Die Liste der stillen Helden

Thomas Götz
3 Min

Gerade fünf Jahre sind vergangen, seit Papst Johannes Paul II. den Vorschlag machte, zur Jahrhundertwende die Viten der christlichen Märtyrer im zwanzigsten Jahrhundert zu sammeln und zu publizieren. Jedes Land sollte sein eigenes Verzeichnis von Laien und Geistlichen erstellen, die für ihren Glauben gestorben sind. Die deutschen Katholiken sind die ersten, die das umfangreiche Projekt vollendet haben. Bischof Karl Lehmann, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, stellte am Donnerstag in Rom das zweibändige Werk "Zeugen für Christus das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts" vor. Die vom Schöningh-Verlag auf 1 300 Hochglanzseiten publizierten 700 Lebensbeschreibungen greifen weit über die heutigen Landesgrenzen Deutschlands hinaus. Prälat Helmut Moll, der Archivar der Diözese Köln und Herausgeber des Buches, schloß nicht nur die Opfer aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in seine Liste ein, sondern auch Sudetendeutsche, Russlanddeutsche und Donauschwaben. Österreicher jedoch fehlen trotz der sieben im nationalsozialistischen Deutschen Reich verbrachten Jahre. "Das zwanzigste Jahrhundert war das mörderischste Zeitalter der menschlichen Geschichte", zitierte Bischof Lehmann UNO-Generalsekretär Kofi Annan. "Es sind viel mehr leidgeprüfte Menschen, die für die Wahrheit des Glaubens den gewaltsamen Tod erlitten haben, als wir zunächst vermutet haben, ohne dass hier der Anspruch erhoben wird, ausnahmslos alle wirklich erfaßt zu haben", sagte Lehmann. Sollten nach Drucklegung weitere Fälle bekannt werden oder bisDie Liste der stillen Helden ---- Fortsetzung auf Seite 12 von Seite 11 ----- / Jahresende hinzukommen, denkt die Bischofskonferenz an die Publikation eines Zusatzbandes oder an Ergänzungen in einer möglichen zweiten Auflage des um 98 Mark erhältlichen Werks.Das Werk unterscheidet vier Gruppen von Märtyrern: Opfer des Nationalsozialismus, jene des Kommunismus, die sogenannten "Reinheitsmartyrien" von Frauen, die ihre Standhaftigkeit mit dem Leben bezahlten, und Blutzeugen aus den Missionsgebieten. Den in der DDR verfolgten Christen ein eigenes Kapitel zu widmen erwies sich letztlich als unmöglich. Zwar fanden sich Beispiele von Christen, die für ihren Glauben ins Gefängnis kamen, doch fand die Kommission der Bischofskonferenz keinen einzigen Blutzeugen aus der DDR.Als heikel erwies sich die Frage, ob und wie man die nichtkatholischen Märtyrer integrieren sollte. Der Papst hatte in seinem Schreiben "Tertio millennio adveniente" von 1994 ausdrücklich vom "Ökumenismus der Märtyrer" gesprochen. Moll entschied sich für einen Kompromiß. Da es aus den achtziger Jahren bereits ein lutherisches Verzeichnis von Glaubenszeugen gibt, integrierte er lediglich jene Nichtkatholiken, die in ökumenischen Kreisen integriert waren. Namentlich nannte Moll bei der Vorstellung die nichtkatholischen Mitglieder der Münchener Widerstandsgruppe "Weiße Rose", die in den Lebensbeschreibungen von Willi Graf und Kurt Huber integriert wurden. Auch der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer fand auf diese Weise Eingang in das Werk.Am Rande der Präsentation äußerte sich Bischof Lehman vage über den Gang des Ad-Limina-Besuches der deutschen Bischöfe im Vatikan. Die Gespräche mit den Kongregationen und die Papstaudienzen, die jeder Bischof einzeln absolviert hat, werden kommende Woche bei der Bischofskonferenz diskutiert. Ihm fehle derzeit noch der Überblick. Über die Schwangerenberatung sei natürlich auch geredet worden, neue Aspekte wären jedoch nicht aufgetaucht, sagte Lehmann.Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Hg. v. Helmut Moll. Schöningh Verlag, Paderborn 1999. 98 Mark.

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