Kaffee, Bratwurst, eine Hüpfburg für die Kinder: Auf dem Victor-Klemperer-Platz in Marzahn setzt die Linke an diesem Nachmittag auf ein Wahlkampfformat, das man zuletzt vor allem von der AfD kannte. Bürger- und Familienfeste gehören dort längst zum festen Repertoire, um auch jenseits klassischer Parteiveranstaltungen Menschen zu erreichen. Nun greift die Linkspartei dieses Konzept offenbar auf. Bei 24 Grad und Sonnenschein haben sich vor dem Freizeitforum jedoch vor allem ältere Menschen versammelt.
Der Ort des Geschehens ist symbolträchtig: Fast 30 Jahre lang war Marzahn-Hellersdorf eine linke Hochburg. Heute ist davon wenig übrig. In Marzahn-Hellersdorf ist die AfD inzwischen stärkste Kraft. Die Linkspartei will das ändern und hat dafür einen ihrer prominentesten Wahlkämpfer mitgebracht.
30 Jahre lang links - heute rechts
„Das war mal eine rote Hochburg und das wird es am Sonntag sicherlich wieder“, sagt Dietmar Bartsch. Gemeinsam mit Gregor Gysi und Bodo Ramelow gehört er zu den sogenannten „Silberlocken“, mit denen die Linke im Wahlkampf um Aufmerksamkeit wirbt. Mit Blick auf deren Alter sagt Bartsch: „Lasst uns noch einmal kämpfen.“
Auch Gregor Gysi erinnert an die politische Geschichte des Bezirks. 1990 holte er für die PDS - Partei des Demokratischen Sozialismus, direkter Vorgänger der Linkspartei - sein erstes Direktmandat in Hellersdorf-Marzahn. Fast 30 Jahre lang galt der Bezirk als linke Hochburg - heute führt hier die AfD. Die Probleme, um die es heute gehe, seien laut Gysi andere als damals. Er nennt Gesundheit, Bildung, Mobilität und Wohnen. Besonders die Kinderarmut beschäftigt ihn. In einigen Kiezen sei mittlerweile etwa die Hälfte der Kinder von Armut betroffen.
Für die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp steht deshalb die soziale Frage im Mittelpunkt. Auf der Bühne sagt sie: „Ich werde mich mit Immobilienkonzernen, mit Merz und mit allen, wo es notwendig ist, anlegen.“ In Marzahn verspricht sie unter anderem ein Freibad, den Kampf gegen den Ärztemangel und die Unterstützung kommunaler Gesundheitszentren. Auch mehr Personal an Schulen und gleiche Bildungschancen unabhängig vom Einkommen der Eltern gehören zu ihren Forderungen.
„Neujahrsempfang für Wohnungslose“: Das will Eralp als Erstes im Roten Rathaus tun
Aus diesem Grund macht Gysi deutlich, wen er an der Spitze des Landes sehen will: Eralp müsse Regierende Bürgermeisterin werden. Berlin habe bislang nur einmal eine Frau an der Spitze gehabt – und diese Amtszeit sei „ein Ausfall“ gewesen, sagt er und spielt damit höchstwahrscheinlich auf die ehemalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey aus der SPD an.
Unter den Zuhörern stehen auch Aaron P. und Markus W., beide 28 Jahre alt. Aaron kommt aus Mahlsdorf, Markus lebt in Hönow. Die beiden Freunde sehen die Linke als die einzige für sie wählbare Partei. Ein Grund dafür ist die Wohnungspolitik. Die Mieten seien für sie eines der größten Probleme. Gleichzeitig ärgert Aaron die „Arroganz der CDU“ und er ist enttäuscht von der bisherigen Landesregierung und Bürgermeister Kai Wegner. An der Linken schätzen die beiden vor allem, dass sie die konkreten Bedürfnisse der Menschen stärker im Blick habe.
Kritik aus den eigenen Reihen
Trotz ihrer grundsätzlichen Unterstützung sehen die beiden aber auch Schwächen. „Linke zerfleischen sich von innen selbst“, sagt Aaron. Debatten darüber, wer „links genug“ sei oder sich etwa nicht ausreichend für Veganismus oder Tierschutz einsetze, würden Menschen eher abschrecken. Zudem müsse die Partei ihre Politik mehr Bürgerfeste und Gesprächsangebote organisieren.
Gerade darin sehen die beiden auch einen Grund für den Erfolg der AfD. Deren Veranstaltungen seien stärker auf Bürgernähe ausgerichtet, sagt Aaron. Die AfD biete mit ihren vielen Bürgerfesten eine sichtbare Präsenz, die der Linken fehle. Inhaltlich halte er die Partei allerdings für keine Alternative. Die AfD biete aus seiner Sicht vermeintlich einfache Antworten und arbeite mit „Lügen“ und „Hetze“. Für die beiden Freunde ist klar: Viele Menschen hätten eigentlich soziale Anliegen, würden aber besser von der AfD erreicht.
Markus wünscht sich zudem, dass der Tierschutz innerhalb der Linken mehr Beachtung findet. Er selbst hat früher die Tierschutzpartei gewählt, bevor er zur Linkspartei wechselte. Auf Elif Eralp als mögliche künftige regierende Bürgermeisterin freue er sich - dennoch glaubt er, werde sie es zunächst schwer haben, eben weil sie eine Frau ist. Aus diesem Grund seien laut ihm generell mehr Frauen in der Politik nötig.
Markus W. aus Hönow (links) und Aaron P. aus Mahlsdorf auf der Wahlveranstaltung der Linkspartei in Marzahn.
© Jacqueline Albrecht/Berliner Zeitung
Die Linke will an diesem Nachmittag in Marzahn vor allem eines vermitteln: Sie ist nicht nur eine Partei für ihre traditionelle Wählerschaft, sondern eine Partei, die sich um den Alltag der Berliner kümmern will. „Die Linke macht auch Politik für die, die sie nicht wählen“, sagt Aaron. Ob die Partei damit am Sonntag tatsächlich an ihre frühere Stärke in Marzahn anknüpfen kann, wird sich an den Wahlurnen zeigen.
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