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Es war für viele ein Fest, als vor fünfzehn Jahren an der Ostküste der Insel Rügen die „längste Jugendherberge der Welt“ eröffnete. Am 4. Juli 2011 ging sie an den Start, begleitet von einer tagelangen Medienkampagne. Ihr Bau war mit mehr als 16 Millionen Euro für 400 Betten doppelt so teuer und doch nur halb so groß geraten wie geplant. Doch für die Initiatoren in Bund, Land und EU galt die Herberge als gelungenes Vorbild für die Neubelebung eines kolossalen Bauwerks, das über zwei Diktaturen hinweg Geschichte geschrieben hatte und sich nun anschickte, ein Seebad zu werden.
Bis heute steckt hinter dem hochgelobten Glanz gleichwohl ein Geheimnis: Während sich die Dimension der Herberge am eindrucksvollsten offenbart, wenn still am Abend die Lichter ihrer Flure erstrahlen, bleibt eine der fünf Etagen, jene ganz oben unterm Dach, stockdunkel.
Keines der Fenster der sich über drei Höfe entlangziehenden Fronten lässt auch nur einen Lichtfunken über die Düne blitzen. Es ist eine „Geisteretage“, die für jene, die ihre Geschichte kennen, das perfekte Symbol einer Leerstelle in diesem Gebäude ist. Mehr noch: eine stumme Anklage. Denn die Geschichte der DDR und damit hunderttausender junger Männer, die in dem riesigen Gelände eine oft lebensprägende Erfahrung gemacht haben, spielte bei der Neubelebung des historischen Ortes keine Rolle.
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Ein raffinierter Marketingcoups
Wir befinden uns in Prora, im Gelände von Block V eines Bauwerks, das sich über viereinhalb Kilometer an der Prorer Wiek entlangzieht. Den Urlaubern aufgrund eines raffinierten Marketingcoups eher als „Binzer Bucht“ geläufig.
Schon 1990, gleich nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes, nahm man es mit historischen Begrifflichkeiten nicht allzu genau. Das kolossale Bauwerk, das Adolf Hitler zur Erquickung des arischen Volkes in den Sand setzen ließ – und das bis 1950 wohlgemerkt eine Investitionsruine blieb –, vermarktete man vierzig Jahre später ungeniert als „ehemaliges KdF-Seebad“.
So wanderte die Begrifflichkeit „Kraft durch Freude“, der Name einer Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront, aus der braunen Mottenkiste auf die Wegweiser rund um diesen gigantischen Bau, der in Würdigung seines um 1936 hochmodernen Stahlbetonskeletts unter Denkmalschutz gestellt wurde – und interpretierte ihn unter Missachtung seines historischen Werdeganges um.
So viel ist richtig: Die Anlage, ursprünglich bestehend aus acht Blöcken, wurde unter den Nationalsozialisten geplant und errichtet. Über den Rohbautorso kamen sie jedoch nicht hinaus. Während die Infrastruktur, die Prora zum Seebad gemacht hätte, noch fehlte, wurden die Rohbauten nach dem Krieg geplündert und in Teilen wieder zurückgebaut. Den südlichsten Block, gegen Ende des Krieges als Flüchtlingsunterkunft ausgebaut, ließen die sowjetischen Besatzer sprengen.
Die Sowjets ließen sich für zehn Jahre in Block V nieder. Genau da, wo sich heute die Jugendherberge befindet. Unter der Ägide Stalins galt ihr der abgelegene Monumentalbau als geeignetes Bollwerk zum Aufbau einer Armee im Kalten Krieg.
Unter sowjetischen Militärberatern schuf die DDR mit tausenden jungen Arbeitskräften eine abgeriegelte Kasernenanlage, die bis zur politischen Wende weiter vervollkommnet wurde und zeitgleich bis zu 15.000 Militärangehörige zählte. Prora hatte eine zentrale Bedeutung beim Aufbau der Nationalen Volksarmee (NVA). Abgeschiedenheit und Drill machten den Ort vor allem unter den frühen Jahrgängen und vielfach auch bis zur politischen Wende um 1990 berüchtigt. Unfälle und Suizide gingen in die Dutzende.
Im benachbarten Block IV, heute residiert hier das Hotel Mariandl, wurde ab 1982 die Offiziershochschule „Otto Winzer“ errichtet. Sie bildete ausländische Militärkader und Guerillakämpfer aus aller Welt für den globalen Systemkampf aus, weshalb sich heute sogar weltweit ehemalige Rekruten über die Geschichtsverdrehung an diesem exponierten Ort wundern.
Der Schriftzug „Wo bleibt die DDR-Geschichte?“ an der Wand einer ehemaligen Schule in Prora
© J. Koehler/Imago
Als Menschenretter in Erinnerung geblieben
Am brisantesten jedoch wird die Bereinigung der Geschichte in den Gängen der Jugendherberge. Trotz zahlreicher Anträge und Einsprüche von Zeitzeugen sanierte man die Geschichte ohne Dokumentation weg: Stasi- und Stabsräume, Lazarett- und Unterkunftsräume. Von deren Geschichte sehen die heutigen Jugendlichen im Gebäude somit nichts. Nach Abzug der sowjetischen Brigade errichtete hier die DDR um 1960 das einzige Fallschirmjägerbataillon des Landes, später das Luftsturmregiment 40. Die Fallschirmjäger waren Verteidiger des Systems, die während des extremen Winters 1978/79 auch als Menschenretter in Erinnerung geblieben sind.
1982 folgte die größte Einheit der DDR-Waffenverweigerer, die sogenannten Bausoldaten. Diese überwiegend aus religiösen Motiven handelnden Verweigerer hatten zum Teil Schwerstarbeit beim Bau des Fährhafens Mukran zu verrichten und waren einem enormen psychischen Druck ausgesetzt. Auch ihrer Karrieremöglichkeiten im SED-Staat sahen sich die meisten der rund 3.000 Bausoldaten beraubt. Unter der Doktrin „Der Friede muss bewaffnet sein“ galten sie als Staatsfeinde.
Fährhafen Mukran, einst von den DDR-Bausoldaten erbaut.
© J.Koehler/Imago
Wo heute Herbergsgäste übernachten, brachten die jungen Leute von damals still ihren Protest zum Ausdruck: Die überwiegend religiös motivierten Jugendlichen diskutierten und beteten für friedliche Lösungen, in Prora oftmals ganz unmittelbar im Erleben ständig schikanierender Vorgesetzter. In der wenigen Freizeit, die sie nur selten außerhalb des Gebäudes erleben durften, entstanden heimlich etliche kreative Arbeiten, darunter zu den Themen Menschenrechte und Umwelt. Mit ihrer grundsätzlich pazifistischen Einstellung wurden die Bausoldaten zur moralischen Avantgarde während der Friedlichen Revolution. Somit beherbergte das Gebäude nacheinander die künftigen Eliten des Staates und die Andersdenkenden; zwei Welten, die sich beinahe auf Leipzigs Straßen gegenübergestanden hätten, doch die Fallschirmjäger blieben in den Kasernen.
Ausgerechnet auf jener obersten Etage der Jugendherberge, in der sich die Geschichte verdichtet, ging beim Ausbau das Geld aus. Entkernt hat man sie dennoch. Es war der Anschauungsort, an dem einst Bausoldaten dem Drill mit der Kerze in der Hand entgegentraten, so wie Uwe Rühle es 1982 in seinem „Geheimen Tagebuch“ niederschrieb. Hier wurde im Zuge der Kommunalwahl 1984 deren Fälschung durch die Machthaber aufgedeckt, und hier wurde alljährlich erbittert über das Gelöbnis auf den SED-Staat debattiert. Und es sind genau jene Fenster, aus denen – wie es öfters in Prora geschah – ein Bausoldat in den Tod stürzte. Das einstige Erinnerungsmal unter den Fenstern der heutigen Jugendherberge wurde im Zuge der Sanierung achtlos entfernt.
Seltsam blutleere Zeitreise
Wie positioniert sich die Jugendherberge zu all dem? Sie wirbt für Übernachtungen im „historisch einmaligen Gebäude“ in einem Teil des „ehemaligen ‚KdF-Seebades Rügen‘“ und lädt zum „hautnahen Erleben in der KdF-Gedenkstätte“ ein. Zukunftsgewandt versteht sie sich als Umweltherberge und propagiert Werte wie Vielfalt und Toleranz. Gelten diese auch für die Geschichte des Ostens? Vor allem jenen Menschen, die zu Wegbereitern der Friedlichen Revolution wurden, von der die vereinigte Bundesrepublik ein Stück ihrer Identität ableitet?
Wer heute das Gebäude betritt, begibt sich auf eine seltsam blutleere Zeitreise. Mit Verweis auf das 1,5 Kilometer entfernte Dokumentationszentrum Prora glaubt das Haus, in den Fluren auf ein eigenes, niedrigschwelliges Bildungsangebot zur unabhängigen Friedens- und Umweltbewegung der DDR sowie auf Zeitzeugenliteratur verzichten zu können. So betrachtet man nur den nackten Beton und übersieht die Menschen, die genau hier um Inhalte und Werte kämpften, jene Prinzipien, denen sich die Herberge eigentlich verschrieben haben will.
Dabei wäre diese Vermittlung gerade heute so wichtig, um Jugendlichen den Wert der Gewissensfreiheit vor Augen zu führen – und um zu zeigen, was der Glaube an Frieden, Freiheit und den vernünftigen Dialog für Berge versetzen kann. Wer die kinoreife Dialektik dieser historischen Gänge verschweigt und den Ort zum reinen Phantom verklärt – zu einem Seebad, das nur auf dem Papier als ein solches existierte –, betreibt aktive Geschichtsvergessenheit. Mit fünfzehn Jahren wird es Zeit, sich kritisch selbst zu reflektieren und von der propagierten Umwelt- auch zur Friedensherberge zu avancieren.
Erst wenn die Zivilcourage von einst offensiv ins Selbstverständnis des Hauses übernommen wird, ist die oberste Etage unterm Dach kein finsteres Symbol des Schweigens mehr. Sind wir die Vermittlung des reichen Erfahrungsschatzes nicht dem derzeit so angespannten Ostseeraum und vor allem der heutigen Jugend schuldig?
Stefan Stadtherr Wolter ist Historiker. Im Rahmen seiner Initiative „DenkMALProra“ dokumentierte er die DDR-Nutzungsgeschichte des Kolosses von Rügen und hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter: „Geheimes Tagebuch eines Bausoldaten in Prora“ (2015) und „Prora – Kolossales am Nordstrand. Kalter Krieg unterm weißen Mantel“ (2024). www.DenkMALProra.de
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
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