Dieser Auftakt ging gründlich daneben: Gestern sollten in 100 Arztpraxen die Impfungen gegen Schweinegrippe beginnen - Fehlanzeige. Die Berliner Zeitung erreichte in einer telefonischen Umfrage unter 100 Ärzten mit Impfgenehmigung nur vier Praxen, die pünktlich starten konnten. Nach Angaben der Senatsgesundheitsverwaltung waren es 39 von bislang 216 Impfärzten. Alle anderen Ärzte hatten den Impfstoff Pandemrix noch nicht. "Wir haben vor einer Woche bestellt. Es ist nichts gekommen", sagte die Sprechstundenhilfe eines Allgemeinmediziners in Mitte.Dabei war der Andrang der Impfwilligen überraschend groß. Anrufer, die sich einen Termin geben lassen wollten, kamen nicht durch oder wurden auf Ende dieser Woche vertröstet. Einige Praxen ließen Anrufbeantworter mit Texten wie "Es gibt bei uns noch keinen Impfstoff. Praxisfremde Personen melden sich bitte bei den Gesundheitsämtern" laufen. Nach Angaben von Marie-Luise Dittmar, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, konnten viele Praxen nicht beliefert werden, da der Ausfahrer vor verschlossenen Türen stand. "Die Apotheke am Salzufer, in der der Impfstoff zentral gelagert wird, hatte als Lieferzeit 9 bis 18 Uhr angegeben. Aber die Ärzte haben häufig andere Öffnungszeiten", sagte sie. Gestern, so Dittmar, sollten 48 Praxen und heute weitere 105 versorgt werden.Der Allgemeinmediziner Jan Seeliger ist einer der wenigen, der den Impfstoff rechtzeitig erhalten hat. Gestern klingelte in seiner Praxis in Kreuzberg ununterbrochen das Telefon, Patienten standen Schlange vor dem Empfang. Fast alle wollten sich impfen lassen: chronisch Kranke, aber auch der junge Mann, der seine schwangere Frau schützen will. "Ich habe ziemlich lange herumtelefoniert, bis ich diesen Arzt gefunden habe", erzählte eine ältere Frau. 100 Dosen Impfstoff hat Seeliger bestellt. "Die waren für meine Patienten gedacht. Doch bislang sind vor allem fremde Patienten gekommen, so dass ich sofort nachbestellen muss", sagte der Arzt. Allein 50 Impfwillige hätten in der ersten halben Stunde nach Öffnung angerufen, so Sprechstundenhilfe Daria Biegisch. Die Anrufer konnten vorbeikommen, mussten sich aber auf lange Wartezeiten einstellen. "Bringen Sie bitte Ihren Impfpass mit", bat Biegisch eine Frau am Telefon, während sie einem Patienten ein Aufklärungsblatt in die Hand drückte. Die Impfaktion sei schlecht organisiert, kritisierte sie. "Ich habe heute Morgen wegen offener Fragen im Senat angerufen und wurde aufgefordert, ein Fax zu schicken."Auch in Praxen, in denen noch nicht geimpft werden konnte, ging es chaotisch zu. "Ich will meine chronisch kranken Patienten impfen, weil die geschützt werden müssen. Ich bin aber nicht darauf vorbereitet, die halbe Stadt zu impfen", sagte der Internist Mathias Coordt. Damit der Ansturm in seiner Praxis in Friedrichshain überhaupt zu bewältigen war, durfte die Auszubildende nicht zur Berufsschule und bediente das Telefon. Der Impfstoff sollte gestern eintreffen, um die Mittagszeit war er noch nicht da. Coordt nannte die Organisation "dilettantisch". Er hat an vier Tagen der Woche Impfsprechstunden eingerichtet, die außerhalb seiner regulären Sprechzeit liegen. "Anders geht es nicht", so Coordt. Auch eine Arzthelferin in Charlottenburg regte sich lautstark über die schlechte Organisation auf: "Es ist eine Sauerei vom Senat, denn wir wollen impfen, bekommen aber nichts geliefert."Das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) Karasu in Tempelhof hat bereits am 20. Oktober den Impfstoff bestellt - erst gestern Nachmittag wurde er geliefert. "Unverständlich" für Schwester Maria, die gut 200 Anrufe von Impf-Interessierten innerhalb von nur drei Stunden entgegennahm. Alle Namen stehen auf einer Liste, aus der jetzt ein Terminplan entwickelt wird. Frühestens am Donnerstag soll es losgehen mit den Impfungen. Im MVZ am Nollendorfplatz war zwar auch noch kein Impfstoff da, doch es wurden vorsorglich schon Termine vergeben. Im MVZ in der Gubener Straße in Friedrichshain nimmt man sich Zeit und bietet Impfsprechstunden ab kommendem Montag an. "Viele wollten sich schon Mitte Oktober impfen lassen, da gibt es schon Unverständnis, dass es jetzt noch mal länger dauert", sagte eine Mitarbeiterin.Unterdessen wurde in der Marzahner Paavo-Nurmi-Grundschule gestern eine fünfte Klasse für eine Woche nach Hause geschickt. Fünf Schüler sowie der Klassenlehrer sind an Schweinegrippe erkrankt. Insgesamt wurde seit Juni bei 1 246 Menschen in Berlin das H1N1-Virus nachgewiesen, ein 40-jähriger Mann ist Anfang vergangener Woche an Schweinegrippe gestorben. (eds., el., sk., tt., xal., xfö., xlk.)------------------------------Informationen im Netz oder telefonischEine Liste mit Ärzten, die gegen Schweinegrippe impfen, steht unter www.berlin.de/impfen im Internet. Impfwillige können unter ihrem Bezirk oder ihrer Postleitzahl einen Arzt in Wohnortnähe suchen. Angegeben sind Name des Arztes, Adresse und Telefonnummer.Auch Gesundheitsämter der Bezirke erteilen Auskunft über die Schweinegrippe-Impfung. Sie informieren ebenfalls, welche Ärzte impfen. Ihre Informationen basieren auf der Impfliste im Netz. In den Gesundheitsämtern selbst werden vorwiegend Nicht-Versicherte geimpft.Unter 115, der einheitlichen Behördentelefonnummer, erhalten Anrufer zwar keine Informationen zur Schweinegrippe und zur Impfung. Aber es besteht die Möglichkeit, sich mit dem zuständigen Gesundheitsamt des Bezirks verbinden zu lassen.------------------------------Foto: Ganz tapfer sein: Die Arzthelferin Daria Biegisch impfte gestern zahlreiche Patienten gegen Schweinegrippe. Die Praxis hatte als eine der wenigen Impfstoff.
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