Thüringen

Die Entwicklung einer Partei, die unter Björn Höcke immer mächtiger wurde

2014 zog die AfD erstmals in den Thüringer Landtag ein. Zehn Jahre später wurde sie stärkste Kraft. Eine Geschichte über Höcke, Wahlerfolge und Tabubrüche.

Jacqueline Albrecht
Jacqueline Albrecht
8 Min
Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen, spricht auf einer AfD-Veranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit.

Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen, spricht auf einer AfD-Veranstaltung zum Tag der Deutschen Einheit.

© Patrick Pleul/dpa

Kaum ein Landesverband steht so stark für den Aufstieg der AfD wie Thüringen. 2013 gegründet, zog die Partei ein Jahr später erstmals in den Landtag ein. Seitdem ist ihr Stimmenanteil nahezu kontinuierlich gewachsen – bis sie schließlich 2024 stärkste Kraft wurde.

Hinter dieser Entwicklung steht ein Name besonders deutlich: Björn Höcke. Der Thüringer AfD-Chef ist seit mehr als einem Jahrzehnt eine der prägenden Figuren der Partei – auch weit über Thüringen hinaus. Seine politische Karriere ist eng mit dem Aufstieg der AfD verbunden. Zugleich hat kaum ein anderer Politiker die Debatte über den Umgang mit der Partei so stark beeinflusst. Ein Blick auf die Geschichte der Thüringer AfD.

Die Anfänge: Eine junge Partei zieht in den Landtag ein

Der Thüringer AfD-Landesverband wurde am 27. April 2013 in Herrenhof bei Gotha gegründet. Zu den ersten Landessprechern gehörten Matthias Wohlfahrt und Arndt Breustedt. Zu diesem Zeitpunkt war die AfD bundesweit noch eine junge Partei, die vor allem mit ihrer Kritik am Euro und an der europäischen Rettungspolitik bekannt geworden war.

Schon bei der Landtagswahl im September 2014 gelang der Partei der Einzug in das Thüringer Parlament. Die AfD kam auf 10,6 Prozent der Landesstimmen und erhielt elf Sitze. Für eine erst ein Jahr zuvor gegründete Partei war das ein beachtliches Ergebnis.

Damit begann in Thüringen eine Entwicklung, die über einen normalen Aufstieg einer neuen Partei hinausging. Der Landesverband wurde zu einem Zentrum des völkisch-nationalistischen Flügels innerhalb der AfD.

Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD) reagieren am 14.09.2014 in Erfurt (Thüringen) nach der Bekanntgabe der ersten Ergebnisse für die Landtagswahl 2014.

Anhänger der Alternative für Deutschland (AfD) reagieren am 14.09.2014 in Erfurt (Thüringen) nach der Bekanntgabe der ersten Ergebnisse für die Landtagswahl 2014.

© Hendrik Schmidt/dpa

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Björn Höcke: Ein ehemaliger Geschichtslehrer wird zum Gesicht der Thüringer AfD

Björn Höcke ist für die Thüringer AfD nicht wegzudenken. Er wurde am 1. April 1972 in Lünen (Westfalen) geboren und arbeitete als Geschichtslehrer. 2014 wurde er Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag. Gemeinsam mit Stefan Möller führt er den Landesverband seit 2014. Im Dezember 2024 wurden beide erneut mit mehr als 90 Prozent der Stimmen als Landessprecher bestätigt.

Gemeinsam mit dem damaligen brandenburgischen AfD-Politiker Andreas Kalbitz prägte Höcke den sogenannten „Flügel“ – einen Zusammenschluss völkisch-nationalistischer Kräfte innerhalb der AfD. Eine zentrale Rolle spielte dabei die 2015 veröffentlichte „Erfurter Resolution“. Sie richtete sich gegen eine aus Sicht ihrer Initiatoren zu starke Anpassung der AfD an das etablierte Parteiensystem und wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt des rechten Parteiflügels. Der „Flügel“ wurde vom Bundesamt für Verfassungsschutz 2020 als erwiesen extremistische Bestrebung eingestuft. Im selben Jahr forderte der AfD-Bundesvorstand dessen Auflösung.

Formal verschwand der „Flügel“ damit. Sein politischer Einfluss in Thüringen aber war damit nicht beendet. Der Thüringer Verfassungsschutz stellte später fest, dass die Auflösung ohne erkennbare inhaltliche oder personelle Konsequenzen für den Thüringer Landesverband geblieben sei. Das Ziel eines ethnisch homogenen Volkes, das der „Flügel“ vertreten habe, bilde weiterhin einen ideologischen Unterbau der Thüringer AfD.

Höcke selbst wurde dabei immer stärker zum wichtigsten Gesicht der Partei in Thüringen. Seine Reden und politischen Positionen machten ihn bundesweit bekannt – und immer wieder zum Gegenstand von Verfassungsschutzbeobachtung und juristischen Auseinandersetzungen. Das Landgericht Halle verurteilte Höcke 2024 in zwei Verfahren wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Es ging jeweils um die Verwendung der verbotenen SA-Parole „Alles für Deutschland“.

Björn Höcke ist Landes- und Fraktionsvorsitzender der Thüringer AfD.

Björn Höcke ist Landes- und Fraktionsvorsitzender der Thüringer AfD.

© Martin Schutt/dpa

Vom Rechtsaußen-Flügel zum stärksten Landesverband

Der politische Einfluss der Thüringer AfD wuchs parallel zu Höckes Bedeutung. Bei der Landtagswahl 2019 konnte die Partei ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln. Sie erreichte 23,4 Prozent und zog mit 22 Abgeordneten in den Landtag ein. Damit holte sie die zweitmeisten Stimmen hinter den Linken, die in diesem Jahr erstmalig in einem Bundesland stärkste Kraft wurden.

Die Wahl zeigte bereits, dass die AfD in Thüringen nicht mehr nur eine Protestpartei am Rand des Parteiensystems war. Sie war zu einem zentralen politischen Akteur geworden. Ein entscheidender Moment sollte wenige Monate später folgen.

2020: Als die AfD einen Ministerpräsidenten mitwählte

Der 5. Februar 2020 ist bis heute einer der folgenreichsten Tage in der Geschichte der AfD in Thüringen.

Bei der Wahl des Ministerpräsidenten trat der FDP-Politiker Thomas Kemmerich gegen den amtierenden Linke-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und den AfD-Kandidaten Christoph Kindervater an. Im dritten Wahlgang erhielt Kemmerich 45 Stimmen, Ramelow 44. Der AfD-Kandidat bekam keine Stimme.

Damit war Kemmerich gewählt – mit den Stimmen von CDU, FDP und AfD. Der Vorgang löste heftige Kritik aus. Denn erstmals war ein Ministerpräsident mit entscheidender Unterstützung der AfD ins Amt gelangt. Bundesweit wurde darüber diskutiert, ob damit die politische Abgrenzung zur AfD durchbrochen worden sei.

Kemmerich hielt sich nur sehr kurz im Amt. Aufgrund der heftigen Reaktionen erklärte er bereits drei Tage später, am 8. Februar 2020, seinen Rücktritt. Für die AfD war der Vorgang trotzdem ein politischer Wendepunkt. Er zeigte, welche Bedeutung die Partei inzwischen im Thüringer Parlament hatte: Sie musste nicht selbst regieren, um eine Regierungsbildung entscheidend beeinflussen zu können.

2024: Die AfD wird zum ersten Mal bei einer Landtagswahl stärkste Kraft

Vier Jahre später erreichte die Entwicklung einen neuen Höhepunkt. Bei der Landtagswahl am 1. September 2024 wurde die AfD erstmals bei einer Landtagswahl in Deutschland stärkste Partei. Sie erhielt 32,8 Prozent der Landesstimmen und 32 der insgesamt 88 Sitze. Damit lag sie vor der CDU mit 23,6 Prozent.

Das Ergebnis war auch deshalb bemerkenswert, weil sich das Parteiensystem in Thüringen gleichzeitig stark veränderte. Die Linke, die 2019 noch 31 Prozent erreicht hatte, fiel auf 13,1 Prozent. Die Grünen und die FDP kamen unter fünf Prozent und flogen aus dem Landtag. Neu hinzu kam das Bündnis Sahra Wagenknecht, das aus dem Stand 15,8 Prozent erreichte.

Während die früher dominierenden Parteien also teilweise massiv an Rückhalt verloren haben, konnte die AfD ihre Position deutlich ausbauen. Seit ihrem ersten Landtagseinzug 2014 hatte sie ihren Stimmenanteil mehr als verdreifacht. Zudem verfügt der Landesverband über zwölf Kreisverbände und ist nach Angaben des Thüringer Verfassungsschutzes in allen kommunalen Gremien der Landkreise und kreisfreien Städte vertreten. Im Landkreis Sonneberg stellt die Partei den ersten AfD-Landrat. Das zeigt: Der Erfolg der AfD beschränkt sich längst nicht mehr auf Landtagswahlen. Die Partei ist auch auf kommunaler Ebene fest verankert.

Zum Bundesparteitag der AfD in Erfurt am 4. Juli 2026 kam es zu Protesten und Blockaden, so wie hier am Gothaer Platz.

Zum Bundesparteitag der AfD in Erfurt am 4. Juli 2026 kam es zu Protesten und Blockaden, so wie hier am Gothaer Platz.

© Alexander Schumann

Eine besondere Rolle spielt dabei ihre politische Positionierung. Der Thüringer Verfassungsschutz stuft den Landesverband als „erwiesen rechtsextremistische Bestrebung“ ein. Nach Einschätzung der Behörde steht im Zentrum ein ethnisch-abstammungsmäßig geprägtes Volksverständnis. Demnach werde das deutsche Volk nicht primär über die Staatsangehörigkeit, sondern über Abstammung definiert. Der Thüringer AfD-Landesverband war damit der erste, der eine solche Einstufung erhielt. Es folgten Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg.

Stärkste Kraft – aber ohne Regierungsmacht

Die AfD ist in Thüringen so stark wie nie, regiert das Land aber nicht. Denn trotz ihres Wahlsiegs 2024 blieb ihr der Weg in die Thüringer Staatskanzlei versperrt – CDU, BSW und SPD bildeten unter Ministerpräsident Mario Voigt eine Minderheitsregierung. Die AfD blieb stärkste Oppositionsfraktion.

Die übrigen Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. Damit ist Thüringen auch ein Beispiel für die zentrale Frage, die sich im Umgang mit der AfD inzwischen in vielen Parlamenten stellt: Was bedeutet es für ein politisches System, wenn eine Partei stärkste Kraft wird, aber keine andere Partei mit ihr regieren will?

Die Antwort darauf zeigt sich in Thüringen besonders deutlich. Die AfD kann Wahlen gewinnen und politische Debatten dominieren. Für eine Regierungsbildung braucht sie jedoch Partner – und genau diese fehlen ihr.

Erfurt, Thüringen, Deutschland, 05.07.2026: Messe: AfD-Bundesparteitag: Der Vorstand um Tino Chrupalla und Alice Weidel steht zum Abschluss des Parteitags auf der Bühne und singt die Nationalhymne.

Erfurt, Thüringen, Deutschland, 05.07.2026: Messe: AfD-Bundesparteitag: Der Vorstand um Tino Chrupalla und Alice Weidel steht zum Abschluss des Parteitags auf der Bühne und singt die Nationalhymne.

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Was heute in Thüringen passiert

Die aktuelle politische Situation in Thüringen ist inzwischen erneut in Bewegung geraten. Die 2024 gebildete Regierung von Mario Voigt (CDU) steht unter Druck. Im September 2026 zerfiel die BSW-Fraktion im Thüringer Landtag. Zehn der ursprünglich 15 BSW-Abgeordneten gründeten anschließend die neue Fraktion „Thüringen.Gerecht“. Sie trägt gemeinsam mit CDU und SPD weiterhin die Minderheitsregierung von Voigt. Das neue Bündnis verfügt allerdings nur noch über 39 der 88 Sitze.

Die veränderten Mehrheitsverhältnisse nahm die AfD zum Anlass, erneut Neuwahlen zu fordern.

Zuvor war sie bereits zweimal mit Misstrauensvoten gegen Voigt gescheitert. Auch der Versuch, den Thüringer Landtag aufzulösen, blieb nun erfolglos: In einer Sondersitzung am 7. Oktober stimmten 34 Abgeordnete für die Selbstauflösung, 52 dagegen. Für eine Auflösung wären 59 Stimmen und damit eine Zweidrittelmehrheit nötig gewesen.

Höcke hat bereits angekündigt, nach Scheitern der Landtagsauflösung ein Volksbegehren mit dem Ziel einer Neuwahl einzuleiten. Die Hürden dafür sind hoch: Nur für die Zulassung müssen zunächst 5000 Stimmberechtigte innerhalb von sechs Wochen unterschreiben. Der Thüringer Landtag hat sich bislang noch nie selbst aufgelöst.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner