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Die Gründer von 1990: Wer macht jetzt den Laden weiter?

Die Gründergeneration von 1990 geht in Rente. In Ostdeutschland stellt sich damit eine Frage, die der Westen längst kennt, regional unterschiedlich stark, aber mit Wucht.

7 Min
Arbeiten in Mecklenburg-Vorpommern: Viele Unternehmen fehlen die Nachkommen. (Symbolbild)

Arbeiten in Mecklenburg-Vorpommern: Viele Unternehmen fehlen die Nachkommen. (Symbolbild)

© IMAGO/Klaus W. Schmidt

Manche Zahlen klingen wenig spektakulär und beschreiben doch einen Umbruch: Für rund 186.000 Familienunternehmen steht nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn zwischen 2026 und 2030 eine Unternehmensübertragung an – im Schnitt sind das gut 37.000 Betriebe pro Jahr, deren Eigentümer aus Alters-, Krankheits- oder Todesgründen ausscheiden. Auf Ostdeutschland (einschließlich Berlin) entfallen davon 16,3 Prozent.

Aber im Osten fällt der Generationenwechsel mit einer historischen Sondersituation zusammen. Ein Großteil der heutigen Inhaberschaft hat die Betriebe nicht geerbt, sondern nach 1990 selbst gegründet, privatisiert oder aus dem Treuhand-Umbruch übernommen. Wo im Westen oft die dritte oder vierte Generation übergibt, steht im Osten häufig die erste privatwirtschaftliche Eigentümergeneration nach der DDR vor dem Rückzug, und das beinahe zeitgleich.

Es handelt sich also um ein ernstes strukturelles Risiko mit großen regionalen Unterschieden, nicht um eine statistisch bewiesene, flächendeckende Nachfolgekrise des Ostens. Die Bundesländer-Daten zeigen kein einfaches Ost-West-Gefälle. Mit rund 61 Übergaben je 1000 Unternehmen liegt ausgerechnet das westdeutsche Niedersachsen an der Spitze, während Berlin mit etwa 40 je 1000 Unternehmen bundesweit das Schlusslicht bildet. Die eigentliche Dynamik spielt sich kleinteiliger ab, als es die Ost-West-Erzählung nahelegt.

Ein Stau der Übergaben

Die Statistik bildet diesen Stau inzwischen ab. Gegenüber dem vorangegangenen Schätzzeitraum 2022–2026 werden vor allem in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mehr Übertragungen erwartet: 53 beziehungsweise 54 je 1000 Unternehmen. Für Sachsen rechnet das IfM mit rund 7200 Nachfolgen, etwa 51 je 1000 Unternehmen, ungefähr im Bundesdurchschnitt von rund 52.

Bemerkenswert ist das, weil die ostdeutschen Länder bei dieser Kennziffer lange darunter lagen. Der Osten holt auf - nicht, weil sich die Lage entspannt, sondern weil die Uhr abläuft. Zugleich bleiben Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern deutlich unter dem Spitzenwert Niedersachsens. Von einer einheitlichen „Ost-Dynamik“ kann angesichts dieser Streuung also keine Rede sein.

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Die Entwicklung hat auch mit der Wirtschaftsstruktur zu tun: mit vielen kleinen und mittleren Betrieben und einer Unternehmenslandschaft, die nach 1990 in kurzer Zeit entstanden ist. Gehen deren Gründer nun in Rente, ballen sich die Übergaben.

Man könnte erwarten, dass mit der Alterung der Unternehmerschaft auch die Zahl der Nachfolgen steigt. Sie tut es nicht: Laut IfM werden jährlich rund 800 Unternehmen weniger übertragen als noch im vorherigen Schätzzeitraum erwartet. Der Grund ist unbequem: Viele Betriebe sind für potenzielle Nachfolger schlicht weniger attraktiv geworden. Schlechtere Ertragslagen, gestiegene Kosten, unsichere Absatzperspektiven und Fachkräftemangel machen eine Übernahme riskanter.

Nicht jede Firma findet einen Nachfolger

Das IfM verfolgt bewusst einen marktbasierten Ansatz und zählt nur Familienunternehmen, deren Fortführung wirtschaftlich tragfähig erscheint – deren Ertrag also eine Unternehmerexistenz finanzieren kann. Selbst diese Zahl bildet nur einen Teil des Problems ab. Wo ein Betrieb nicht mehr genug abwirft, entsteht oft gar kein Markt für die Übergabe. Dann wird nicht verhandelt oder verkauft, sondern geschlossen.

Für einen Landkreis in der Altmark, im Erzgebirge oder in der Uckermark kann das bedeuten: Nicht jede Firma, die einen Nachfolger sucht, findet einen. Manche Betriebe werden gar nicht erst ernsthaft angeboten, weil die Rechnung von Beginn an nicht aufgeht. Diese Fälle tauchen nicht zwangsläufig in der Insolvenzstatistik auf – ein Unternehmen kann auch geordnet liquidiert oder schlicht stillgelegt werden. Die Übergabe, die nie zustande kommt, endet dann womöglich mit einem Zettel an der Tür.

Dazu kommt das demografische Grundproblem. Ein DIHK-Report aus dem Jahr 2023 zeigte für die IHK-Beratungen ein deutliches Missverhältnis: In Ostdeutschland einschließlich Berlin kamen auf einen Übernahmeinteressierten fast vier Unternehmen, die eine Nachfolge suchten, in Westdeutschland waren es 3,2. Das ist keine vollständige Statistik des gesamten Marktes, sondern beschreibt nur die bei den Kammern beratenen Fälle. Doch der Befund ist deutlich: Der Engpass liegt nicht allein bei Kapital und Finanzierung. Es fehlen Menschen, die einen Betrieb übernehmen wollen und können.

Die klassische Lösung, dass ein Kind den Familienbetrieb weiterführt, trägt dabei immer seltener. Eine Metaanalyse des IfM Bonn auf Grundlage von 23 empirischen Studien kommt zu dem Ergebnis, dass gut die Hälfte der Eigentümer ihr Unternehmen an Kinder oder andere Familienmitglieder übergeben hat, rund 17 Prozent an Beschäftigte und knapp drei von zehn an externe Käufer. Über die Jahrzehnte hat die familieninterne Nachfolge leicht an Bedeutung verloren, während interne Lösungen wie Management-Buy-outs und vor allem externe Übernahmen an Gewicht gewinnen.

Im Osten trifft dieser Trend auf eine besondere demografische Lücke. Die Kinder vieler Wendegründer gehören zu jenen Jahrgängen, die nach Schule, Ausbildung oder Studium in den 2000er-Jahren häufig die Region verließen. Zwar haben einzelne ostdeutsche Regionen inzwischen wieder Zuzug erlebt, doch bei jungen Erwachsenen bleibt die Abwanderung ein Problem. Gerade die Altersgruppe, die als zweite Unternehmergeneration infrage käme, ist vielerorts knapp.

Nachfolge ist nicht nur eine Eigentümerfrage

Mit jeder familienexternen Übergabe verändert sich die Logik des Geschäfts. Wer innerhalb der Familie übergibt, kann andere Kriterien anlegen als jemand, der verkauft. Bei einem externen Käufer zählen Ertrag, Wachstumsperspektiven, Fachkräfte, Immobilien, Kundenstamm und Finanzierung.

Eine externe Nachfolge muss dabei keineswegs schlecht sein – sie kann modernisieren, Investitionen ermöglichen und Arbeitsplätze sichern. Aber das Risiko wächst, dass Eigentum und Entscheidungen aus dem Ort wandern. Ein Betrieb kann verkauft, in eine größere Gruppe integriert oder nach einer Übernahme anderswo geführt werden. Dann liegt die Entscheidung über Investitionen, Ausbildungsplätze oder Standort nicht mehr dort, wo sie 35 Jahre lang lag.

In Regionen, in denen Handwerksbetrieb, Bäckerei, Autohaus oder Ingenieurbüro oft zu den letzten verbliebenen Arbeitgebern gehören, ist das mehr als eine Eigentumsfrage. Es entscheidet mit darüber, ob es vor Ort weiter Ausbildungsplätze gibt, Gewerbesteuer, Aufträge für regionale Zulieferer und einen Sponsor für den Sportverein. Es ist auch eine Frage für die Beschäftigten: Bleiben Arbeitsplätze und Mitbestimmung erhalten, wird investiert – oder nur noch verwaltet und abgebaut? Gerade in kleinen Unternehmen werden solche Fragen oft spät gestellt, weil Nachfolge lange als private Angelegenheit des Inhabers gilt. Dabei ist sie längst eine regionale Strukturfrage.

Eine amtliche Statistik, die verlässlich dokumentiert, wie viele Unternehmen tatsächlich übergeben, verkauft, geschlossen oder ohne Nachfolge abgewickelt werden, gibt es nicht. Das IfM Bonn arbeitet deshalb seit Mitte der 1990er-Jahre mit einem eigenen Schätzverfahren. Man weiß also erstaunlich wenig über einen der größten Eigentümerwechsel der ostdeutschen Nachwendegeschichte.

Sicher ist nur: Die Generation, die den Osten nach 1990 unternehmerisch neu erfunden hat, räumt in diesen Jahren ihre Schreibtische. Für manche ist das ein geordneter Übergang mit Notartermin und neuer Geschäftsführung. Für andere endet eine Lebensleistung, weil kein Kind übernehmen will, keine Fachkraft nachrückt und kein Käufer einen tragfähigen Betrieb sieht.

Was sich hier abzeichnet, ist deshalb keine bloße Welle von Renteneintritten, sondern ein ernstes strukturelles Risiko mit großen regionalen Unterschieden – ein Flickenteppich, in dem sich historische Ballung, Wirtschaftsstruktur und demografischer Wandel von Landkreis zu Landkreis unterschiedlich überlagern. Es ist ein verspäteter Effekt der Wiedervereinigung: Viele Betriebe wurden fast gleichzeitig gegründet oder neu aufgebaut. Jetzt verlassen ihre Eigentümer fast gleichzeitig die Bühne.

Ob daraus eine neue Unternehmergeneration entsteht oder eine schleichende Ausdünnung der lokalen Wirtschaft, entscheidet sich nicht allein am Alter der Inhaber, sondern an Erträgen, Finanzierung, Arbeitskräften – und daran, ob jüngere Menschen in der Region eine Zukunft sehen. Wo das nicht gelingt, verschwindet ein Unternehmen nicht immer spektakulär. Es verschwindet einfach.

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