Walter Ulbricht hatte die Zielrichtung vorgegeben. Auf einer Festansprache zum 20. Jahrestag der SED-Gründung legte er am 21. April 1966 als eine der Vorbedingungen für eine deutsche Wiedervereinigung fest, dass im Westen "Zeitungskonzerne wie der Springer-Konzern unter Kontrolle zu nehmen" seien. Da der Westen jedoch keine Neigung erkennen ließ, die Forderungen des SED-Chefs zu erfüllen, sprang der DDR-Staatssicherheitsdienst ein. Die mehr als zwei Jahrzehnte andauernden Stasi-Versuche einer Unterwanderung oder gar Steuerung des in der ostdeutschen Führung so verhassten Medienunternehmens fruchteten aber wenig. Springer gewann letztlich die Schlacht, ohne dass die Stasi auch nur einen nennenswerten Teilerfolg hatte erzielen können.Mielkes Erfolglosigkeit hat Spuren hinterlassen, selbst 20 Jahre nach dem Ende von SED und Stasi. So auch in Tilman Jens' enttäuschend inhaltsschwachen Dokumentation "Bespitzelt Springer". So behauptet zwar der Reporter an einer Stelle des Films, dass eine Hundertschaft von Agenten auf den Konzern angesetzt gewesen sei. Die Behauptung aber bleibt unbelegt. Dafür erzählt Jens gerade mal drei, zudem sattsam bekannte Agentenfälle nach: Eine Sekretärin aus Springers Vorzimmer in Hamburg, ein Morgenpost-Redakteur, der nach der Wende beim Focus unterkam, und ein längst verstorbener Journalist der Anti-Springer-Postille "Extrablatt". Hinzu kommen ein Dutzend Filmschnipsel aus dem 40 Jahre alten Propagandaschinken "Ich, Axel Cäsar Springer" des DDR-Fernsehens, dessen Drehbuchautoren von der Stasi beraten wurden.Wenn das alles war, so denkt der nach 20 Jahren Stasi-Aufarbeitung an weit spektakulärere MfS-Operationen gewöhnte Zuschauer, dann ist Springer vergleichsweise glimpflich durch den Kalten Krieg gekommen. Und so machte sich schon bei der Pressevorführung am Montag gepflegte Langeweile breit. Und Enttäuschung darüber, dass der für zugespitzte Beiträge bekannte Tilman Jens hier so einen lustlos gemachten Film abgeliefert hat, der auch noch peinlich darauf bedacht ist, bloß nicht am Denkmal des großen Verlegers Springer zu rütteln.Immerhin verzichtet Jens darauf, die Anti-Springer-Kampagne der Studentenbewegung als eine von der Stasi gesteuerte Aktion darzustellen. Dafür behauptet er allerdings, dass bei vielen APO-Aktivisten von einst inzwischen ein Umdenken eingesetzt hätte. Als einziger Kronzeuge dafür kommt ausgerechnet der Historiker Stefan Wolle zu Wort, ein Ostdeutscher, der zu den Autoren der im engen Zusammenwirken mit dem Springer-Verlag entstandenen Studie "Feind-Bild Springer" gehört, die Grundlage von Tilman Jens' Film ist und dieser Tage in den Buchhandel kommt.Interessanter als der Springer-Film war am Montagabend eine sich an die Pressevorführung anschließende Podiumsrunde zum Thema Stasi, APO und Springer. Sie gab einen Eindruck von dem, wie eine Neuauflage des Springer-Tribunals abgelaufen wäre. 1968 wollten Studenten damit die Rolle des aus ihrer Sicht hetzenden Konzerns analysieren, 2009 wollte Springer das Gegenteil beweisen. Beides fand nie statt. Nun saßen sie nebeneinander, die einst Seit' an Seit' kämpfenden 68er, der Schriftsteller Peter Schneider und der bei der Welt gelandete Chefredakteur Thomas Schmid.Es zeigte sich: Springer war schon mal weiter. 2001 hat der 1968 amtierende Bild-Chef Peter Boenisch eingeräumt, Springer sei damals lediglich auf der anderen Seite der Barrikaden gestanden. Die einen warfen mit Steinen, Bild mit Worten. So viel Distanz zu sich selbst zeigten die Diskutanten am Montag nicht.Schmid warf sich ein Pfefferminz nach dem anderen ein. "Sei vorsichtig", zischte er, als Schneider ihm vorwarf, Dreck nach ihm geworfen zu haben. "Haha", quittierte er eine andere Äußerung. Die Männer demonstrierten Ablehnung, so gut es ging: Schmid wandte den Oberkörper ab, Schneider verschränkte die Arme, beide schlugen die Beine so übereinander, dass die Fußspitzen nicht in die Richtung des anderen zeigten.Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, der von der dritten Reihe aus zuhörte, beugte sich vor, wenn Schmid sprach, etwa darüber, dass die Studenten eine anti-jüdische und anti-westliche Verschwörung betrieben hätten. Mit roten Flecken im Gesicht und erhobenem Zeigefinger sagte Schmid: Springers Erfolg habe Angst erzeugt, weshalb eine mühsame Theorie entwickelt worden sei, die Massen würden manipuliert, um sie von der Rebellion abzuhalten. Schneider konterte mit Berlusconis Medienmacht, mit der er die Gesellschaft manipuliere. Wir waren radikale Demokraten, sagte Schneider. Waren wir nicht, sagte Schmid.Ende des Jahres will Springer sämtliche seiner Artikel aus der Zeit von Dezember 1966 bis Dezember 1968 online zugänglich machen. Ob das zu souveränem Verhalten führen wird, ist nach dieser Diskussion zu bezweifeln. Boenisch meinte damals übrigens, man solle die Beteiligten nach ihrem heutigen Verhalten beurteilen.Bespitzelt Springer, ARD, 20.15 Uhr------------------------------Wir waren radikale Demokraten, sagte Schneider. Waren wir nicht, sagte Schmid.Foto: Axel Springer vor seinem Berliner Verlagsgebäude direkt an der Mauer
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