Medien

Die CDU und die FAZ: Wie die Mitte nach links rückte

Die CDU hat sich unter Angela Merkel verändert – und ihr bürgerliches Leitmedium ebenfalls. Trägt die Zeitung Mitschuld am derzeitigen Niedergang der Volkspartei?

6 Min
Der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, r.) spricht im vergangenen März auf dem FAZ-Kongress.

Der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, r.) spricht im vergangenen März auf dem FAZ-Kongress.

© Hannes P. Albert

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) war über Jahrzehnte das Leitmedium eines bestimmten Bürgertums: wirtschaftsliberal und wertkonservativ, eindeutig westlich geprägt und skeptisch gegenüber sozialistischen und sozialdemokratischen Gesellschaftsentwürfen. Wer CDU wählte und FAZ las, bewegte sich gewissermaßen in einem gemeinsamen politischen Resonanzraum.

Vom Osten der Republik aus betrachtet, verströmten die mit Frakturschrift bestückten Zeitungsseiten immer die stramm konservative Denke des Konrad-Adenauer- und später des Helmut-Kohl-Landes. So haben es wahrscheinlich die meisten Leser gesamtdeutsch wahrgenommen: FAZ und CDU gehören zusammen. Da war schon längst zusammengewachsen, was zusammengehörte.

Bis Mitte der Neunzigerjahre deutlich konservativer

Und hat nicht Konrad Adenauer, der katholische Christdemokrat und BRD-Erstkanzler, im Mai 1960 dem Verwaltungsjuristen Hans Globke, seinem Vertrauten, geschrieben, er brauche „mehr denn je für die Bundesregierung eine Zeitung“? Ja, hat er. Zudem kursierte bis weit über die Sechzigerjahre hinaus ein Foto in den Medien, auf dem „der Alte“ (Adenauer-Spitzname) vertieft in eine weit aufgeschlagene FAZ zu sehen war. Dieses Bild soll Ideengeber für die spätere Anzeigenreihe gewesen sein, die ab 1995 wiederbelebt wurde und den eingängigen Titel „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ trug. Zu diesen Köpfen gehörten unter anderem Marcel Reich-Ranicki, Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Armin Mueller-Stahl und auch Joschka Fischer.

Eindeutig nur konservativ war die FAZ nie. Und die Redakteure würden sich selbst heute noch mit Nachdruck dagegen verwahren, dass sie sich jemals politisch vereinnahmen ließen. Dennoch liegt man nicht falsch, wenn man behauptet, dass sich das Organ bis Mitte der Neunzigerjahre deutlich konservativer im Grundton anfühlte als heute. Über das Einfallstor Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), die 2001 als bunteres, moderneres Pendant zur gestrengen FAZ aufgelegt wurde, bekam der gesellschaftliche Liberalismus einen größeren Platz.

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Auch die Installation Frank Schirrmachers 1994 im fünfköpfigen Herausgeberkollegium und als Nachfolger von Joachim Fest tat das Ihre dazu. Mit ihm, der bereits seit 1985 Redakteur im Haus war, erlebte das Feuilleton, dessen jüngster Literaturchef er mit 29 Jahren wurde, eine tiefgreifende intellektuelle Öffnung nach links. Er lud Denker ins Blatt ein, die zuvor in der FAZ kaum möglich gewesen wären. Prominente Globalisierungskritiker und linke Intellektuelle wie Susan Sontag, Gabriel García Márquez oder Hans Magnus Enzensberger.

Nach der Finanzkrise ab 2008 trat er zudem als scharfer Kritiker der unregulierten Marktwirtschaft hervor. Und er belebte den intellektuellen Austausch mit dem linken Philosophen Jürgen Habermas. Noch vor anderen hatte Schirrmacher einen Sinn dafür entwickelt, dass der Aufstieg des Silicon Valley und die digitale Überwachung das alte Rechts-links-Schema überflüssig machen könnten.

Nahezu gleichzeitig verschoben sich die Koordinaten der FAZ wie auch der CDU

Seine Ägide traf mit einer Kanzlerin zusammen, die ihre Partei, die CDU, nachhaltig verändern sollte: Angela Merkel. Ausgerechnet die Partei, die einst für Atomkraft, Wehrpflicht, klassische Familienbilder, restriktive Migrationspolitik und einen eher skeptischen Blick auf gesellschaftliche Experimente stand, wurde zur Partei der Energiewende, der Ehe für alle, der liberalisierten Gesellschaft und – zumindest zeitweise – einer ausgesprochen großzügigen Flüchtlingspolitik.

Merkel selbst nannte diese Politik freilich nicht links – das taten nur ihre Kritiker. Aber so oder so wurde das, was früher auch innerhalb der Union als linke oder grüne Politik galt, plötzlich zur Position der politischen Mitte. Nahezu gleichzeitig also verschoben sich die Koordinaten der FAZ wie auch der CDU.

In der FAZ steht beispielsweise die Feuilleton-Chefin Julia Encke für diesen Shift. Sie kam 2015 aus dem Feuilleton der Süddeutschen zur FAS und leitete dort zunächst das Literaturressort. Ihre Texte stehen für eine publizistische Haltung, in der gesellschaftliche Modernisierung, Diversität, Feminismus nicht als exotische Position erscheinen, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der FAZ-DNA. Zudem ist dokumentiert, dass Encke eine klar kritische Haltung gegenüber der Neuen Rechten vertritt und ausdrücklich sagt, guter Journalismus brauche Haltung.

Genau was diese Entwicklung angeht, kann man eine  Rückkopplung zwischen FAZ und CDU ausmachen. Während eine Merkel-CDU sich offensichtlich zunehmend davor fürchtete, als zu konservativ zu gelten, entwickelte die FAZ wiederum zunehmend Besorgnis davor, dass Konservative ihre Zeitung für ein Sprachrohr der Rechten halten könnten.

Das zeigt sich auch an den Reaktionen auf die FAZ selbst. 2012 beklagte der rechtskonservative Publizist Karlheinz Weißmann einen „Linksrutsch des FAZ-Feuilletons“. Er kritisierte, dass Positionen in die Zeitung Einzug gehalten hätten, die er als „links“ oder „zeitgeistig“ einordnete. Dazu zählten seiner Meinung nach Debatten über Identitätspolitik, Gendersprache oder eine liberale Migrations- und Gesellschaftspolitik. Andere Konservative beklagten dies oft als „Einknicken vor dem linken Mainstream“.

Besonders sichtbar wurde das nach 2015. Die Flüchtlingspolitik Merkels wurde in Teilen des bürgerlichen Milieus zunächst als humanitärer Ausnahmezustand gefeiert. Gleichzeitig geriet die politische Kritik daran schnell unter den Verdacht des Rechtspopulismus. Die FAZ war zwar in diesen Zeiten keineswegs geschlossen auf Merkel-Linie, aber in der kulturellen Deutungshoheit hatte sich etwas verändert: Der moralische Maßstab, mit dem über Migration, Europa, Diversität und die AfD gesprochen wurde, war innerhalb von FAZ und CDU deutlich weiter nach links gerückt.

In ihrer Zugewandtheit zu linken Positionen bestätigten sich beide gegenseitig

Es waren jedenfalls genau diese Jahre, in denen die Neue Zürcher Zeitung ihre Deutschlandgeschäfte massiv ausbauen und sich zunehmend als publizistische Alternative für ein bürgerlich-konservatives Publikum profilieren konnte. Gerade im Jahr 2015 erlebte sie einen deutlichen Reichweitenzuwachs. Der NZZ-Chefredakteur Eric Gujer bestätigte 2019, dass seine Zeitung „in Deutschland monatlich wachse“, und verwies darauf, dass man sich besonders in den Jahren der Flüchtlingskrise mit seinen Positionen von anderen Medien abgehoben hatte.

Dass der Linksschwenk von CDU und FAZ sich in diesen Jahren gegenseitig befeuert hat, mag empirisch schwer belegbar sein, ist dafür aber als politisches Gefühl bemerkenswert verbreitet. In ihrer Zugewandtheit zu linken Positionen bestätigten sich beide gegenseitig und ließen rechts von dieser neuen Mitte die politische Kraft der AfD groß werden, die heute kaum noch einzufangen ist, was sich gerade in den Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt dramatisch niederschlug.

Denn die CDU hat in den Merkel-Jahren einen Teil ihrer alten konservativen Kernwählerschaft nicht verloren, weil diese plötzlich radikal rechts geworden wäre. Viele dieser Menschen erlebten vielmehr, dass ihre eigenen, früher völlig normalen Positionen plötzlich nicht mehr richtig in die Partei passten. Von dieser Lückenbesetzung profitierte die AfD.

Und als Merz „Links ist vorbei!“ verkündete und versprach, die AfD zu halbieren, kam diese Botschaft für einen Teil der konservativen Unionswählerschaft bereits zu spät: Das Vertrauen war durch den jahrelang empfundenen Linksschwenk der Partei so weit erodiert, dass selbst ein nun versprochener Kurswechsel nicht mehr verfing – zumal weitere Ankündigungen und politische Kehrtwenden den Eindruck verstärkten, dass zwischen dem Gesagten und dem späteren Handeln erhebliche Distanz bestand.

Zum 1. Januar 2027 wird übrigens die Journalistin Helene Bubrowski Mitherausgeberin bei der FAZ. Sie war bereits von 2013 bis 2023 dort Politikredakteurin, bevor sie Co-Chefredakteurin bei Table.Media wurde. Wer Bubrowski aus ihren zahlreichen Tallshow-Auftritten, etwa bei „Maischberger“, kennt, wird sie eher einem liberalen bis linksliberalen Milieu zurechnen. Für diejenigen, die der FAZ vorwerfen, ihre alte konservative Leserschaft  zurückgelassen zu haben, dürfte diese Personalie wie eine Bestätigung wirken.

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