BUCKOW. Hans-Hermann Auersch muss nachdenken. Vor ihm liegt ein Album mit Fotos aus der Gropiusstadt. Es sind Aufnahmen aus dem Jahr 1966, als Auersch mit seiner Frau und den zwei Kindern in den Neungeschosser an der Fritz-Erler-Allee zog. Erster Stock, dreieinhalb Zimmer mit Essdiele. "Damals war alles unbebaut", murmelt der 81-Jährige. Er überlegt, von welcher Stelle aus er die Häuser damals fotografiert hat. Brachflächen, Baustellen und halb fertige Hochhäuser sind auf den Fotos zu sehen. Heute blickt Auersch von seinem Balkon auf Sträucher, Bäume und Hecken. Grün ist es in der Gropiusstadt und alles so gut erreichbar, sagt er. Der U-Bahnhof Wutzkyallee liegt nahe, bis zu den Gropiuspassagen läuft Auersch nur ein kurzes Stück. Einen Grund wegzuziehen, gab es für ihn nie. Erstmieter Hans-Hermann Auersch ist geblieben. Bis heute. Die Treue der Gropiusstädter zu ihrem Kiez birgt auch ein Problem. Die Gropiusstadt ist überaltert. Mehr als die Hälfte ihrer Bewohner sind über 50. Von den ehemals 55 000 Bewohnern, die zwischen 1962 und 1975 als Familien in Berlins erste Neubausiedlung zogen, leben heute noch 38 000 in den Hochhäusern. Die meisten sind Rentner. Ihre Kinder sind weggezogen. Auch Auerschs Kinder. Sie wollten lieber in Altbauwohnungen, sagt er. Aus der von Walter Gropius als urbane lebendige Stadt geplanten Siedlung ist im Laufe der Zeit "eine Siedlung mit Schlafstadtcharakter" geworden, sagt Mathias Geyer. Er ist der Stadtteilbeauftragte der Gehag. Dem Wohnungsunternehmen gehören die meisten Wohnungen der Siedlung. 1995 hatte Geyer die Mieter befragt. Das Ergebnis war für ihn erschreckend: "Ein Drittel dachte damals an einen Umzug", sagt Geyer. Die Wohnungsbaugesellschaften und das Bezirksamt mussten reagieren. Vor-Ort-Büros entstanden, Kiez-Räte bildeten sich. 1997 organisierten Bewohner und Künstler eine Kulturkonferenz. Den Vorwurf, die Gropiusstadt sei eine Kulturwüste, wollten sie wiederlegen. Kunstaktionen wie die "Areale Neukölln" sorgten für Aufsehen. Es tut sich was, sagen die Initiatoren. Die Gehag eröffnete ein Nachbarschaftshaus, auch ein Abenteuerspielplatz entstand. "Gropiusstadt ist keine Trabantenstadt mehr", verkündet Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) zum 40. Jubiläum. "Dieser Stadtteil hat eine eigene Identität und ein eigenes Heimatgefühl entwickelt." Mathias Geyer äußert sich zurückhaltender. "In der Bevölkerung ist die Wende noch nicht so angekommen. Aber das wird noch."40 Jahre Gropiusstadt // 1962 beginnen die Bauarbeiten für das 248 Hektar große Wohngebiet. In Berlins erster Trabantenstadt, einem Demonstrationsprojekt des sozialen Wohnungsbaus, entstehen 17 500 Woh- nungen. 55 000 Menschen ziehen ein, vor allem Familien.1970 erhält die Siedlung den Namen des Architekten Walter Gropius, der das Neubauviertel plante.1986 finanziert der Senat zwei Millionen Mark für die Verschönerung der Gropiusstadt.1997 eröffnen die Gropiuspassagen an der Johannisthaler Chaussee mit 120 Läden auf 46 000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das Einkaufszentrum entwickelt sich zum Treffpunkt der Bewohner.2000 wollen Wohnungsbaugesellschaften und Mieterinitiativen den Wegzug stoppen. Sie starten die Aktion "Gropiusstadt 2000 - die zweite Chance". Eingangsbereiche der Häuser werden neu gestaltet, Biergärten, Cafés und soziale Einrichtungen sollen entstehen. Die Fehlbelegungsabgabe entfällt, um Besserverdienende ins Viertel zu holen. Kiez- AG, Künstler und Sozialarbeiter kümmern sich um kulturelle Angebote.2002 besteht die Hochhaussiedlung 40 Jahre. Zwei Prozent der Wohnungen stehen leer. Vom 7. bis 15. September findet eine Festwoche statt mit Konzerten und Festen. Am 14. September soll am Bat-Yam-Platz die längste Kaffeetafel der Welt aufgebaut werden. Der derzeitige Rekord liegt bei 660 Metern.Foto: BLZ/MIKE FRÖHLING"Ich habe hier alles, was ich brauche. " H. - H. Auersch Erstmieter
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