Die Geschäftsführerin der Kulturbrauerei will das Kesselhaus ab 1. Mai selbst betreiben / Der Erfolg ihres Konzept wird bezweifelt

Kultur nach neuem Rezept

Marcel Gäding Mathias Raabe
4 Min

Die Gärtnerin aus Liebe" ist weg. Das Floristikgeschäft existiert nicht mehr. Das Veranstaltungslokals "Prenzl" ist schon seit längerem geschlossen. Und die neuen Betreiber des "Kinos in der Kulturbrauerei" jubeln auch nicht gerade über Zuschauerrekorde. Die Kulturbrauerei an der Schönhauser Allee hat ein altbekanntes Problem. Es kommen einfach zu wenige Besucher auf das wunderschön sanierte Areal. Nicht mal die Eisbahn vorm Soda-Klub wird voll. Die Stimmung bei Gastwirten und Theaterleuten ist gedrückt. Erst recht, seitdem bekannt ist, dass der Betreiber des legendären Kesselhauses wechselt. Sie fürchten, dass es jetzt auch mit dem einzigen Aushängeschild der Kulturbrauerei bergab geht.Wichtigste EinnahmequelleDie Waldpurgisnacht am 30. April wird die letzte Veranstaltung sein, die die bisherigen Betreiber des Kesselhauses ausrichten. Schon einen Tag später ist Karin Baumert für den Veranstaltungsort verantwortlich. Die Stadtsoziologin ist seit dem 1. November Geschäftsführerin der Kulturbrauerei GmbH. Die gemeinnützige Gesellschaft ist stark verschuldet. Mehrere 100 000 Mark haben sich seit 1999 an Außenständen angesammelt. Über das Kesselhaus will Baumert diese Defizite abbauen. Den Erfolg soll ein neues Konzept bringen. Baumert plant eine Mischung aus Rockkonzerten, Theateraufführungen sowie Buchlesungen, um wieder zahlungskräftige Besucher aufs Gelände zu ziehen. "Das Kesselhaus ist vom vorherigen Betreiber heruntergewirtschaftet worden", sagt Baumert. Zuletzt sei es nur noch ein Konzertsaal für Rock-Bands gewesen. Deshalb und wegen anderer Streitigkeiten sei der Pachtvertrag gekündigt worden. Ein Konzert der Gruppe "Inchtabokatables" ist für den Mai schon festgemacht, und auch der Publizist Günter Gauss will im Kesselhaus sein neues Buch vorstellen. Doch mehr Konkretes kann die frühere Baustadträtin von Mitte noch nicht vorweisen. "Am genauen Programm arbeiten wir gerade", sagt Baumert. Was die Geschäftsführerin als Neuanfang anpreist, bezeichnet Dag Zippel als reinen Zweckoptimismus. Der Noch-Betreiber des Kesselhauses glaubt nicht daran, dass Baumert jemals die Einnahmen erzielt, die er zuletzt mit seinen Konzerten und Theateraufführungen hatte. Das Haus sei stets zu 60 Prozent ausgelastet gewesen. "Wir waren auf dem besten Weg, dieses Ergebnis noch weiter zu steigern." Zippel bezweifelt, dass Baumerts Konzept aufgeht. "Die Frau hat von Kultur keine Ahnung." Doch Karin Baumert ist zum Erfolg verpflichtet. Das Kesselhaus ist ihre wichtigste Einnahmequelle und der Mittelpunkt der Kulturbrauerei. Schließlich werden davon weitere Projekte wie ein Theater mit behinderten Jugendlichen oder eine Galerie finanziert. Klaus Schuhmacher, Betreiber des Lokals "Leopold s Wirtshaus", hat Zweifel, ob ein neues Konzept allein den Zulauf bringt. "Für die Kulturbrauerei wird viel zu wenig Werbung gemacht", sagt er. Aus seiner Sicht sei das der Hauptgrund, warum die Geschäfte auf dem Gelände eher schlecht als recht laufen. Ingo Witzmann vom Veranstaltungslokal "Alte Kantine" fürchtet am Ende gar um den guten Ruf der Kulturbrauerei: "Die Negativschlagzeilen der vergangenen Monate haben sich bereits auf unsere Besucherzahlen ausgewirkt." Bereits im nächsten Jahr droht Baumert und der Kulturbrauerei GmbH neues Ungemach: Der nur wenige hundert Meter entfernte Pfefferberg wird nach der Sanierung ab 1. Mai 2003 Schritt für Schritt seine Veranstaltungen wieder aufnehmen. Ein Betreiber steht dafür schon bereit: Dag Zippel vom Kesselhaus will dort mit weiteren Partnern seine Konzerte wieder aufnehmen.Haus mit Tradition // Das Kesselhaus: Seit 1991 wird das denkmalgeschützte Gebäude mit seinen 470 Quadratmetern Fläche als Veranstaltungsort genutzt. Bundesweit bekannt wurde es unter anderem durch die SAT. 1-Talk-Sendung "Einspruch" mit Ulrich Meyer. Im Kesselhaus gaben zudem namhafte Bands wie "Rosenstolz", "City", "Pankow" und "Silly" Konzerte. Zu besonderen Anlässen wie dem Christopher-Street-Day oder der Love Parade fanden dort zahlreiche Partys statt. Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass stellte dort 1995 seinen Roman "Ein weites Feld" vor.Die Kulturbrauerei: Auf dem Gelände in der Schönhauser Allee wurde von 1842 bis 1967 Bier gebraut. Nach der Wende übernahm 1990 die Treuhand das 25 000 Quadratmeter große Areal. 1997 begann die 51 Millionen Euro teure Sanierung, die zwei Jahre später beendet wurde. Ein Fünftel des Grundstücks vermietete die TLG an die gemeinnützige Kulturbrauerei GmbH, die es an Vereine und Veranstalter für Kulturprojekte unterverpachtet.BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Drahtseilakt in der Kulturbrauerei: Mit neuem Konzept soll der Veranstaltungsort wieder nach vorn gebracht werden.BLZ/LAUTENSCHLÄGER Auch Science-Fiction-Autor Douglas Adams war Gast im Kesselhaus.

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