Die neue Gedenkdebatte

Brenda Strohmaier Elmar Schütze
5 Min

Viel Erstaunliches kann man derzeit im Zuge des großen Interesses für das Papstamt lernen, etwa dass wir uns gerade in der Sedisvakanz befinden, der Zeit zwischen zwei Päpsten. Damit nicht genug. Wegen des Papst-Hypes muss man sich sogar im vatikan-fernen Berlin fundamentale Gedanken über die eigene Stadt und ihre Gedenkkultur machen.Denn manche wollen Johannes Paul II. auch hier gedenken. Und da es so viele Möglichkeiten des Gedenkens (Denkmäler? Hinweistafeln an Häusern, die er besucht hat?) nicht gibt, hat diese Frage in Berlin wieder eine Straßenschlacht der besonderen Art ausgelöst. Eine, bei der wie so oft in letzter Zeit um Straßennamen gekämpft wird. Eine, die wieder zeigt, dass Namen ein ganz besonders heikles Thema sind.Etliche Politiker haben sich bereits dafür ausgesprochen, den Polen-Papst mit einer Umbenennung zu würdigen, ein Christdemokrat aus Mitte träumt davon, die Karl-Marx-Allee dem Geistlichen zu widmen. Schön provokant. Aber braucht Berlin wirklich eine Papststraße? Müssen die 300 000 Katholiken hier noch mehr Katholisches im Stadtbild finden? Und vor allem: Braucht die Stadt noch eine Woytila-Debatte, wenn die Probleme Dutschke-Straße und Juhnke-Platz noch nicht gelöst sind?Schon eine kleine Internetrecherche bringt zu Tage, dass Katholiken hier alles andere als schlecht versorgt sind. So erfährt man im hilfreichen Heimatlexikon auf www.luise-berlin.de, dass etliche Straßen nach Heiligen und Orden benannt wurden - wie zum Beispiel die Johanniterstraße in Kreuzberg oder die Bonifaziusstraße in Tegel.Tippt man "Papst" in die Suchmaske, so gibt's gleich 92 Fälle, in denen Päpste irgendwie in die Benennung involviert waren. Einer der Treffer verrät, dass die Pacelliallee in Dahlem nach dem bürgerlichen Namen von Pius XII. benannt wurde, jenem Papst, der 1939 ins Amt kam und nie öffentlich gegen die Gräueltaten des Hitlerregimes protestierte. Da könnte man auf die Idee kommen, dass man die Pacelliallee umbenennen sollte, warum nicht in Karol-Woytila-Allee. Damit wären wir beim üblichen Problem der Straßenschlachten: Eine Umbenennung ist immer ein Politikum, auch deshalb, weil ja ein Name wegfällt. Und neue Visitenkarten her müssen.Erinnern wir uns etwa an die Debatte um die vielen Sozialisten, deren Namen aus dem Stadtbild getilgt wurden, die Wilhelm Piecks und Otto Grotewohls. Zu Recht verwiesen damals Kritiker darauf, dass solche Änderungen absurd seien, so lange es noch die Treitschkestraße in Steglitz gebe. Immerhin wurde diese Straße nach einem Historiker benannt, der im 19. Jahrhundert den Text "Die Juden sind unser Unglück" verfasst hatte. Und wir wissen alle noch, wie schwierig es war, die Reichssportfeldstraße in Flatowallee - also nach zwei jüdischen Sportlern - umzubenennen. Ganz aktuell streiten die Kreuzberger nun darum, ein Stückchen Kochstraße dem Studentenführer Rudi Dutschke zu widmen. Dessen Söhne träumen von einer "Ecke der Versöhnung" an der Kreuzung Rudi-Dutschke- und Axel-Springer-Straße.An all das darf man sich dank dem Papst noch mal erinnern, bevor man sich wieder unseren lokalen Problemen widmet - wie etwa dem Gedenken an den just ebenfalls verschiedenen Harald Juhnke. Derzeit fordern ein paar Weddinger, den Fordoner Platz nach ihrem Kiez-Genossen zu benennen. Bisher hat sich noch niemand beschwert, vermutlich, weil keiner mehr weiß, dass Fordon ein Ort in der früheren Provinz Posen, Regierungsbezirk Bromberg, ist.Das Problem mit Juhnke dürfte viel mehr sein, dass man eine Lawine von potenziellen Ehrungen lostritt. Denn wenn man ihn würdigt, müsste man wohl auch den Wittenbergplatz nach der Grill-Dame Brigitte Mira benennen (wegen der vielen Imbissbuden), die Bülowstraße in Günter-Pfitzmann-Chaussee (wegen seiner Rolle in "Praxis Bülowbogen"). Und Französisch Buchholz müsse dann logischerweise Horst Buchholz heißen.Auf solche Ideen kann man wegen des Papstes kommen. Noch etwas: Diese Redaktion ist katholischen Würdenträgern viel näher als sie bislang dachte. Denn dank www.luise-berlin.de wissen wir nun, dass die Karl-Liebknecht-Straße, an der die Berliner Zeitung residiert, einst Papenstraße hieß. Benannt wurde sie nach dem Hof der Bischöfe von Havelberg, der sich an der Ecke Rosenstraße befand. Damals wurden Bischöfe wie der Papst mit Papa angesprochen. 1947 wurde die Straße - der damaligen Mode entsprechend - nach dem Sozialisten Karl Liebknecht getauft.------------------------------Braucht die Stadt eine Woytila- Debatte, wenn die Probleme Dutschke-Straße und Juhnke-Platz noch nicht gelöst sind?------------------------------Foto: Johannes Paul II. Sowohl CDU- als auch PDS-Politiker fordern, eine Straße nach dem verstorbenen Oberhaupt der katholischen Kirche zu benennen. SPD-Chef Michael Müller schlägt vor: "Wir könnten eine Straße rund um die St. Hedwigs-Kathedrale in Mitte nach dem Papst benennen."------------------------------Foto: Harald Juhnke. Der Entertainer ist in Wedding aufgewachsen. Deshalb forderten einige Weddinger bereits wenige Tage nach seinem Tod, seiner in seinem alten Kiez mit einem Platz oder einer Straße zu gedenken. Im Gespräch ist zum Beispiel, den Fordoner Platz umzubenennen.------------------------------Foto: Brigitte Mira. Die Schauspielerin, die im März im Alter von 94 Jahren starb, wurde durch Engagements wie in Fassbinders "Angst essen Seele auf" spät zum ernst zu nehmenden Star. Ihre bekannteste Rolle ist und bleibt aber die in der Buletten-Serie "Drei Damen vom Grill".------------------------------Foto: Rudi Dutschke. Der Student war die charismatische Figur der 68er. Am 11. April 1968 wurde er angeschossen. Studenten, die glaubten, Zeitungen des Springer-Konzerns hätten den Attentäter animiert, randalierten an der Kochstraße, um die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern.------------------------------Foto: Horst Buchholz. Der Junge vom Prenzlauer Berg verkörperte im Nachkriegs-Westdeutschland einen Begriff, den es noch gar nicht gab: Coolness. 1960 spielte er in Hollywood "Die glorreichen Sieben", danach ging's eigentlich nur noch bergab, bis er am 3. März 2003 starb.------------------------------Foto: Günter Pfitzmann. Ein Neuköllner, wie er im Buche steht: bärbeißig, schnodderig, manchmal ein charmanter Gernegroß. Sein eigenes Denkmal setzte sich Pfitzmann als Dr. Brockmann in "Praxis Bülowbogen". Der Held des Boulevard starb am 30. Mai 2003 im Alter von 79 Jahren.

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