Die Berliner entdecken ihre Seen und Flüsse wieder. Nur im Westen der Stadt tut man sich schwer mit der Entwicklung attraktiver Lagen

Blick auf Havel und Wannsee

Bernd Lothringer
5 Min

Das Haupt der Seestädte auf dem Land", nannte der Philosoph Ernst Bloch Berlin einst. Und der Maler Werner Heldt widmete der Spreemetropole den Bilderzyklus "Berlin am Meer". Was in den Zwanzigerjahren jede Berlinerin genoss, die mit ihrem Süßen auf dem Wannsee segeln ging, schien in der modernen urbanen Gesellschaft lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein: Mit der Havel und der Spree mit ihren zahlreichen Seitenarmen verfügt die Stadt über Europas größtes zusammenhängendes Gewässernetz. Das Bewusstsein, in einer Fluss- und Seenmetropole zu leben, nimmt in den vergangenen Jahren wieder spürbar zu. Ausflugsdampfer und Wassertaxis beleben das Stadtbild genauso wie die zahlreichen Strandbars und Segelschulen. Und auch der Wunsch, am Wasser zu wohnen, feiert gerade unter jüngeren Familien Hochkonjunktur.Doch erweist sich gerade an der Havel, wo sich die imposanten Architekturen von Baulegenden wie Schinkel und Persius entlang der Wellenlinie reihen, der Weg zum Eigenheim als schwierig. Viele geben bereits im Vorfeld auf: "Zu teuer" sagen die einen, und haben dabei vor allem die klassischen Gründerzeitvillen am Wannsee im Sinn, "zu weit draußen" denken die anderen und meinen damit die Gebiete nördlich von Spandau am Niederneuendorfer oder Tegeler See.Alte Villen bleiben in der FamilieTatsächlich braucht es einigen Spürsinn, um entlang der Havelufer die richtige Immobilie zu finden. In traditionellen Villengegenden wie dem Großen Wannsee und der Colomierstraße befindet sich das, was Wirtschaftskrise und Weltkrieg übrig gelassen haben, meist in öffentlicher Hand -wie das Haus der Wannseekonferenz etwa oder die Villa Liebermann. Anwesen wie die Villa Langenscheidt dagegen werden mit Bedacht nur innerhalb der Familien von Generation zu Generation weitergereicht. So ist hier selbst für finanziell potente Wasserfreunde kein wirklicher Stich mehr zu machen. Nicht viel aussichtsreicher ist die Lage am Glienicker Horn. Hier stampfte 1998 der Bauunternehmer Klaus Groth mit seiner Firma "Groth + Graalfs" seine Vision eines "Potsdamer Arkadien" aus dem Boden, um einen Hauch von Gründerzeitglamour über die Havel wehen zu lassen. Wohnraum ist im Überfluss vorhanden, doch erweist sich das hier entstandene Ressort für Reiche mit drei Dutzend hermetisch abgeriegelten Stadtvillen und einem Quadratmeterpreis von bis zu 5000 Euro selbst für das wasserhungrige und begüterte Klientel der Hauptstadt als zu elitär und amerikanisch. Der größte Teil der Wohnflächen steht 2008 noch immer leer.Auch dort, wo statt Tradition und Spekulation Innovation herrschen soll, erweist sich die Havel als schwieriges Terrain: Die große Vision einer Wasserstadt am Spandauer Nordhafen auf einer Fläche von 206 Hektar, also immerhin der Größe von knapp 300 Fußballfeldern, sah noch 1992 12700 Wohnungen, Gewerbeflächen, Freizeitinstitutionen und Grünanlagen vor. Doch auf Grund mangelnder Nachfrage korrigierte man die Zahl bald auf 7500 Wohneinheiten -zu diesem Zeitpunkt betrugen die Investitionen der Stadt bereits 600 Millionen Euro. Heute sind lediglich knapp die Hälfte der Wohnungen bezogen. Vor allem mittelständische Familien aus Westdeutschland, Spandau und Charlottenburg haben sich hier Miet- und Eigentumsobjekte -bevorzugt in Reihenhaussiedlungen -gesichert. Sechs Kitas, eine Grundschule, drei Sportplätze und ein Jugendclub sind in Betrieb. Im Oktober 2008 wurde als quasi letzte große offizielle Amtshandlung ein 6,5 km langer Uferweg feierlich im Beisein von Bezirksbürgermeister Konrad Birkholz eröffnet. Projektmanagerin Dominique Sandten spricht trotz der Aufhebung des Entwicklungsrechtes von einem "lebendigen Quartier", das geeignet ist, "immer mehr Menschen die Vorzüge des Wohnens am Wasser entdecken" zu lassen. Gerhard W. Steindorf von der Wasserstadt GmbH konstatiert mit Freude, dass eine "verschenkte Wasserlage" nach 16-jährigem Hürdenturnen nun "endlich erlebbar" geworden sei. Alles sei "gut vorbereitet", doch ob die 7500 Wohnungen tatsächlich eines Tages fertiggebaut und bezogen sein werden, weiß keiner so genau. Der Umzug nach Spandau erscheint bisher vielen Interessenten trotz glänzender ICE-Verbindung noch zu weit -denn der hält schließlich nicht am eigenen Arbeitsplatz in der City.Die Havel scheint sich den Bautrends der Quartierbildung, wie sie derzeit etwa beim Projekt Mediaspree oder der Rummelsburger Bucht mit mehr oder weniger durchschlagendem Erfolg umgesetzt werden, zu verweigern. Dafür lockt sie an versteckten Winkeln mit kleineren, oft kuriosen Wohnlösungen. Wer hier fündig werden will, braucht indessen Ausdauer und darf im entscheidenden Moment nicht lange fackeln. So konnten die Immobilienfirma Kögi und das Unternehmen Baubiber 2007 eine ganze Siedlung von kleinen Fertighäusern mit Wasserzugang am Gatower Havelufer in Windeseile und zu erschwinglichen Preisen an Mittelständler veräußern. Der Bremer Consulter Werner Haberkern arbeitet seit Mitte der Neunziger Jahre gelassen aber bestimmt daran, die ehemalige Ausflugsinsel Valentinswerder im Tegeler See in eine Sommerhauskolonie wie zu Urgroßvaters Zeiten zu verwandeln. Sein Wohnangebot zieht vor allem Paradiesvögel aus dem Bildungsbürgertum an, bei denen Luxus an zweiter Stelle steht. Die Wartelisten für ein Häuschen sind auch für 2009 prall gefüllt. Auch in Sachen Laubenpieperkultur behauptet die Havel vom Spandauer Aalemannufer über die Eilande des Tegeler Sees bis hinab zum Pichelssee nach wie vor ihre unangefochtene Führungsstellung. Sie feiert gerade bei Jüngeren in den letzten Jahren geradezu ihre Renaissance. Die Havel kann also trotz vieler geplatzter Projekte an ihren Gestaden dem Weltwassertag am 22. März 2009 gelassen entgegensehen, man wird an sie denken.------------------------------Foto: Die Havel vor der Haustür: Wasserstadt Spandau.

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