Im Visier

Die neuen Mauern im Kopf: Was ist aus der Freiheit von 1989 geworden?

Vor 36 Jahren ließen tausende Ostdeutsche Bevormundung und staatliche Kontrolle hinter sich. Heute erinnert manches wieder an das, was damals überwunden schien.

7 Min
Vizekanzler Lars Klingbeil SPD und Bundeskanzler Friedrich Merz.

Vizekanzler Lars Klingbeil SPD und Bundeskanzler Friedrich Merz.

© bildgehege/imago

Es ist noch nicht lange her, dass der Finanzminister aus der Regierung von Friedrich Merz Porschefahrer unter Generalverdacht gestellt hat, sie seien allesamt Betrüger. Wer das springende Pferd in der Mitte des Porsche-Wappens auf seiner Motorhaube hat, könnte schon mal auf die Blacklist des Staates geraten und von hoch dotierten Beamten gejagt werden. Das Porsche-Logo aus Stuttgart symbolisiert nicht mehr Kraft, Dynamik und deutsche Ingenieurskunst, sondern aus Sicht des Finanzministers in Berlin nun all jene Bürger, die zu viel Geld haben. Natürlich ergaunert.

Diese Form der staatlich organisierten Hexenjagd gab es in der der Deutschen Demokratischen Republik nicht. Im schlecht inszenierten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat, wo wir angeblich alle gleich waren, fuhren keine Sportwagen von Porsche über die Straßen und es gab auch keine Rolex-Uhren an den Handgelenken zu bestaunen.

Gefangenschaft der DDR

Im Gegensatz zum einfachen Volk lebten die wenigen SED-Bonzen aus der Staatsführung versteckt im Norden von Berlin in der Waldsiedlung Wandlitz und konnten ihre Luxusprodukte aus dem Westen hinter hohen Mauern ungeniert genießen. Im sogenannten Ladenkombinat gab es alles, was es in einem vom täglichen Mangel geprägten Arbeiter- und Bauernstaat nicht gab und für harte Devisen beschafft wurde. Sich hingegen als einfacher Bürger für Fleiß und Leistung mit etwas Luxus zu belohnen, war bei der Staatsführung verpönt und wurde mit Argwohn betrachtet. Die Bevölkerung hatte gleich zu sein. Klassenunterschiede durfte es im Sozialismus nicht geben.

Und alle Bürger, die aus dieser Gefangenschaft der DDR ausbrechen wollten, wurden von der Staatsführung und ihren Handlangern der Staatssicherheit drangsaliert. Der Finanzminister aus der Regierung von Friedrich Merz hat nie im real existierenden Sozialismus gelebt. Der Bundeskanzler auch nicht. Beide kennen keinen Mangel. Klingbeil, Jahrgang 1978, hat eine lupenreine Westbiografie. Diese ermöglicht ihm nur einen eingeschränkten Erfahrungsschatz. Seinen Amtseid hat er aber zum Wohle des ganzen deutschen Volkes abgelegt. Also auch für Brandenburg, Thüringen und die anderen neuen Bundesländer, wo es früher keine Porschefahrer gab, sondern höchstens Pakete aus dem Westen, um das Einheitsgrau im Sozialismus mit ein paar bunten Farbtupfern aus dem Kapitalismus erfreulicher zu machen (z.B. Milka-Schokolade, Levi’s Jeans oder Mandeln und Rosinen für den Weihnachtsstollen).

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Vielen jungen Menschen waren die „West-Pakete“ und die verbotenen Radiosendungen vom RIAS Berlin (Rundfunk im amerikanischen Sektor) aber irgendwann zu wenig. Sie wollten einfach nur in Freiheit leben, deshalb wagten sie die Flucht aus jenem Staat, dem sich die heutige Bundesrepublik Deutschland politisch immer mehr anzunähern scheint. Zitat des Bundeskanzlers: „Wir wissen, was richtig und gut ist für das Land.“ Nicht die Bürger, die mit ihren Steuergeldern überhaupt erst den Staat ermöglichen, wissen, wie sie leben möchten, sondern ein kleiner Kreis von Politikern in Berlin, der oftmals nie etwas anderes gemacht hat, als von diesen Steuergeldern zu leben.

Die damalige Flucht im Jahr 1989 über Ungarn können sich all jene Bundesminister nicht vorstellen, die keinen Schimmer davon haben, wie es ist, in permanenter Angst vor den Repressalien des Staatsapparates zu leben. Dafür haben wir damals unser Leben riskiert, denn niemand von den tausenden DDR-Bürgern wusste, ob er lebend in Österreich (dem Westen) ankommen würde.

1989: Flüchtlinge aus der DDR am Eingang zum Gelände des Deutschen Roten Kreuzes in Budapest.

1989: Flüchtlinge aus der DDR am Eingang zum Gelände des Deutschen Roten Kreuzes in Budapest.

© Sepp Spiegl/imago

Wir waren auf dem Weg in ein neues Leben, ein freies Leben, das dieses DDR-Grau hinter sich lässt. „Seid bereit! Immer bereit!“ konnte keiner mehr hören. Wofür bereit sein, wenn alles von der Blockpartei vorgegeben war und persönliche Entfaltung als Gefahr für das sozialistische Kollektiv angesehen wurde und die Spitzel unermüdlich jede Form von Privatsphäre zu zerstören versuchten? Alltägliches Misstrauen und Denunziation, um jedwede Form von persönlicher Erfüllung im Keim zu ersticken.

Heute hat der Finanzminister aus der Regierung von Friedrich Merz noch die Porschefahrer im Visier. Wenn es das Unternehmen Porsche vielleicht eines Tages nicht mehr gibt, weil nicht nur weitere 5000 Mitarbeiter bis 2035 abgebaut werden, sondern alle rund 40.000, wird es andere Symbole des Reichtums geben, die für den Staat verdächtig sind. Bis eines Tages auch in der Bundesrepublik Deutschland das Lebensniveau des real existierenden Sozialismus erreicht ist und Dinge des Alltags (modische Jeans, Designerbrillen oder moderne Smartphones) in Berlin auf den Index kommen.

Die geistigen Mauern

Auch dieses Kapitel wollten wir 1989 eigentlich hinter uns lassen. Wir wollten endlich die Begrenzungen nicht nur der physischen (Ausreiseverbot!), sondern auch der geistigen Mauern (Selbstbestimmtheit) aufbrechen. Und das war keine verbale Brandmauer wie heute, die nur ein gesprochenes Wort ist, sondern eine Betonmauer mit Selbstschussanlagen und Todesstreifen.

Denn nicht die überschaubare Eisauswahl aus Schoko, Vanille und Erdbeere in pappiger Waffel war das Problem, sondern die politische Moral der Deutschen Demokratischen Diktatur, die bereits nach 36 Jahren in der Bundeshauptstadt (im Jahr 2026) augenscheinlich in Vergessenheit geraten ist. Wenn heute im Bundeskanzleramt die Worte „wir brauchen mehr Sicherheit“ in den Mund genommen werden, läuft uns Ossis ein kalter Schauer über den Rücken.

Mitarbeiter der Staatssicherheit, die morgens um 6 Uhr in die Privatwohnung eindringen können, um im Auftrag des Staates zu schnüffeln. Gebäude der Staatssicherheit, in denen Vater und Mutter voneinander getrennt eingesperrt und verhört werden, weil sie anonym denunziert wurden. Bürger, die ins Gefängnis gesperrt wurden, allein aufgrund eines unbedacht gewählten Wortes. Kleinkinder, die aus politischen Gründen ins Kinderheim gesteckt wurden. All das kennen wir. Und wir dachten, es wäre Geschichte.

Damals wie heute werden all jene Charaktere im politischen Berlin belohnt, die sich unauffällig ins System einfügen. Wohin das geführt hat, konnte der „Wessi“ auf den Straßen der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Mauerfall live und in Farbe – wohl eher in Grau – sehen. Es war der allgegenwärtige Mangel. Unrecht und Unfreiheit hatten viele Bürger in den Jahrzehnten des Sozialismus in den Ruin getrieben, ohne dass sie (vor Mai 1989) eine realistische Chance hatten, zu entfliehen. Als der Stacheldrahtzaun zwischen Ungarn und Österreich durchschnitten wurde, durchströmten wir dieses winzige Tor in die Freiheit. Damals konnte noch keiner ahnen, wie fragil eben diese Freiheit ist, von der wir stets geträumt hatten. Der wahrscheinlich wichtigste Mann dabei: Gyula Horn. Ein Name, nach dem in Berlin bis heute weder eine Straße noch ein Platz benannt wurde.

Der ungarische Außenminister war es, der für uns den Eisernen Vorhang öffnete. Gyula Horn stand nie wie Friedrich Merz auf der Gehaltsliste eines US-Unternehmens, welches ein Vermögen von mehr als 12 Billionen US-Dollar verwaltet. Er gehörte einer Generation an, die die „soziale Marktwirtschaft und Demokratie“ der damaligen Bundesrepublik als überzeugend empfand. Wie er haben sich viele Ostdeutsche aufgemacht und sich ihren Wohlstand hart erarbeitet und nicht ererbt, wie Herr Klingbeil vermutet.

Völlig aus der Kontrolle geratene Bürokratie

Von dieser sozialen Marktwirtschaft ist nicht mehr viel übrig geblieben. Völlig aus der Kontrolle geratene Bürokratie, die eher zu Willkür als zu nachvollziehbaren Entscheidungen führt, eine Energiewende, die ideologische Vorgaben vor die Physik setzt, und ein ausufernder Staatsapparat, der kaum noch zu bezahlen ist, haben die Marktwirtschaft beerdigt. In der angebrochenen Zeit der neuerlichen Staatswirtschaft leben wir in einem anderen Deutschland, dem kaum noch Wertschätzung entgegengebracht wird.

Man kann nur hoffen, dass die kümmerlichen Wahlergebnisse vom September 2026 einen Erkenntnisprozess beim Noch-CDU-Vorsitzenden und seinem Finanzminister in Gang setzen, der in der Einsicht mündet, dass wir für jeden Porsche auf unseren Straßen dankbar sein können. Ob 911 Carrera, Cayenne oder Boxster – Traumautos Made in Germany von gut bezahlten deutschen Arbeitnehmern sind auch gut für das Steuersäckel.

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