„Ragebait“ ist das Jugendwort des Jahres. Ragebait, der Wut-Köder, ist die Bezeichnung für künstlich erzeugte Aufreger in den sozialen Medien. Zum Beispiel postet ein Politiker eine angebliche Verfehlung des Konkurrenten, damit sich die eigene Bubble empört und wütend zeigen kann. Oder man provoziert als Abgeordneter im Bundestag durch wiederholtes Dazwischenrufen einen Rausschmiss, denn man dann reichweitenstark bei Instagram oder TikTok als Video präsentiert – sozusagen als märtyrerhaften Beleg für die eigene Meinungsstärke und Standhaftigkeit.
So polarisiert man öffentlich und schwört die eigene Gemeinde auf sich und den Gegner ein. Ragebait als bewusst eingesetztes Mittel der PR folgt dem Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie. In einer reizüberfluteten digitalen Welt ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut. Ragebait bricht mit dem traditionellen PR-Grundsatz, nach dem Kommunikation primär Vertrauen oder ein positives Image aufbauen soll. Stattdessen zählt Sichtbarkeit um jeden Preis. Mit einem negativen Reiz wie Wut und Empörung soll der „Wut-Köder“ die maximale Auslastung dieses Prinzips garantieren.
Mit Ragebait und totaler Polarisierung wollen einige PR-Agenturen nun Manuela Schwesig zur Kanzlerschaft verhelfen. Die Chancen stehen gut: Das Prinzip ist bereits politisch erfolgreich erprobt. Zudem liegt die CDU ohnehin im Sterben.
„Schwesig oder Rechtsruck – SPD oder AfD“
Die PR-Agentur ASK aus Berlin-Tempelhof zeichnete für die Kampagne „Die Frau gegen Blau“ verantwortlich. Im September 2025 lag die SPD von Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern laut Infratest-Umfrage 19 Prozentpunkte hinter der AfD. Im Frühjahr 2026 waren es noch neun Prozentpunkte. Am Schluss der Aufholjagd trennten SPD und AfD nur noch 2,7 Prozent, dazwischen lag die ASK-Kampagne, und Schwesig kann nun mit einem rot-rot-grünen Bündnis erneut Ministerpräsidentin werden.
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ASK verfolgte im Wahlkampf nach eigenen Angaben eine extreme Zuspitzung: „stabile Verhältnisse oder Rechtsruck und soziale Härte“, „Schwesig oder Rechtsruck, SPD oder AfD“. Schwesig stand dabei im Mittelpunkt. Die Plakate mit Schwesigs Konterfei etwa waren in Rot gehalten, aber ohne SPD-Logo. Schwesig schwebte somit überparteilich als warme linke Hoffnung zur kalten blauen Alternative. Die siechende und letztlich tote CDU spielte bei der MV-Wahl ohnehin keine Rolle mehr.
Doch die MV-Wahl war für linke PR-Strategen erst der Anfang. Ein erfolgreicher Probelauf. Die Vorlage für Rot-Rot-Grün im Bund. Mit Schwesig als Kanzlerin.
Spin Doctoring: Taktisch Wählen und das Rehaugen-Video
Seit einigen Wochen rollt die Kampagne „neunund20“. 2029 wären regulär die nächsten Bundestagswahlen. „neunund20“ begreift sich selbst als „Bewegung für alle, die an soziale, gerechte und progressive Ideen glauben“ und will eine Community schaffen „für eine Mehrheit aus SPD, Grünen und Linken“. Auf Instagram sind es mittlerweile fast 80.000 Follower, auf TikTok immerhin 10.000. Da ist noch Luft nach oben, aber bis 2029 ist ja noch etwas Zeit. Und die Macher von „neunund20“ wissen, wie man die öffentliche Meinung beeinflusst.
Hinter „neunund20“ steht die PR-Agentur „The Goodforces“ aus Berlin-Prenzlauer Berg. The Goodforces hatte bereits zu Beginn des Jahres den Grünen Cem Özdemir zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gemacht: Ende Januar lagen die Grünen laut INSA-Umfrage noch acht Prozentpunkte hinter der CDU mit Manuel Hagel. Dann tauchte Ende Februar – zwei Wochen vor der Wahl am 8. März – das „Rehaugen-Video“ aus der Versenkung auf.
Jahre zuvor hatte Hagel als junger Landtagsabgeordneter nach einem öffentlichen Termin im Fernsehen über eine Schülerin namens Eva und deren „rehbraune Augen“ geschwärmt. Goodforces-Chef Peter Jelinek sagte im Mai auf der Digitalmesse Re:Publica rückblickend: „Wir nutzen das, wir greifen das auf.“ Man habe das Video im digitalen Diskurs verstärkt, zitiert die FAZ Jelinek: „Am Ende wurde der Balken zwischen Cem und Hagel immer kleiner“. Am Ende lagen Özdemirs Grüne sogar mit 30,2 Prozent knapp vor Hagels CDU (29,7 Prozent).
Verhängnisvoll: 2018 äußerte sich der CDU-Landtagsabgeordnete Manuel Hagel (links) im baden-württembergischen RegioTV in der Sendung „Auf ein Bier mit...“ zu den „rehbraunen Augen“ einer Schülerin.
© RegioTV/screenshot
The Goodforces hatten das Rehaugen-Video unter anderem der grünen Bundestagsabgeordneten Zoe Mayer zum Verbreiten zugespielt, ein Ragebait. Auf verschiedenen Kanälen wurde das Video insgesamt über sieben Millionen Mal geklickt, zählte die FAZ.
Doch nicht nur Cem Özdemir profitierte von The Goodforces, sondern auch Manuela Schwesig: The Goodforces zeichnen auch für die Kampagne „Taktisch Wählen“ verantwortlich. Für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt konzipiert trug sie zumindest ihren Anteil dazu bei, dass die AfD nicht die absolute Mehrheit erhielt. Aufgegriffen wurde das Konzept von verschiedenen Gruppierungen in MV. Im Ergebnis wanderten dann wohl zu viele Stimmen taktisch von der CDU zur SPD, wodurch die CDU in MV die Fünf-Prozent-Hürde riss. Fehlte in Sachsen-Anhalt ein populärer Gegenpart zur AfD, hatte man ihn in MV mit Manuela Schwesig gefunden.
Schwesigs Strahlkraft und die alte Nordstream-Geschichte
Schwesig ist laut jüngster INSA-Umfrage nach Boris Pistorius (SPD) die beliebteste Politikerin in Deutschland. Selbst hochrangige Unionspolitiker zollen ihr immer wieder Anerkennung. Sie habe die soziale Kompetenz und das Einfühlungsvermögen, das Friedrich Merz fehle, heißt es. Sie sei nahbarer, strahle Wärme aus, sei dennoch machtbewusst, giere aber nicht so plump um Macht wie etwa CSU-Chef Markus Söder. Und Wegbegleiter von Merz ergänzen hinter vorgehaltener Hand, dass Schwesig im Gegensatz zum beratungsresistenten Merz auch das Regierungshandwerk beherrsche. Eine ideale Kanzlerkandidatin also.
Doch selbst mit Schwesig könnte die SPD allein keine Regierungsmehrheit im Bund holen. Das klappt nur im Verbund mit Grünen und Linken. So wie in Bremen, so wie jetzt in MV und Berlin. Auf Bundesebene hat Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge bereits mehrmals Zustimmung für Rot-Rot-Grün im Bund gegeben. Die Linken zieren sich noch etwas. Linken-Chefin Ines Schwerdtner will zuvor von den Grünen eine klare Absage an schwarz-grüne Gedankenspiele hören.
Das wäre auch im Sinne der PR-Strategen. Denn eine klare Polarisierung benötigt Blau-Schwarz als Gegner, damit Rot-Rot-Grün die Rettung sein kann. Auf der einen Seite die Union („erzkonservativ“) und AfD („rechtsextrem“), auf der anderen Seite stehen mit SPD, Grünen und Linken die „progressiven Kräfte“ und der sichere Hafen des Sozialstaats.
Rot-Rot-Grün wird gefeiert: Die Kampagne „neunund20“ hat auf Instagram immerhin schon fast 80.000 Follower.
© Instagram/screenshot
Bei den Grünen fehlen heute populäre Köpfe wie Robert Habeck oder Annalena Baerbock, und die Linke kommt mit Heidi Reichinnek zwar zugkräftig, aber zu extrem daher: Bleibt also nur Manuela Schwesig als Kopf und Klammer der drei linken Parteien. Was Schwesig unterm Strich in MV über die Jahre erreicht, verbockt oder unterlassen hat, spielt da keine Rolle. Auch wenn sich die ökonomischen und demografischen Daten für MV, das seit 1998 von der SPD regiert wird, in den letzten Jahrzehnten nicht wesentlich verbessert haben: Es bleibt der Eindruck, dass sich Schwesig um die Menschen kümmert. Und Eindrücke, Meinungen und Emotionen sind nun mal wahlentscheidend, nicht kalte, nackte Daten. Auch das olle Nordstream-Thema samt dubioser Stiftung verblasst angesichts der Strahlkraft Schwesigs.
Am Ende bleibt von der Merz-CDU ein Gerippe übrig
Das linke Lager müsste noch ordentlich aufholen, um die Summe aus Union und AfD zu überflügeln. Je nach Umfrage fehlten zuletzt zwei oder auch mal neun Prozentpunkte. Mit Schwesig als SPD-Chefin und designierter Kanzlerkandidatin könnte die Aufholjagd womöglich gelingen. Die Hoffnung: Mit Friedrich Merz entbeint sich die CDU weiter. Deren Wähler fliehen zwar auch nach rechts zur AfD, aber eben auch nach links zu Rot-Rot-Grün. Am Ende bleibt von der Merz-CDU nur noch ein Gerippe übrig wie in MV, um das sich dann Totengräber wie Philipp Amthor kümmern können.
Manuela Schwesig (SPD), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, setzt sich für die Landtagswahl 2026 in Szene: „Die Frau gegen Blau“ - ohne SPD-Logo.
© Jens Büttner/dpa
Doch wer steckt hinter all diesen Kampagnen und Agenturen? Während sich im Wahlkampf die Parteien immer eine Lead-Agentur leisten, die für Design, Claims, Werbeschaltungen und Zeitplan verantwortlich ist, wäre dies zwischen den Wahlen zu teuer. Die Finanzierung ist undurchsichtig. Weder Linke, SPD noch Grüne wollen auf Anfrage dieser Zeitung zugeben, dass Geld zu The Goodforces oder deren Spendensammelverein TGF Media fließt. Vom SPD-Parteivorstand ließ ein Sprecher wissen, dass es sich rechtlich um eine sogenannte Parallelaktion gemäß Paragraf 27a Absatz 1 des Parteiengesetz handele, sozusagen um gespendete Werbung. Die SPD habe dieser zugestimmt und diese ordnungsgemäß der Bundestagsverwaltung gemeldet, so der SPD-Sprecher: „Eine inhaltliche Abstimmung der Kampagneninhalte von Seiten der SPD gibt es nicht.“
Schwer zu glauben, dass professionelle Agenturen und deren Netzwerke gratis arbeiten.
Die CDU stirbt und wird von der AfD aufgefressen
The Goodforces sind keine blauäugigen Aktivisten. Sie sind eine Ausgründung der PR-Agentur The Goodwins aus Berlin-Mitte. In beiden Agenturen sitzen PR- und Werbe-Profis im Management. Man hat früher bei internationalen Werbeagentur-Netzwerken wie BBDO oder Ogilvy gearbeitet, man kennt sich aus Studienzeiten an der Berliner Akademie der Künste. Hinzu kommen politische Erfahrungen bei den Grünen oder bei Umwelt-NGO wie dem WWF.
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Sie haben erkannt: Die CDU stirbt, sie wird von der AfD aufgefressen, ein Zurück zum Konservatismus ist unmöglich. Und sie wissen: Wer am lautesten schreit und im digitalen Raum viele Wut-Köder auslegt, gewinnt. AfD und die neue Linke praktizieren dies bereits erfolgreich. Und sie wissen es aus den USA: Wahlkampf und politische Meinungsbildung werden längst nicht mehr zentral von einem Parteibüro aus gesteuert. Ein modernes Outside-Campaigning speist sich durch viele externe Mitspieler – NGO, Verbände, Wahlinitiativen, Netzwerke, große, kleine und ganz kleine Spender.
Will die SPD also dem politischen Tod von der Schippe springen, wählt sie Manuela Schwesig zur Partei-Vorsitzenden und erklärt Union und AfD zum Gegner. Folgen die Sozialdemokraten dieser PR-Strategie, dann stehen die nächsten Bundestagswahlen nicht erst 2029 an.
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