Die 57. Filmfestspiele von Cannes endeten am Sonnabend nicht mit einer ästhetischen Unabhängigkeitserklärung, sondern mit einer politischen Demonstration. Die Jury unter Vorsitz von US-Regisseur Quentin Tarantino vergab die Palme d'Or des Festival de Cannes an die Agitprop-Dokumentation "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore (siehe Berliner Zeitung vom 18. 5. 2004) . In dieser Entscheidung manifestiert sich eine grundsätzliche Abstandsverringerung zwischen Kino und Realität: Sie ist zum einen natürlich eine Solidaritätsbekundung für Moore, der schon vor Beginn des Festivals mit seinen Schwierigkeiten an die Öffentlichkeit ging, einen amerikanischen Verleih für"Fahrenheit 9/11" zu finden. Die Goldene Palme ist nicht nur ein ungewöhnlich zeitbezogenes Statement des Festivals - sie wird Moores flamboyanter filmischer Bush-Kritik in den USA auch erst die rechte Autorität verleihen. So wurden schon die Verleihstreitigkeiten um das heiße Eisen eines Berufsprovokateurs noch während des Festivals bereinigt: der Miramax-Mogul Harvey Weinstein hat seine Anteilsrechte an Moores Film vom zögerlichen Disney-Konzern zurückgekauft - damit scheint der US-Kinostart von "Fahrenheit 9/11" abgesichert.Schon liebäugelt Michael Moore mit einem ganz besonderen Startwochenende - dem 4. Juli. Doch wer will sich anmaßen zu entscheiden, ob Moore mit seiner Offensivität nun werbestrategisch oder aus tatsächlicher Verzweiflung handelte. Die Hollywood-Schauspielerin Charlize Theron überreichte die Goldene Palme am Sonnabend jedenfalls einem sichtlich überwältigten Regisseur: "Sie alle hier beim Festival sorgen dafür, dass die US-Amerikaner diesen Film doch sehen können! Sie haben ein Zeichen gesetzt!" Die Palme d'Or für "Fahrenheit 9/11" hat Moore seiner Tochter gewidmet, "den irakischen und amerikanischen Kindern und all jenen in der Welt, die unter den Folgen unserer Taten leiden müssen". Er wird dabei an die entsetzlichen und bisher nie gezeigten Bilder verbrannter und verstümmelter irakischer Kinder in "Fahrenheit 9/11" gedacht haben, die auch jenen Zuschauern nicht mehr aus dem Kopf gehen, die Moores unterhaltungsfixierter Agitationswut zu Recht mit Skepsis begegnen.Für das Kino ist der 4. Juli vielleicht deswegen kein Unabhängigkeitstag, weil das Kino nicht mehr unabhängig sein kann. Die Nachrichten über die Folterungen im Irak und die israelischen Angriffe im Gaza-Streifen infiltrierten die Atmosphäre dieser 57. Filmfestspiele von Cannes spürbar. Dass die Jury zum erstenmal in der Geschichte der A-Filmfestivals den Hauptpreis an eine Dokumentation verliehen und mit der Entscheidung für Moore also auch das politische Gebrauchskino aufgewertet hat, ist nur der endgültige Ritterschlag für eine generelle Tendenz im Weltkino. Denn dokumentarische Ästhetiken haben längst auch die Fiktionalität von Spielfilmen umdefiniert. Obwohl reportagehaftes Erzählen letztlich auch nur eine Form der Kunststilisierung ist, suggeriert es größere Wirklichkeitsnähe. Der Bedarf danach ist groß - manche Kritiker halten das für einen besonders hybriden Ableger des Eskapismus. Und doch hat die Jury dieses Glamour-beflissenen und Glanzverpflichteten Cannes-Festivals gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn der wackere Linkskämpe Moore ist mit seinen Filmen, Büchern und Shows längst ein multimedialer Star der Entertainment-Kategorie. "Fahrenheit 9/11" hat in Cannes denn auch riesige Publikumserfolge gefeiert, zwanzigminütige Standing Ovations eingeheimst und auch den Preis der internationalen Filmkritik FIPRESCI gewonnen. Letztlich konnte das Festival mit dem Hauptpreis für einen Regisseur, der sich auf dem berühmtesten roten Teppich der Welt mit den intermittents solidarisierte, sogar die Proteste der französischen Kulturarbeiter für sich reklamieren: Seht her, so fortschrittlich ist Cannes. Und so clever.Für Michael Moore war es ein ebenso erfolgreiches Festival wie für Thierry Frémaux. Der seit drei Jahren amtierende Programmchef von Cannes hat die Filme des Wettbewerbs und der Reihe "Un Certain Regard" zum erstenmal eigenverantwortlich ohne das antiquierte Geschmacksverdikt des Festivalpatriarchen Gilles Jacob ausgewählt und dabei gute Arbeit geleistet. Im Wettbewerb ragte zwar keiner der Filme absolut heraus, aber er war nahezu durchgängig stark besetzt, mit wunderbaren Produktionen wie die von Agnès Jaoui und Stephen Hopkins. Und Frémaux hat das Cannes-Festival nicht nur souverän aus der schweren Krise von 2003 herausgeführt, sondern auch die Amerikaner an die Croisette zurückgeholt. Unter seiner Federführung hat sich nicht nur die Atmosphäre entspannt, sondern auch der Filmmarkt erholt - elf Prozent Zuwachs. Und auch das französische Kino genoss seine Ehrenrettung: Alle drei französischen Filme im Hauptwettbewerb wurden ausgezeichnet; am meisten freut man sich über den Drehbuchpreis für Agnès Jaouis Film "Comme une image". Mit "Old Boy", der Comic-Adaption des koreanischen Regisseurs Park Chan Wook gewann der ästhetisch interessanteste Film immerhin den Großen Preis der Jury. Ein erfolgreiches Festival war es auch für den deutschen Film. Zwar ging Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" leer aus, aber der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag seit elf Jahren brachte der hiesigen Filmbranche doch den erwünschten Prestigezuwachs. Vor einer Woche hat Hans Weingartner den Rummel um die Ehre der Hoffnungsträgerschaft lässig als unwichtig durchgewinkt. Cannes hat Michael Moores Film auch eine Hoffnungsträgerschaft aufgeladen: Im November finden in den USA die Präsidentschaftswahlen statt. Die Festivals sind in Bewegung.------------------------------Die Preisträger von Cannes 2004 // Goldene Palme: "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore (USA)Großer Preis der Jury: "Old Boy" von Park Chan-wook (Südkorea)Beste Darstellerin: Maggie Cheung (China/Hongkong) im Film "Clean" von Olivier Assayas (Frankreich)Bester Darsteller: Yuuya Yagira (Japan) im Film "NobodyKnows" von Kore-eda Hirokazu (Japan)Beste Regie: Tony Gatlif (Frankreich) für "Exils"Bestes Drehbuch: Agnés Jaoui und Jean-Pierre Bacri (Frankreich) für "Comme une image"Preis der Jury: "Maladie tropicale" von Apichatpong Weerasethakul (Thailand) und die Schauspielerin Irma P. Hall (USA)Goldene Kamera für den besten Debütfilm: "Mon trésor" von Keren Yedaya (Israel)Goldene Palme für den besten Kurzfilm: "Trafic" von Catalin Mitulescu (Rumänien)Großer Preis der Jury für den besten Kurzfilm: "Flatlife" von Jonas Geirnaert (Belgien)"Un certain regard": "Moolaadé" von Sembene Ousmane (Senegal)"FIPRESCI"-Preis der internationalen Filmkritik: "Fahrenheit 9/11" Preis der Ökumenischen Jury: "Diarios de Motocicleta" von Walter Salles (Brasilien)Filmpreis der Cinéfondation: "Happy now" von Frederikke Aspöck (Dänemark)------------------------------Foto: Schauspielerin Charlize Theron überreichte die Goldene Palme dem überwältigten Michael Moore.
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