Sie ist aufregend, so eine Mahnmal-Eröffnung, wenn man Nachbar ist. Aufregend, weil jeder Anwohner des gestern eröffneten Holocaust-Mahnmals schon seit Tagen das Gefühl vermittelt bekommen hat, eine latente Bedrohung zu sein. Hatte die Polizei doch erst die Bewohner der Häuser entlang von Behren- und Wilhelmstraße aufgefordert, ihren Fenstern fern zu bleiben und nicht auf den Balkon zu treten. Weil man ja, rein theoretisch betrachtet, den geladenen Gästen der Eröffnungsfeier von dort aus etwas zu Leide tun könnte. Die Anweisung wurde zwar später zurück genommen, einige Anwohner fühlten sich von dem Ansinnen der Polizei allerdings provoziert. So zum Beispiel der Wirtschaftswissenschaftler Andreas Merk, der zur Eröffnung postwendend zu Tee und Kuchen ans Balkonfenster einlud.Besuch zu empfangen ist für die Anwohner an diesem Tag nicht ganz einfach. Der Besucher bleibt erst mal an der Polizeiabsperrung an der Ecke Wilhelm- und Behrenstraße hängen. "Wo wollen Sie hin?", fragt ein Beamter, "in die Behrenstraße 73? Das geht nicht." Es geht dann doch. Aber nur in Begleitung eines Polizeibeamten bis zur Haustür.Sicherer wohnenAm Fenster angekommen, zeigt sich, dass sich der Aufwand gelohnt hat: Der Blick auf das Mahnmal-Gelände ist perfekt. Kein Baum stört, keine Absperrung verhindert die freie Sicht auf das Mahnmal-Gelände. Es ist das Gehry-Gebäude, die Rückseite der DG-Bank am Pariser Platz. In den oberen Etagen befinden sich Wohnungen. Direkt vor der Haustür fahren die geladenen Gäste zur Eröffnungszeremonie vor.Nur wenige Anwohner haben es gewagt, der polizeilichen Bitte zu trotzen - die meisten Fenster in den Häusern rund ums Mahnmal-Gelände sind geschlossen. Auf einem Dach schräg gegenüber stehen zwei Männer mit grünen Schutzwesten. Sie haben Ferngläser. Ob sie auch Gewehre haben, kann man nicht sehen. Ein Paar steht auf einem Balkon und schaut herunter. Es taucht keine Eingreiftruppe auf, die den beiden den Spaß verderben könnte. Unten auf der Straße fährt Innenminister Otto Schily (SPD) vor. Oben am Fenster fühlt man sich merkwürdig, vom Dach gegenüber durch das Fernglas gemustert zu werden.Während die Gäste eintrudeln, tauchen auf den Dächern weitere Polizisten auf. Man hört die Funkgeräte knarzen. Wachschutz patrouilliert auf dem Mahnmal-Gelände. Kamerateams laufen um das Gelände herum - immer in Begleitung von Polizisten. Andreas Merk, der seit eineinhalb Jahren dort wohnt, findet das alles merkwürdig. Als er das Schreiben der Polizei zur Mahnmal-Eröffnung erhielt, habe er erst Anzeige gegen Unbekannt erstatten wollen, weil er es für gefälscht hielt. Dann las er darüber in der Zeitung. Und lud zum Balkonfrühstück.Optisch gesehen, gefällt Merk das Mahnmal. Jetzt, wo es fertig ist. Früher hatte er regelrechte Aversionen dagegen. "Aber abends mit Beleuchtung sieht es wirklich sehr gut aus", sagt er. "Aber wie viele Schulausflüge nach Auschwitz man mit dem Geld hätte finanzieren können. Und was man dort über den Holocaust erfährt, ist doch viel einprägsamer", sagt Merk.Unten gibt es einen Zwischenfall: Am Rande der Einweihung wird jemand vorläufig festgenommen, der den Hitlergruß gezeigt haben soll. Von der eigentlichen Eröffnungszeremonie kann man von Merks Fenster aus nicht viel sehen. Diese findet in einem Zelt statt. Die Musik ist zu hören und Applaus. Sie ist eben auch ein bisschen langweilig, so eine Mahnmal-Eröffnung, wenn man Nachbar ist. Oben am Fenster wird es erst wieder spannend, als alles vorbei ist. Angela Merkel kommt und fährt ab, Edmund Stoiber, Walter Momper, Gerhard Schröder. Andreas Merk macht Fotos. Dann liegt das Gelände so da, wie es von nun an wohl immer aussehen wird: vereinzelte Gestalten zwischen den Stelen und eine Menschentraube vor dem Eingang zum Ort der Information. Die Aufregung ist vorbei.------------------------------Foto: Andreas Merk lud zur Mahnmal-Eröffnung an sein Fenster.
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