Die BVG hat in der Kastanienallee neue Schienen verlegt. Und Berlin den Ort des Monats beschert

Bier auf Gleisbett

Marin Majica
3 Min

Es ist ein Ort wie ausgedacht für einen Berlin-Film. Einer der bekanntesten Vertreter dieses Genres hieß 1997 "Das Leben ist eine Baustelle". Und natürlich fällt einem der schöne Film mit Christiane Paul und Jürgen Vogel ein, wenn auf der Kastanienallee in Prenzlauer Berg eine Baustellengrube aufgerissen wird. Und plötzlich der Treffpunkt der Wahl zum abendlichen Biertrinken in der Mitte der Stadt wird.Die BVG hat nur neue Schienen verlegen wollen, aber abends sitzen jetzt seit knapp zwei Wochen Menschen in der Baugrube. Sie fläzen sich auf rausgerissenen Asphaltbrocken, machen Feuer, spielen Gitarre, trinken aus Flaschen. "Es ist kommunikativ und billiger", erklärt Nils Sparschuh, der Chef des nahen Spätkaufs "Koof im Kiez": "Wenn man sich in die Cafés setzt, kostet das Bier drei Euro, bei uns ist man mit einem Euro dabei."Das Geld sei allerdings nur ein Grund dafür, dass sich Menschen zwischen 20 und Mitte 30 in der Kastanienallee auf die Straße und in eine Baugrube setzen. Die Straße sei für Touristen, aber auch viele Berliner Inbegriff des jungen, hippen Berlins. "Das zieht die Leute magisch an", sagt Sparschuh. Jede zweite Kellnerin hat schon in Werbespots mitgespielt, mitteljunge Männer in offenen Hemden unterhalten sich über Laptops geneigt demonstrativ über Projekte. Junge Frauen kommen einem mit Achtzigerjahre-Frisuren und ironischen David-Hasselhoff-T-Shirts entgegen. Straßenmusikanten ziehen von Bar zu Bar. Auf der Straße ist viel Englisch zu hören, mit englischem, amerikanischem, dänischem Akzent oder sonst woher. Ein Klischees? Sicher. Aber es stimmt.Viele kommen in die Kastanienallee, um Teil dieser allabendlichen Inszenierung zu sein. Umso besser, wenn man sich in die Mitte der Straße auf eine Baustelle setzen und das Gefühl haben kann, an etwas ganz Besonderem teilzuhaben. Etwas, wovon man erzählen kann.Am Montagabend sind die neuen Schienen schon verlegt, aber noch immer sitzen die Menschen da. Zwischen ihnen Alexander Scheer, Schauspieler, der Micha aus Leander Haußmanns "Sonnenallee" von 1999. Heute ist Scheer an der Volksbühne, gerade trägt er etwas Turbanartiges auf dem Kopf. Weiter hinten sitzen zwei Jungs, beide 22 Jahre alt. Die beiden sind erst vor zehn Monaten nach Moabit gezogen. Aus München, woher sonst. "Dort gibt es das nicht", sagt Philipp, ein Informatikstudent, und nennt das, was Berlin München voraus hat, "ungezwungene Orte". Das Bier haben Philipp und sein Freund Nicolai mitgebracht, heimatliches Augustinerbräu. Das ist billiger und cooler zugleich. "Es ist nicht gemütlich hier, aber besonders", sagt Nicolai."Die Party ist bald vorbei, denn diese Woche beginnen die Betonarbeiten", sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak etwas spielverderberisch zu dem Ort, den die BVG der Stadt wider Willen beschert hat. Dass es damit bald ein Ende hat, wird ihr niemand verübeln. Im Gegenteil. Jemand muss sich schließlich darum kümmern, dass alles vorübergehend bleibt. Eine Baustelle Berlin.------------------------------Foto: Auf Sand gebaut: Abendstimmung in der Baugrube auf der Kastanienallee. Doch die neuen Gleise liegen schon. Bald wird die Grube zubetoniert.

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