst aussieht, ist Teil einer neuen Strategie. Denn zeitgleich soll das US-Militär das Gespräch mit jenen Taliban suchen, die um den Preis der Beteiligung an der Macht ihre Waffen niederlegen. Dann sollen auch noch Hundertschaften ziviler Berater mit militärischen Kenntnissen nach Afghanistan geschickt werden, um dort einheimische Polizisten und Soldaten auszubilden. Auf 400 000 soll deren Zahl verdoppelt werden.Was die Nato-Partner - auch Deutschland - trotz lautstarker Ankündigungen nicht geschafft haben, will Obama nun im Hauruck-Verfahren selbst bewerkstelligen - die Schaffung eines Korps von Sicherheitskräften, die nicht wie Kreuzberger Kontaktbereichsbeamte wirken.Obamas Plan für die gesamte Region ist riskant. Er kann scheitern - am eigenen Misserfolg oder am iranischen Widerstand. Aber er ist in den Augen der neuen US-Regierung der einzige Weg, um das wichtigste Ziel zu erreichen. Das ist der Abzug aus Afghanistan.Zurückbleiben wird dann ein Afghanistan, das kein demokratischer Staat ist, das weiter Gewaltausbrüche zu befürchten hat, das islamistische Fundamentalisten an der Macht ertragen muss. Aber es wird kein besetztes Land mehr sein - und keines, das von außen mit Gewalt zwangsdemokratisiert werden soll. Das ist der wichtigste und der erfreulichste Unterschied zwischen Obama und Bush.------------------------------In Kontrast zu George W. Bush, dem kriegerischen Einzelgänger in der Außenpolitik, ist Barack Obama ein Multilateralist.
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