MADONNA DI CAMPIGLIO. Die Sparwochen der Formel 1 sind eröffnet. McLaren-Mercedes und Ferrari bekennen sich im ersten Wettrennen der Saison zum Lidl-Prinzip. Mercedes-Sportchef Norbert Haug spricht, bevor am Freitag nahe London der neue Silberpfeil enthüllt wird, vom "vielleicht einschneidendsten Schnitt der Formel-1-Geschichte". Er meint das nicht nur finanziell, sondern auch technisch. Aber bevor die neue Rennwagen-Generation nächsten Montag in Portugal zum ersten Mal aufeinander trifft, ist das Gebaren in der Formel 1 das Thema. Die Ferrari-Piloten Felipe Massa und Kimi Räikkönen müssen in der Krise zwar nicht um ihren Job zittern, aber um ihre Gehälter kämpfen.Beim Ferrari-Skicamp in Madonna di Campiglio entbrannte am frühen Donnerstag die Diskussion. Bei einer Journalistenfrage, die bewusst polemisch gestellt wird, kommt der WM-Zweite Massa ins Stottern. Er soll abwägen, ob nicht auch Fahrergehälter beschnitten werden müssen. Schließlich könne man für zehn Millionen Euro Salär, auf die Massa taxiert wird, doch hundert Ingenieure bezahlen, die das Team bestimmt schneller machen würden als ein einzelner Fahrer. Der 27-Jährige argumentiert im Kreis, und findet den salomonischen Ausstieg: "Niemand ist doch glücklich, wenn er auf Geld verzichten soll. Wir müssen versuchen, in Bereichen zu sparen, die keine Jobs kosten." Von einer generellen Gehaltsobergrenze, dem so- genannten salary cap aus dem US-Profisport, hält er nichts: "Das ist unfair. Denn manche bekommen trotzdem mehr Geld - zum Beispiel aus der Werbung." Eine Art Sozialismus funktioniert im Motorsport vielleicht nicht, Fakt aber ist, dass ein Drittel der drei Milliarden Euro, die in einer Saison umgesetzt werden, auf Personalkosten entfallen.Die Welt des entthronten Champions Kimi Räikkönen ist eine gefährliche, aber sie bleibt immer heil. Denn es ist seine ganz eigene Welt. Besser ausgedrückt von Stefano Domenicali, seinem Teamchef bei Ferrari: "Kimi lebt auf einem anderen Planeten." Das mentale Schutzschild, das an Autismus grenzt, ist zwar eine der größten Stärken des Finnen. Er wittert die Falle in der Frage nach dem Lohnverzicht aus Solidarität sofort, tappt dann aber trotzdem voll hinein. "Über die Gehaltsbeschneidung will ich nicht reden, sie kommt ja doch nicht. Deshalb möchte ich gar nicht erst darüber diskutieren." Pech gehabt, schon ist er mittendrin. Nächste Frage: "Kimi, findest Du diese Einstellung nicht ziemlich arrogant, wenn in England tausende Leute ihren Job wegen der Krise verlieren." Räikkönen, im Gehalts-Ratespiel auf 17 Millionen Euro taxiert, wird sauer: "Sehen Sie, genau deshalb will ich nicht drüber sprechen, weil ich genau weiß, dass etwas Negatives daraus gemacht wird." Dann zieht sich der 28-Jährige wieder zurück in die Umlaufbahn der Sorglosigkeit: "Ich kann mich über das Leben auf meinem Planeten nicht beklagen."Teamchef Domenicali kann es nicht ganz so losgelöst angehen, auch bei ihm heißt die Tageslosung Krise. Den grauen Wolken im Hochtal zum Trotz malt er den Himmel schön: "Es ist eine Bewährungsprobe, aber die Formel 1 wird gestärkt aus der Krise hervorgehen - wenn wir an den richtigen Stellen sparen. Aber wenn sich alle einig sind, sehe ich nicht schwarz, sondern rosa." Im Alltag gehe es weniger ums Einsparen, eher um das Verlagern. Das Testverbot während der Saison führe beispielsweise nur zu einer Verlagerung in die Simulationsabteilungen: "Billiger wird es dadurch nicht. Wir können es uns nicht leisten, Fehler zu machen. Wir müssen herausbekommen, wie wir das Gleichgewicht innerhalb des Teams bewahren. Eigentlich können wir auf keinen Mitarbeiter verzichten. Ich will versuchen, alle zu halten."Nicht destruktiv, sondern konstruktiv will er die neue Aufgabe bewältigen. Mercedes-Sportchef Haug sieht es ähnlich. Im Hause des Weltmeisters Lewis Hamilton sprudeln die Ideen für die Effizienzprogramme. Haugs Ansicht nach zahlt sich das aus: "Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass wir der Hersteller sind, der für den großen Erfolg das wenigste Geld ausgibt." Es wäre noch günstiger, wenn nicht ständig das Reglement geändert würde. Die sportliche Ungewissheit ist in diesem Jahr so groß wie die wirtschaftliche. Am Ziel, beide WM-Titel zu gewinnen, ändert das nichts: "Bei der letzten Regelrevolution 1998 sind wir auch gut klar gekommen." Damals gewann Mika Häkkinen den ersten WM-Titel in Silber.Anfeindungen auf dem Werksgelände in Zeiten von Kurzarbeit verspürt Haug nicht: "Die Kollegen wissen, dass wir ihnen näher sind als der High Society - und dass auch wir knallharte Sparprogramme haben."------------------------------Foto: Ablenkung: Der Brasilianer Felipe Massa (2. v. l.) verlässt sich auch in Madonna di Campiglio gern auf Pferdestärken. So ein Ausflug im Schnee ist für den Rennfahrer allemal lustiger, als die Diskussion über sein Gehalt.
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