Der Pulverdampf hat sich verzogen. Der Blick auf die politische Ebene ist frei. Was fällt auf?Einprägsamster Eindruck, den Wahlkampf und Wahlsieg der Rot-Grünen hinterlassen haben, ist wohl der, daß die Deutschen sich zum ersten Mal in ihrer fünfzigjährigen Nachkriegsgeschichte zum Risiko bekannt haben. Die Deutschen, denen der renommierte polnische Bestseller-Autor Andrzej Szczypiorski erst jüngst noch in einem Essay "Biedermeierlichkeit" bescheinigt hatte, einen Hang zu Dividenden und Zinsen, mehr zum Haben als zum Sein. Die Deutschen, die einst Konrad Adenauer gewählt hatten, weil er ihnen Schutz vom Kommunismus verhieß, Ludwig Erhard, weil er ihnen Wohlstand für alle versprach. Einzig Willy Brandt hatte mit seiner neuen Ostpolitik das deutsche Fenster ein wenig aufgerissen, ehe es von Helmut Schmidts und Helmut Kohls Hand mit dem Schrekkensruf "keine Experimente" wieder zuflog. Und jetzt das. Eine Mehrheit der Deutschen sehnte sich offenbar mehr nach dem Risiko als dem "Weiter so". Eher nahmen sie in Kauf, daß die Sozialdemokraten unter die Duldung der ostdeutschen PDS gerieten, daß sie sich wie der Fuldaer Oberhirte Bischof Dyba zu entscheiden hätte zwischen Cholera und Pest. Die Deutschen waren es offenbar einzig leid, sich von Helmut Kohls Altersriege weiter am Halfter führen zu lassen. Abschied von der VaterfigurUnd das ist wohl das zweite entscheidende Merkmal dieser denkwürdigen Wahl, bei der zum ersten Mal seit Bestehen der dritten Republik eine Regierung aus dem Amt gewählt worden ist: der Deutschen Hang zu Vaterfiguren, zumindest zu altersbedingten Respektspersonen, ist verweht. Zwar kann man das heraufdämmernde Kabinett des Gerhard Schröder nicht gerade als Jungmännerverein feiern oder als Jungfrauenkongregation und die Chefs nicht mit den Kennedys oder Clintons vergleichen, doch werden sie, wenn sie ihre erste Legislatur als Regierung hinter sich haben, noch immer jünger sein als die jetzt abtretende Garnitur. Und die direkten Nachfolger des Helmut Kohl würden, wenn sie ihre Ansprüche nach vier oder wie der Sachsenfürst Biedenkopf und der Bayern-Präsident Stoiber kalkulieren nach acht Jahren anmelden, die Sechzig längst überschritten haben.Daraus folgt zum dritten , daß Schäuble und Rühe, denen bei aller Sachkompetenz ihrem Kanzler gegenüber immer noch die Ruhe als erste Bürgerpflicht gegolten hatte, nur noch zweite Wahl sind, nur noch zum Übergang taugen. Die Diadochen sitzen im dritten Glied, und sie geben zu recht schon jetzt Laut. Des CDU-Ehrenvorsitzenden später Ritterschlag für Schäuble erweist sich somit eher als Niederschlag.Die Union braucht sich nicht zu sputen, sie kann sich Zeit lassen zur Regeneration. Will die Union sich aus dem Fünfunddreißig-Prozent-Loch wieder aufrappeln zur Volkspartei, so muß sie zunächst herausfinden, was denn die Ursachen des Debakels vom 27. September waren. Ein schlichter Betriebsunfall, ausgelöst vom Dilettantismus des CDU-Generals Hintze oder vom gutgläubigen Geplauder der Claudia Nolte, war es gewiß nicht.Die Partei muß herausfinden, warum sie im Deutschen Osten nicht angekommen ist, ob es ihr angesichts der über vier Millionen Arbeitslosen an marktwirtschaftlicher Überzeugungskraft gebricht, wie sie den offensichtlich in einer jüngeren Generation empfundenen Mangel an sozialer Gerechtigkeit überwinden kann und wieso das aufgeregte Gebibber um die innere Sicherheit nichts genutzt hat.Die Zeichen stehen auf KompromißZeit zum Nachdenken wird der Union nicht fehlen, denn nichts spricht dafür, daß die Roten und Grünen so schnell wieder voneinander lassen. Nach einem von der Gegenseite geführten "Freiheit oder Sozialismus"-Wahlkampf steht den Wahlsiegern der Sinn eher nach Kompromiß denn nach ideologischem Streit. Die Grünen, vom Wahlergebnis nicht gerade verwöhnt, wissen überdies, daß überzogene Forderungen sie auf unabsehbare Zeit ins Aus befördern würden. Ersatz-Grüne in Gestalt einer vom Wurmfortsatz der CDU zu selbständigem bürgerlichen Liberalismus mutierten FDP stehen in Kürze in der Nische zum Sprung bereit. Der Pulverdampf ist verflogen, die Konturen werden deutlich.
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