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Buchmesse Frankfurt: KI frisst Bücher, Kinder lesen weniger

Die amerikanische Historikerin Jill Lepore warnt eindringlich vor der Macht der KI-Konzerne. Der Branchenchef fordert ein Handeln der Politik.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
5 Min
Jill Lepore, amerikanische Historikerin und Autorin, sprach zur Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2026.

Jill Lepore, amerikanische Historikerin und Autorin, sprach zur Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2026.

© Hannelore Foerster/Imago

Weithin sichtbar ist das Motto der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, es steht überall auf Englisch, klar, denn die Messe ist international, die größte ihrer Art in der Welt: „This changes everything“. „Das ändert alles“ lässt sich biegsam interpretieren. Die Vielfalt der Verschiedenen könnte sich darunter wohlfühlen. Aber es lassen sich auch die Bedrohungen für die Branche darin erkennen.

Der rasante Erfolg Künstlicher Intelligenz, so raumgreifend, dass deren Schöpfer schon davor warnen, kann alles für das Buch, seine Produzenten und Verkäufer und Nutzer verändern. Deshalb wurde für die Pressekonferenz noch vor der offiziellen Eröffnung am frühen Dienstagabend die Pulitzerpreisträgerin und Harvard-Professorin Jill Lepore eingeladen.

Gerade ist ihr Buch „Die Regierung der Maschinen“ auf Deutsch erschienen, das vor einem Künstlichen Staat warnt.

Jill Lepore warnt: Wir sind auf Messers Schneide

Das Weltwissen, das bisher in Büchern bewahrt wurde, werde gegenwärtig von Maschinen übernommen, ja geschluckt, die sich im Besitz einer Handvoll superreicher Männer befinden, sagt sie.

Zunächst folgten kleine Rückblicke. Auf die Geschichte der Frankfurter Buchmesse, die zwar erst 1949 gegründet wurde, deren Anfänge aber kurz nach Erfindung des Buchdrucks liegen. Und auf die moderne Technikgeschichte, deren Beginn sie beim Sputnik-Start 1957 sieht. Sie erklärte, dass sich die Menschheit jetzt „auf des Messers Schneide“ befinde.

Gerade noch können Entscheidungen getroffen werden, ob „Maschinen das Lesen, Schreiben und sogar das Denken für uns übernehmen“ – daran hänge die Zukunft. Lepore sprach ruhig, als würde sie einen Vortrag halten, doch der Appell, dass auf der Buchmesse Schicksalsfragen anstehen, war in ihren leisen Sätzen laut hörbar.

Das Thema beschäftigt natürlich auch den Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, der vor einem „doppelten Raubzug der Künstlichen Intelligenz“ an Büchern und an der Fähigkeit des Denkens warnte. Der Schwerpunkt seiner Rede war aber ein anderer. Dazu gleich mehr.

Er wurde gefragt, was er von einer Kennzeichnung für Bücher halte, die diese als „Ohne KI“ erkennbar mache. Kurze Antwort: wenig. Denn es gebe viele Mischformen und Graustufen zwischen der Produktion eines Buches mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz und der kompletten Herstellung durch KI. Einiges davon bedeute Erleichterung, Beschleunigung von Arbeit, anderes berge Gefahren. Die Branche brauche Transparenz, die „Offenlegung von Produktionsbedingungen“.

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Ein Label für Kinderbücher: „Ohne KI“

Am Vortag erst hat eine Gruppe von 18 deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchverlagen verkündet, das Label „Von Menschen geschrieben – gestaltet – geprüft“ einzuführen. Gedacht ist dies, um den Blick auf menschliche Kreativität, redaktionelle Verantwortung und den Schutz kreativer Leistungen zu richten. Tatsächlich ist neben dem Berufsstand der Übersetzer der Kinder- und Jugendbuchbereich einer wachsenden Konkurrenz durch KI-generierte Titel ausgesetzt.

Guggolz drängte auf europäische Lösungen zur Regulierung der die KI besitzenden Konzerne, vor allem in puncto Urheberrecht und Datenzugriff. „Ich rufe nicht nach einer Intervention des Staates, sondern nach einem Handeln des Staates.“ Anstehende Wahlen würden zu oft als Entschuldigung genutzt, keine Gesetze zu verabschieden.

Den Staat nahm er stärker noch in die Pflicht mit dem Hauptthema seiner Rede. Er ging von den schwindenden Lesefähigkeiten der Schüler in Deutschland aus und einem Rückgang von 30 Prozent bei der Zahl der gekauften Bücher in der Altersgruppe der Zehn- bis 15-Jährigen.

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„Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen kann, kann eine KI-Antwort nicht mehr überprüfen“, sagte er und führte den Gedanken weiter bis zur Demokratiefähigkeit. Die Politik dürfe sich nicht darauf verlassen, dass die Schwächen allein von engagierten Eltern, Kitas, Schulen behoben würden, es brauche Verbindlichkeit für alle. „Leseförderung und Medienkompetenz müssen als bildungspolitische Priorität verankert werden“, forderte Guggolz.

Böhmen liegt am Meer: Hier stimmt das

An manchen der Leuchtflächen auf dem Messegelände wechselt das Messe-Motto zu „A good story changes everything“: Eine gute Geschichte kann alles verändern. Es ist die ureigene Kraft der Literatur, das Denken und Fühlen zu bewegen, die Fantasie in Schwung zu setzen, Welten zu erschaffen.

Tschechien, der diesjährige Ehrengast, benutzt dies für sein eigenes Motto. „Ein Land an der Küste“ lautet dies. Man muss nicht mal in Geografie aufgepasst haben, es genügt ein Blick auf Google Maps: Dieses europäische Land ist von Ostsee, Mittelmeer und den Ozeanen weit entfernt.

Riesige Fantasiegebilde prägen den Pavillon des Gastlandes Tschechien auf der Buchmesse in Frankfurt am Main.

Riesige Fantasiegebilde prägen den Pavillon des Gastlandes Tschechien auf der Buchmesse in Frankfurt am Main.

© Boris Roessler/dpa

William Shakespeares aber, einer der größten Dichter überhaupt, hat allerdings in seinem Stück „Das Wintermärchen“ dem Binnenland Böhmen eine Meeresküste geschenkt. Die Literaturwissenschaft ist sich uneins, ob es ein Fehler seinerseits war oder ein fantastischer Einfall, hier wird kreative Nahrung daraus gezogen.

Mit ulkigen, seltsam unförmigen, hellen, großen Gebilden ist der Czechia-Pavillon gefüllt. Man kann sie als riesige, von Meereswellen abgerundete Kiesel ansehen oder als Buhnen an einem Strand, aber auch den typischen Sandstein der tschechischen Gebirge darin erkennen. Martin Krafl, der Programmdirektor des Auftritts, sagt bei einem ersten Rundgang: „Jede Interpretation ist erlaubt.“

Bücher und Bilder, Bier und Wein

In den kommenden Tagen soll diese Offenheit gefeiert werden, mit 75 Autorinnen und Autoren in der offiziellen Delegation und etlichen weiteren, die von ihren deutschen oder englischen Verlagen eingeladen wurden, mit 193 neu übersetzten Büchern, mit zehn Ausstellungen in der Region, auch mit Bier aus Böhmen und Wein aus Mähren.

An einem Leuchtturm im Pavillon kann man sich je nach Stimmung Zitate anzeigen lassen – sie erscheinen auf einem kleinen Bildschirm und auf einem der aufgeblasenen Aufsteller.

Schräg gegenüber, vorbei an ein paar Bücherregalen, wechseln Projektionen bunter Bilder, hier geht es um Comics und Bilderbücher. Auf einer drei mal sechs Meter großen Fläche wird täglich ein Künstler über mehrere Stunden ein Kunstwerk entwerfen. Abends verschwindet es wieder, wie vom Wasser fortgespült. Am nächsten Morgen ist Platz für neue Ideen.

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