GRAFT ist ein in Berlin ansässiges Studio für Architektur, Stadtplanung und Design, gegründet von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit. Das renommierte Architekturbüro bezieht gegenüber unserer Redaktion Stellung zu den AfD-Aussagen bezüglich des Bauhauses in Dessau.
Hier das Statement der Architekten im Wortlaut:
Mit ihrer Haltung zum Bauhaus als einer der größten Kulturleistungen Deutschlands zeigt die AfD ihre ganze Unkenntnis über unser Land, das sie mit ihrer Mittelmäßigkeit erlösen will.
Als deutsches Büro, das um die Jahrtausendwende in Los Angeles gegründet wurde, wissen wir sehr genau um die legendäre Bewunderung, die nicht zuletzt in den USA dem Bauhaus gegenüber erwiesen wurde, nachdem Walter Gropius, Mies van der Rohe und viele andere Architekten vor der menschenverachtenden und kulturlosen Realität der Rechtspopulisten und Nazis fliehen mussten. Diese deutschen Architekten machten ab 1937 das MIT in Chicago und Harvard zu herausragenden Architekturschulen und die USA für den Rest des Jahrhunderts zum Ziel der talentiertesten Architekturstudenten aus der ganzen Welt.
Wertschätzung der Tradition und Neugier auf die Zukunft
Das sogenannte „New Bauhaus“ prägte mehrere Architektengenerationen und zeigte durch seine deutsche Bezeichnung „Bauhaus“ voller Stolz und Wehmut, wo es herkam – aus einem Deutschland der Aufklärung, aus einer Zeit der hoffnungsvollen Suche nach internationaler Verständigung und nach freudvollem Ringen um die Zukunft. Am Bauhaus wurden nicht nur neue Gestaltungsstrategien erforscht, es wurden handwerkliche Traditionen aufgegriffen und darauf basierend die Möglichkeiten industrieller und damit erschwinglicher Fertigung erforscht: Am Bauhaus wurde vor allem anderen die Wertschätzung der Tradition mit der Neugier auf die Zukunft verbunden.
Das Bauhaus ist ein Meilenstein der geistig kulturellen Entwicklung Deutschlands, es ist ein Produkt Deutschlands und ein Erkennungsmerkmal Deutschlands. Wenn man dies als „Irrweg der Moderne“ bezeichnet, dann bezeichnet man die kulturelle Entwicklung Deutschlands bis zur Nazizeit als Irrweg. Man ist also entweder vollkommen ahnungslos oder - was eher wahrscheinlich ist - man kennt sich in deutscher Kultur nicht aus oder noch schlimmer, man hasst diese Kultur, vielleicht sogar Kultur insgesamt.
Was aber bedeutet es, wenn man voller Hass großen Teilen der eigenen Kultur gegenübersteht? Kann es sein, dass die AfD gar kein Interesse am wirklichen Deutschland hat? Sollte die Partei anstelle des „Alternative für Deutschland“ nicht eher „Alternative zu Deutschland“ heißen?
Zusammen- und Aushalten verschiedener Meinungen
Es ist offensichtlich, mit welcher stilistischen Romantik und sentimentalen Nostalgie die AfD schwanger geht: Es ist eine oberflächlich historisierende und dekorative Liebhaberei, die irgendwie „alt“ aussehen soll. Es ist sicher nicht allein die Stilistik abstrakter weißen Kuben, die für die AfD keinen „Beitrag zu deutscher Identitätsfindung“ darstellen. Offenbar müssen sich die AfD-Unterstützer ganz grundlegend erst einmal identitär selber „finden“.
Es könnte dabei helfen, sich bei denen Nachhilfe zu holen, die eine deutsche Identität haben und das Bauhaus als Teil dieser Identität gut kennen. Und es würde helfen, wenn die, die das Bauhaus vereinfachend oberflächlich einzuordnen suchen, die Vielgestaltigkeit, Heterogenität und Offenheit des Bauhauses wahrnähmen, die seinerzeit sogar rechtes Gedankengut am Bauhaus beinhaltete – nur falls man dem Bauhaus auch noch cancel culture unterstellen wollte.
Am New Bauhaus in Chicago wurde die deutsche Bauhaus-Idee nach 1933 fortgesetzt und trat so den Siegeszug in alle Welt an.
© Imago
Eine der größten Leistungen des Bauhauses war das Zusammenführen und Aushalten verschiedener Meinungen der sehr unterschiedlichen Meister des Bauhauses, die vom Bauhausdirektor Walter Gropius zusammengehalten wurden. Auch unter den Studierenden waren sehr unterschiedliche Haltungen vertreten, ein regelrechtes Wettrennen der Zukunftskonzepte, die von den Studierenden Haltung forderte. Ein Traum von einer Schule, die ihren Studierenden nicht nur eine mögliche Haltung vermittelte, sondern die Verantwortung zuwies, selbst auf die Suche zu gehen und die Frage nach einer besseren Zukunft zu stellen.
Bauhaus als Gegenteil dogmatischer Infiltration
Das Bauhaus war das Gegenteil einer dogmatischen Infiltration, die die AfD so gerne hätte. Das Bauhaus war der Meilenstein einer befreienden, hoffnungs- und respektvollen Bildungseinrichtung, die die Latte an künstlerischer Qualität extrem hoch legte.
Nun ist das Charakteristische der AfD, dass sie nicht einfach für eine weitere Meinung im Parteienspektrum steht, sondern dafür, dass nur eine Meinung eine Berechtigung hat. Deutsche Kultur soll das sein, was sich ein mittelmäßiger Architektur-Kritiker der AfD ausdenkt. „#moderndenken“ soll nun durch „#deutschdenken“ ersetzt werden. „Deutschdenken“ war kulturell aber in der Vergangenheit eigentlich immer „Moderndenken“ und dieser angeblichen „Alternative“ wird dabei sicher nie klar werden, dass für die kulturoptimistischen und freiheitlich denkenden Köpfe dieses Landes „deutschdenken“ = „moderndenken“ ist. Da gibt es gar keinen Widerspruch.
Während der Nazizeit unter Gewaltandrohung vertrieben und von der kulturellen Barbarei des Dritten Reiches, offenbar bis heute auch von der AfD, vollkommen unbemerkt, gingen Bauhausschüler aus Weimar und Dessau schon während des Dritten Reiches und danach in die ganze Welt und trugen den Geist einer Schule, die Tradition mit Innovation verband, dahin, wo die Zukunft voller Hoffnung und frei von Hass war, wo die Menschlichkeit überlebte, Chicago, Paris, London, Tel Aviv.
DIE AUTOREN
Ein Jahrhundert Architekturgeschichte mitgeschrieben
Über den Bauhausdirektor Hannes Meyer hatte das Dessauer Bauhaus Verbindungen zu den Vertretern des russischen Konstruktivismus, der als spätere Nachkriegsmoderne auch den Sozialistischen Klassizismus der Stalinzeit mehr und mehr verdrängte. In Ost wie in West wurden weltweit bis in die 80er Jahre schließlich sehr ähnliche Fragen nach bezahlbarem Wohnen, durchgrünten Städten, serieller Fertigung und Vorfabrikation gestellt, nicht immer voll zufriedenstellend beantwortet, aber alles Fragen, die uns heute wieder beschäftigen.
Störfeuer in Sachsen-Anhalt: AfD diffamiert Bauhaus-Erbe als „Irrtum der Moderne“
Wider den „Identitätsknacks“: Hans Thomas Tillschneider und die Kulturpläne der AfD
Rückblickend jedenfalls liegt mit Blick auf die aktuellen Auslassungen der AfD ein bitterer Vergleich auf der Hand: Das Weimarer Bauhaus existierte von 1919-1925 sechs Jahre, das Dessauer Bauhaus von 1926-1932 weitere sechs Jahre. Das deutsche Bauhaus hat in den zwölf Jahren seiner Existenz ein Jahrhundert Architekturgeschichte mitbegründet.
Nach dessen Schließung 1933 brauchten die Nazis, die mit den gleichen Argumenten wie jetzt die AfD das Bauhaus beschimpften und bekämpften, zwölf Jahre, bis Europa und Deutschland mittendrin in Schutt und Asche lag. Was war wohl die größere Kulturleistung aus Deutschland? Auch angesichts der aktuellen internationalen autoritären Bewegungen, denen sich die AfD ja offenbar mehr verbunden fühlt als deutscher Kultur, lässt sich konstatieren, dass das AfD-Gedankengut weit weniger zu Deutschland gehört als das Bauhaus.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]