Kommentar

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Hamas hat gewonnen

Die Hamas hat ihren Krieg gegen Israel verloren und ihren Sieg trotzdem bekommen. Europa hat ihn geliefert, in den Seminarräumen des Westens, und auf Berlins Straßen.

8 Min
Mehr als tausend Demonstranten ziehen am jährlich begangenen, 1979 von Ajatollah Ruhollah Chomeini ausgerufenen Al-Quds-Tag durch die Straßen – vereint in ihrer Feindschaft gegen Israel.

Mehr als tausend Demonstranten ziehen am jährlich begangenen, 1979 von Ajatollah Ruhollah Chomeini ausgerufenen Al-Quds-Tag durch die Straßen – vereint in ihrer Feindschaft gegen Israel.

© Anton Thiem/imago

Die Hamas hat gewonnen. Ihre Kommandeure liegen unter Trümmern begraben, ihre Tunnel sind eingestürzt. Das Gaza, das sie zu schützen vorgab, liegt in Schutt und Asche. Israel steht. Den Sieg hat Europa nachgeliefert. In westlichen Hörsälen und Redaktionen kostet die Trauer um die toten Juden alljährlich eine Schweigeminute, und erkauft das Recht, die Lebenden zu verraten.

Die Kontextualisierer waren schneller als die Gerichtsmediziner. Auf dem Nova-Gelände lagen am 7. Oktober die blutüberströmten Toten noch im Sand, im Kibbuz Be'eri qualmten die ausgebrannten Kinderzimmer, da entschuldigten die Elfenbeintürme in Berlin, London und Amsterdam schon die „Kontexte“.

Ermordete Kinder und Großmütter wurden posthum zu „Siedlern“ – ein Etikett, das in manchen Milieus wie ein Jagdschein für die Vogelfreien wirkt. Die Weltanschauung dahinter passt auf einen Bierdeckel: Wer stark ist, ist schuldig. Wer als unterdrückt gilt, bleibt unschuldig – selbst wenn er bis zu den Ellenbogen im Blut anderer steckt.

Intellektueller Resonanzraum der Hamas

Das Wort Genozid prangt auf Plakaten, in Instagram-Profilen und in Nachrichtentexten. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat im Verfahren Südafrika gegen Israel vorläufige Maßnahmen angeordnet. Ein Urteil, das Israel des Völkermords schuldig spricht, gibt es bis heute nicht.

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Auch die israelische „Apartheid“ pflegt eigentümliche Bräuche. 2010 verurteilte ein Richtergremium den früheren Staatspräsidenten Moshe Katsav wegen Vergewaltigung zu sieben Jahren Haft. Den Vorsitz führte George Karra, arabischer Israeli, später Richter am Obersten Gerichtshof. Apartheidregime haben vieles getan. Ihr Staatsoberhaupt von einem Angehörigen der angeblich entrechteten Minderheit einsperren lassen eher nicht.

Ein ganzes Milieu boxt täglich gegen einen Gegner, der die Schläge kaum spürt. Was unmittelbare Bedrohung bedeutet, weiß hier niemand aus eigener Anschauung. Seit 1945 steht eine fremde Armee zwischen Deutschland und allem, was ihm gefährlich werden könnte. Die Rechnung dafür zahlt Washington. Von diesem Sofa aus belehrt man ein Land, in dem die Töchter zum Militärdienst müssen. Aus gutem Grund.

Europas „Intellektuelle“ liefern derweil täglich Belege dafür, wie aus Terror erst „Kontext“, dann „Widerstand“ und schließlich eine akademisch beglaubigte Entschuldigung wird.

Die Mehrheit der lebenden Juden lernt daraus vor allem eines: Wer sie angreift, findet in Europa erstaunlich schnell intellektuelle Bodenbereiter des Terrors, die den Angriff theoretisch zu veredeln wissen. Die Hamas unterhält ihren bewaffneten Arm in Gaza – und ihren akademischen Resonanzraum in Europa.

2026: Berliner Jugend feiert zerfetzte jüdische Kinder

Auf den Straßen Berlins recken unterdessen junge Männer und Frauen die Faust stolz und gewinnend in die Handykamera und brüllen: „Yalla, yalla, Intifada.“ Linksislamistisches Cosplay, Palästinensertuch inklusive, ist in Berlin zum politischen Lagerfeuer, dem Kitt, avanciert, an dem Jung und Alt wieder zueinanderfinden.

Der Verwesungsgeruch dieses Todeskultes ist nur der Vorbote der Degeneration einer Gesellschaft, die ihren Zenit überschritten hat und nun unweigerlich auf ihren Exitus zusteuert. Man erinnere sich nur an das alte Rom, das sich auf ähnliche Weise aus der Geschichte verabschiedet hat.

Die richtige Intifada der Jahre 2000 bis 2005 sah aber weniger nach „Lifestyle“ aus. Am 20. November 2000 riss bei Kfar Darom eine Bombe einen gepanzerten Schulbus auf; zwei Erwachsene starben, die drei Geschwister Cohen verloren Arme und Beine.

Am 5. März 2003 zündete ein Attentäter im Bus der Linie 37 in Haifa seinen Sprengstoffgürtel, 17 Menschen starben, viele davon Schüler auf dem Heimweg. Helfer der israelischen Bergungsorganisation ZAKA kratzten Fetzen von Kinderkörpern vom Asphalt, schabten sie von Hauswänden, pflückten sie aus den Bäumen. Am Hermannplatz ist die Intifada eine gereckte Faust zwischen Falafelbude und Shisha-Bar, eine lockere Lifestyle-Geste. In Haifa war sie der zerrissene Körper der vierzehnjährigen Abigail Litle.

Selbstmordanschlag auf Buslinie 37 in Haifa im Jahr 2003, verübt von der Hamas.

Selbstmordanschlag auf Buslinie 37 in Haifa im Jahr 2003, verübt von der Hamas.

© B. Železník

Inzwischen gehört die Parole selbst zum Flurgespräch Berliner „Young Leaders“-Konferenzen, wo eine politische Mitte ohne Kompass Visitenkarten und Gesinnungen austauscht. Nur klassischer Opportunismus kann den Duckmäuserich der deutschen Machtzentralen für das neu „erwachte“ Prekariat weiterhin palatabel wirken lassen. So ein üppig vergüteter Funktionärsposten muss schließlich über Wahlen vom Souverän errungen werden.

Auf einer Reise, an der der Autor selbst teilnahm, schlug nach seiner Erinnerung sogar ein Regierungsdirektor des Bundeswirtschaftsministeriums, SPD-Mitglied, dieselben Töne an.

Als Kronzeugen dienen 150 jüdische Berliner, die per offenem Brief die Berliner Linke gegen Antisemitismusvorwürfe in Schutz nehmen; ein Teil unterschreibt ohne Namen. Wer sie zitiert, zitiert keine Juden, sondern die Entlastung, die er sucht.

Kapitulation auf Bestellung

Der Krieg ohne Tote war zu haben. Die Hamas hätte am 7. Oktober zu Hause bleiben können. Stattdessen ermordete sie an einem einzigen Tag rund 1200 Menschen und verschleppte 251. Während die Geiseln in feuchten Tunneln hungerten, verlangten europäische Politiker und Aktivisten vom Angegriffenen, das Terrorregime hinter dem eigenen Grenzzaun weiter zu dulden.

Diesen Rat hat kein Staat der Erde je befolgt, und keiner, der ihn erteilte, hätte ihn für sich gelten lassen. Die Hamas schrieb die Vernichtung Israels 1988 in ihre Gründungscharta. Israel nimmt sie beim Wort. Auf dem Schlachtfeld hat sie verloren. In Europa heißen ihre Mörder „Widerstandskämpfer".

Im Juli soll ein junger Mann dem Vorsitzenden einer Berliner Gemeinde auf dem Weg zum Schabbat-Gottesdienst „I will kill you" zugerufen und vor der Synagoge mehrfach den Hitlergruß gezeigt haben. Wochen später sitzt derselbe Mann in einem Neuköllner Jugendclub, meldet sich in der Fragerunde und beklagt, dass er nicht wählen darf.

Der Tagesspiegel druckt ihn als Erstwähler ohne Stimme. Eine Kandidatin der Linken antwortet mit Verständnis und wirbt für schnellere Einbürgerungen. Die Passage verschwand später aus dem Text, nachdem die Redaktion erfahren hatte, wen sie da zitiert hatte.

Man stelle sich vor, Berliner Juden hielten es wie die Hamas. Gemeindemitglieder aus Charlottenburg zögen mit Sturmgewehren über die Sonnenallee, als „Widerstand“ gegen genau das. Nach einer Stunde stünde die Innensenatorin vor den Kameras, in der ersten Minute fiele das Wort Terror, zu Recht. Kein Dozent erklärte die Ursachen, keine Zeltstadt forderte Kontext.

Tatsächlich lebt die Gemeinde hinter Panzerglas und Sicherheitsschleusen. Das Glas markiert, wie weit jüdisches Leben in der bunten Gesellschaft reichen darf. Gegen das, was danach kommt und ungesehen in die Postfächer prasselt, bleibt die Strafanzeige.

Opas Ablassbrief

Warum sind vor allem die Deutschen so eifrig und obsessiv mit den Juden befasst? Die Entnazifizierung blieb Stückwerk. 1957 waren laut der Studie „Die Akte Rosenburg“ rund drei Viertel der leitenden Beamten im Bundesjustizministerium frühere NSDAP-Mitglieder.

Dazu kommt Schuldabwehr: Sind die Juden von heute Täter, gleicht sich das Familienkonto aus. 2004 stimmte in der Bielefelder Studie „Deutsche Zustände“ rund die Hälfte der Befragten zu, Israel mache mit den Palästinensern im Prinzip dasselbe wie die Nazis mit den Juden. Jeder Genozidvorwurf löscht ein Wehrmachtsfoto aus dem Familienalbum.

Der Westen stand einmal für Gleichheit vor dem Gesetz, für individuelle Schuld statt Sippenhaft, für Wahrheit, egal wer sie ausspricht. Martin Luther King wollte seine Kinder nach ihrem Charakter beurteilt sehen. Heute sortiert ein tonangebendes Milieu Opfer nach Herkunft. Gerichte tagen, Parlamente stimmen ab, Ämter stempeln; die Idee dahinter verteidigt kaum noch jemand. Ein Land mit bröckelnden Brücken, abstürzenden Pisa-Werten und einer Bahn nach dem Zufallsprinzip weiß dafür ganz genau, wie der jüdische Staat sein Überleben zu organisieren hat. Ausgerechnet dieses Land.

Kolonisiert seit 70 n. Chr.

Am Forum Romanum in Rom steht der Titusbogen, errichtet um 81 nach Christus. Sein Relief zeigt Legionäre, die im Jahr 70 den siebenarmigen Leuchter, die Menora, aus dem brennenden Tempel davontragen. 65 Jahre später schlug Kaiser Hadrian den letzten jüdischen Aufstand nieder und taufte die jüdische Provinz Judäa in Syria Palaestina um, um den Namen der Juden von der Landkarte zu tilgen.

Ende des 7. Jahrhunderts ließ Kalif Abd al-Malik auf dem Mauerwerk des jüdischen Tempels, dem Tempelberg, den Felsendom errichten. Juden dürfen dort bis heute offiziell nicht beten. Genau das ist derselbe Zeitgeist, den die vehementen Leugner jüdischer Selbstbestimmung von links, rechts, der Mitte und der islamistischen Ecke am Leben erhalten.

Rom verkauft Eintrittskarten für seine Ruinen. Die Juden der Stadt mieden den Titusbogen fast zwei Jahrtausende lang. Nach der Gründung Israels zogen sie der Überlieferung nach hindurch, gegen die Richtung des Triumphzugs. Die Menora, die Titus' Soldaten davontrugen, prangt heute im Staatswappen Israels.

Die drei Cohen-Kinder aus dem Schulbus von Kfar Darom sind heute erwachsen. Die Parole, die ihnen Arme und Beine nahm, brüllen Demonstranten am Hermannplatz, und auf der Dienstreise eines Bundesministeriums taugt sie zum Smalltalk.

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