Mehr als anderthalb Jahrhunderte ging es hierzulande auch ohne - leider. Die fotografische Abteilung des New-Yorker Museum of Modern Art wurde 1940 durch Ansel Adams begründet, im gesamten angelsächsischen Raum galt schon im ausgehenden 19. Jahrhundert die These von Alfred Stieglitz, dass der fotografische Apparat "ein biegsames Instrument und nicht ein mechanischer Tyrann" sei - dass der Anwender aus dieser neuen Technik also eine Fülle von Interpretationen ableiten könne. Damit erscheint der Begriff der künstlerischen Freiheit für dieses Medium bereits hinlänglich geklärt, auch das Klischee von der strikt dokumentarischen Objektivität der Kamera ist damit passé.Wenn die Fotografie jedoch in Deutschland im Museum gezeigt wurde, dann versehen mit dem obligatorischen Hinweis, es handele sich in diesem Fall um künstlerische Anwendungen eines Massenmediums; darin jedoch schwang immer eine gewisse anderweitige Geringschätzung mit. Die Fotografie galt en gros eben nur als angewandte, also keinesfalls freie Kunst, mit der Lesart, dass sie sich der Deutungshoheit ihrer Auftraggeber, der Werbeindustrie etwa oder den Modemagazinen, nicht entziehen könne. Als der Fotograf und Sammler F. C. Gundlach im Jahr 1988 eine Ausstellung für die Hamburger Kunsthalle kuratierte, überschrieb er sie mit einem Wort Albert Oehlens: "Die Fotografie ist berechtigt, Denkanstöße zu geben" - aber die Diskussion, ob sie eine Kunstform sei, ist immer noch nicht vollständig beigelegt.Plötzlich kann es im deutschsprachigen Raum gar nicht schnell genug gehen, der Lichtbildkunst endlich eigene Häuser zu widmen. In der letzten Woche erst überließ Helmut Newton Berlin sein Archiv. Mit dessen Präsentation ab dem Frühsommer 2004 im ehemaligen Landwehr-Casino findet auch das Deutsche Centrum für Photographie im Rahmen dieser Stiftung nun die Räume, die sein Begründer, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ihm lange nicht hatte verschaffen können. Die im März 2003 wieder eröffnete Wiener Albertina widmet ihrer seit 1999 aufgebauten Fotosammlung erstmals ein eigenes Geschoss, die Münchner Pinakothek der Moderne hat gerade angekündigt, mit dem Grundstock der Siemens-Fotokollektion eine eigene Sammlung aufzubauen.Doch Hamburg war schneller. Im August 2002 stand fest, dass die Deichtorhallen zum Internationalen Haus der Photographie umgerüstet würden, Gründungsdirektor ist Gundlach, der seine 12 000 Werke umfassende Sammlung (als Dauerleihgabe für 20 Jahre) in das neuartige Konzept einbringt. Von diesen Plänen kann man jetzt einen ersten Eindruck gewinnen: Zdenek Felix, der nach zwölf Jahren die Leitung der Deichtorhallen abgibt, hat eine Auswahl von 400 Abzügen getroffen, die unter dem Titel "A Clear Vision" das spezielle Sammlungsprinzip vom "Bild des Menschen" verdeutlichen und laut dem 77-jährigen Gundlach "das Schöne, Schreckliche, Elegante und Wilde der Fotografie" zeigen sollen.Sein ureigener Bereich, die Modefotografie, bleibt ausgespart bis auf ein Vogue-Cover Erwin Blumenfelds, auch Inkunabeln von Irving Penn, Diane Arbus, Nan Goldin, Les Krims oder Robert Frank führen die ungemein anregende Reise durch 50 Jahre Fotogeschichte anhand von 56 Vertretern nicht übermächtig an, sondern lassen Entdeckungen und Korrespondenzen Raum: Ein Akzent liegt auf osteuropäischen Fotografen wie Josef Koudelka, Antanas Sutkus, Ute Mahler oder Gundula Schulze Eldowy mit schwarzweißem, scharf kont rastiertem Reportage-Blick auf die harte Realität, die dabei so absurd sein kann; Schulze Eldowy ist mit "Der Führer" vertreten, das einen geistig Behinderten einem Marschtrupp von NVA-Soldaten vorwegparadieren lässt. Weitere Schlaglichter wirft die Ausstellung auf bildende Künstler, die mitunter in der Fotografie arbeiten - wie Günther Förg oder Fischli/Weiss; auf Aktfotografien von Sasha Stone oder Harry Callahan; auf Künstlerporträts von Richard Avedon oder Philippe Halsmann, der dem erschreckten Dalí drei Katzen aus dem Wassereimer entgegen schleuderte. In einem Kabinett warten Cindy Shermans Prothesenwesen, irgendwo daneben räkeln sich die in der Nahsicht surreal verfremdeten Frauen Bill Brandts, nahebei pinkelt ein Freund Wolfgang Tillmans auf einen Stuhl. Und Michael Najjars cleane Zukunftswesen mit leblosen Augen scheinen hinüber zu blicken zu Larry Clarks orgienfeiernden Teenagern der 70er-Jahre. Die Kluft zwischen dem mit zärtlichen Blicken abgetasteten Körper und der vorgefundenen kalten Welt, zwischen ästhetisch hoch verrätselten Werken und einer ungeschönten Wahrhaftigkeit ist tief - und ein erster Vorstoß, in Hamburg eine Schule des Sehens zu etablieren. Diese Bilder mögen nicht lügen, aber sie wollen dechiffriert werden, und diese Herausforderung nimmt man bei einer so fulminanten Zusammenstellung gern an.Mit diesem Vorgeschmack scheint die Diskussion darum, ob Hamburg ein wichtiges Forum der zeitgenössischen Kunst verloren habe, erst einmal beigelegt zu sein; in jener Stadt mit ihrer Ballung von Printmedien finden sich viele Befürworter von Fotografie-Ausstellungen. Vielleicht wurde auch wegen F. C. Gundlachs gutem Namen nur zaghaft darüber nachgedacht, dass Felix mit seiner glücklichen Hand für die Kombination von Publikumsrennern wie Roy Lichtenstein oder Joan Miró mit schwerer zugänglichen Künstlern wie etwa Hanne Darboven die Deichtorhallen in Eigenregie zur weltweit beachteten Institution gemacht hatte. Das spartenübergreifende Profil soll beibehalten werden, als neuer Direktor für die Nordhalle mit ihren die Fotografie ergänzenden Schauen wurde der Österreicher Robert Fleck gefunden. Aber auch in dieser Halle setzt man für das nächste Jahr mit der aus Israel übernommenen "Corpus Christi"- Ausstellung, mit Martin Parr und Anri Sala ganz auf die Fotografie. Die Südhalle wird Ende Januar 2004 für ein Jahr geschlossen: 2,5 Millionen Euro gibt die Stadt Hamburg dafür, dass die nötigen konservatorischen Grundlagen für die Fotografie geschaffen werden - denn in Hafennähe sind die Keller doch ziemlich feucht.A Clear Vision ist bis zum 25.1. 2004 in der südlichen Deichtorhalle zu sehen.Der Katalog (208 Seiten) kostet 29 Euro.SAMMLUNG F. C. GUNDLACH/DEICHTORHALLEN Eine surrealistische Sichtweise: Bill Brandts "Nude, Belgravia/London, 1951".
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