Das war's. Am Sonntag um 22.47 Uhr wurde Sabine Christiansen, 49, aus ihrem Berliner Studio verabschiedet - mit einem Arm voll langstieliger weißer Rosen. Genau eine Viertelstunde später sagte Anne Will, 41, im Hamburger "Tagesthemen"-Studio "Auf Wiedersehen" - mit zwei zwar kleineren, aber auch farbenfroheren Sträußen.Über die Symbolik mag man mutmaßen. Weiß etwa ist die Farbe der Unschuld und Reinheit. Oder die des Schweigens und des Todes. Aber vielleicht sollten die Blumen auch nur zum sommerlichen Hosenanzug der Moderatorin passen.Überraschender SchlussgagDie Sendung als solche jedenfalls war wie immer, von einem überraschenden Schlussgag abgesehen. Christiansen fragte, ohne jemandem - in diesen Fall dem Bundespräsidenten - weh zu tun. Die Themen waren Horst Köhlers persönliche Sympathiewerte, das deutsche Selbstbewusstsein, die Fußball-WM, der Eintritt der Türkei in die EU, G8-Gipfel, Klimaschutz, demografischer Wandel, Hartz IV, Steuerreform, Heuschrecken-Debatte, Bildungsmisere, Föderalismusreform, die Migrationsproblematik, der Kosovo-Krieg und der 11. September. Unter anderem.Und das in von 55 Minuten, garniert mit Best-of-Schnipseln von Merz' Bierdeckel-Steuererklärung bis zu Schröders "Basta"-Sätzen. Jeder kann sich ausrechnen, was da an Substanz möglich war. Nur der Politikwissenschaftler Jürgen Falter, der selbst 23 Mal zu Gast gewesen war, hatte vorab in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" noch mal rasch Christiansens oberflächliche Gesprächsführung bedacht - und wurde prompt vom Empfang nach der Aufzeichnung ausgeladen. Aber derartige Kritik ist so alt wie die Sendung selbst. Aufgabe von "Sabine Christiansen" war es nie, das wirtschaftliche oder politische System in Frage zu stellen. Sondern die Zuschauer mit viel Einerseits und Andererseits brav ins Bett zu bringen.Nur folgerichtig stand deshalb bei ihrer 447. und letzten Sendung die Moderatorin selbst im Mittelpunkt. Dass sie entspannter, gelöster wirkte als sonst, kann nicht allein an der warmen Beleuchtung und dem weichen Make-up gelegen haben. Ganz offensichtlich war sie froh, es hinter sich zu haben.Und warum auch nicht? Sie ist verliebt, ihr neuer Partner lebt in Paris, der dazu passenden Stadt. Da sie allein als Moderatorin im letzten Jahrzehnt geschätzte 15 Millionen Euro brutto verdient hat, sollte sie auch materiell durch sein. Zudem moderiert sie für CNBC weiterhin das Format "Global Players" und engagiert sich bei diversen Stiftungen oder Unicef. Vor allem aber: Was könnte sie mit ihrer Sendung noch erreichen? Von der Goldenen Kamera bis zum Grimme-Preis hat sie alle Auszeichnungen bekommen. Auch männlicher Konkurrenz wie Erich Böhme oder Stefan Aust zeigte sie die Hacken. Alle Größen bis zum US-Präsidenten stellten sich ihr. Und der Bundespräsident bestätigte ihr am Sonntag höchstpersönlich, Fernsehgeschichte geschrieben zu haben. Da kann man sich über das Erreichte und auf freie Sonntage freuen. Zumal man nach denen nicht mehr als "Maus" oder "Queen Blabla" abgewatscht wird.Womit allerdings niemand gerechnet haben dürfte, war ihre Größe zum Abschied. Denn das eigentlich letzte Wort gab Christiansen ausgerechnet an "Dittsche", an das wirkliche Leben ab. Im abgewetzten Bademantel erzählte Olli Dittrich davon, wie er und Bekannte früher Räuber und Gendarm, heute jedoch immer "Sabine Christiansen" spielten. Eine Hommage der anderen Art. Als dann noch Günther Jauch, lange als Christiansen-Nachfolger gehandelt, bettelnd an das fettverschmierte Imbissfenster klopfte, aber nicht hereingelassen wurde ("Der hat hier Hausverbot, der Spinner"), war ein Höhepunkt feiner Medienironie erreicht.Anne Will blieb auf diesem Level, als sie mit obligatorisch gelupfter Augenbraue nach einem Beitrag über einen Friedhof für Fußballfans bemerkte, nun sei die Stimmung für ihren Abschied angemessen am Boden. Ihre letzte "Tagesthemen"-Moderation war so auch ein kleines Versprechen. Ob "Anne Will" informativer wird als "Sabine Christiansen", das steht dahin. Unterhaltsamer könnte es durchaus werden.In diesem Sinne: Schönes Leben noch, Sabine Christiansen. Und: Viel Glück, Anne Will.------------------------------Vier MillionenKnapp vier Millionen Zuschauer verfolgten am Sonntagabend die letzte Sendung von "Sabine Christiansen" im Ersten. Das entspricht einem Marktanteil von 14,7 Prozent. Am 16. September startet Anne Will ihren sonntäglichen Polittalk.Die Sendung von Anne Will wird nach Angaben des betreuenden Senders NDR "Anne Will" heißen. Die Moderatorin, die am Sonntagabend die letzte Ausgabe der "Tagesthemen" moderierte, habe dafür eine eigene Produktionsgesellschaft, die Will Media GmbH, gegründet.Für die Produktion der Sendung soll Will laut Branchenkreisen acht Millionen Euro pro Jahr von der ARD erhalten. Sabine Christiansen soll eine Million Euro mehr bekommen haben.------------------------------Foto: (2) Doppelter Abschied: Erst ging Sabine Christiansen, dann Anne Will. Doch die kommt ja bald wieder.
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